Still und starr ruht der Festplatz Gummersbacher Strae am Donnerstag, den 9. Juni um 15 Uhr. Von wegen Vorstellung. Kein Zelt. Nirgends. Auch von Tieren keine Spur. Wachsendes Unkraut und ghnende Leere ist das "Europas grte Circusshow"? Nein, die blieb Kln verwehrt, genauso wie "Europas grter Kamelbulle". Das vom 4. Juni bis zum 3. Juli geplante Klner Gastspiel des Zirkus Barelli wurde abgesagt. Der Zirkus wurde aufgehalten von einer Razzia. Inzwischen hat er seinen Betrieb vorlufig eingestellt.

Ra-Ra-Razzia

Am Morgen des 26. Mai war es nicht der Hahnenschrei, der die Zirkusleute weckte, sondern die Staatsanwaltschaft Ansbach. Untersttzt von 100 Polizisten und Zollbeamten fhrte sie whrend des Nrnberger Gastspiels eine Grorazzia durch, wie die Nrnberger Zeitung am selben Tag meldete. Der Vorwurf: Steuerhinterziehung, Sozialabgabenbetrug und Menschenhandel. Der entstandene Schaden wird auf rund 700.000 Euro beziffert. Wie der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Karl am 30. Mai gegenber der NZ erklrte, bestehe der Verdacht, dass der Zirkus Barelli jahrelang rund vier Dutzend meist osteuropische Artisten und Arbeiter unter falschen Versprechungen nach Europa gelockt und ihnen dort den zugesagten Lohn vorenthalten habe. Teilweise sei die Aufrechterhaltung des Arbeitsverhltnisses durch Drohungen gesichert worden.

Von freien Mitarbeitern und dem freien Fall

Die Verantwortlichen des Zirkusses sehen sich als Opfer und wehren sich gegen die Vorwrfe. Indirekt rumt man in einer Pressemitteilung jedoch ein, dass die Zahlung der Gage in Abhngigkeit von der finanziellen Lage erfolgte - oder eben nicht. Zudem klingt die Verteidigungslinie, die Direktor Henry Spindler mit Hilfe seines Anwalts errichtet, abenteuerlich: Whrend die Staatsanwaltschaft die Zirkus-Mitarbeiter als Angestellte sieht, handelt es sich laut Barelli um freischaffende Knstler.

Solche gibt es anscheinend hufiger im Umfeld des Zirkusses: Auch bei dem Opfer eines tdlichen Unfalls, wegen dem vor einiger Zeit in Mainz gegen Spindler ermittelt wurde, handelte es sich um keinen Angestellten, sondern "einen rumnischen Bekannten eines Mitarbeiters". Das betonte zumindest der Anwalt des Direktors gegenber der NZ.

Inzwischen hat der Zirkus seinen Betrieb wegen der Vorwrfe aus wirtschaftlichen Grnden vorlufig eingestellt. Ist man einer Rufmordkampagne zum Opfer gefallen oder gab es einen begrndeten Verdacht? Nicht nur der Umgang mit dem Staatsanwalt, auch finanzielle Probleme sind nichts Neues. Hinter der Fassade des - laut Eigenwerbung - "schnsten Zirkus Deutschlands" tut sich fr Beobachter ein Abgrund auf. Abgeschminkt wird das Clownsgesicht zur hsslichen Fratze und der Spamacher entpuppt sich als Betrger, Gewalttter und Tierquler. In Internetforen kritisiert man Barelli als "Schande fr die deutschen Zirkusse" und "Spendenschnorrer". Auch vom "Betrgerzirkus" ist die Rede.

Die Schlagkraft des Clowns im Falle der Freikarte

Wohl nicht zu Unrecht. In der jngeren Vergangenheit hat der Zirkus Barelli auf hchst absurde Weise seinem Namen alle Ehre gemacht und groen Zirkus veranstaltet. Oft war dabei der Balanceakt am Existenzminimum der Ausgangspunkt. Als es im August 2010 finanzielle Schwierigkeiten gab und die Polizei zur Untersttzung eines Gerichtsvollziehers anrckte, griff ein Artist einen Beamten ttlich an. Wobei es geldtechnisch vielleicht nicht gerade vorteilhaft war, dass vier Jahre zuvor der damalige Direktor und ein Clown Bewhrungsstrafen erhielten, weil sie einen Zirkusbesucher zusammengeschlagen hatten. Andererseits: Es war ein Freikartenbesitzer. Was trotz aller Tragik einer gewissen Komik nicht entbehrt.

Im zweiten Teil geht es um Zaubertricks mit einem Pseudo-Direktor, den Untergang der heilen Zirkuswelt und den Vorwurf, Tiere wie Betriebskapital zu behandeln. Den zweiten Teil findet ihr hier.

Im dritten Teil geht es um die Scherben der Rckkehr des zerfetzten Dompteurs, altes Wasser in neuen Schluchen und das Warten auf die Namensjonglage. Den dritten Teil findet ihr hier.

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