Hier gibt es Teil 1 und Teil 2
Die Nhe zur Oberwelt ist im Gang merklich hher als im Rest der Keller. Zum ersten Mal seit einer Stunde hren wir wieder Gerusche aus der Zivilisation. Durch einen Luftspalt kann man die Strae ('Am Hof') mit ihren Autos und die vorbeigehenden Menschen sehen. Obwohl es viele solcher Spalten und ffnungen gibt, wird die Nhe zur Auenwelt hier erst wirklich sprbar. Es ist ein komisches Gefhl, wie in Gefangenschaft das Alltagsleben zu sehen und doch kein Teil von ihm zu sein.

Wir verlassen den Gang und steigen zurck in den Raum, in dem Dr. Becker auf uns wartet. Whrend unserer Abwesenheit hat er ein paar weitere Schmuckstcke gefunden, die in den Bereich Antiquitt fallen. So werden wir zuerst auf ein Radio aus den fnfziger Jahren aufmerksam gemacht. Nicht nur, dass es gut erhalten und eine kleine Raritt fr sich ist, man kann damit sogar noch Radioprogramme empfangen. Hier unten bekommt man besonders gut 1Live rein. Und das aus dem Keller!

Schmuckstcke im dunklen Keller

Raritt Nummer zwei ist eine Gedenktafel. Sie erinnert an gefallene Bonner Studenten im Deutsch-Franzsischen Krieg (1870-1871). Die Gedenktafel hing in der Aula der Universitt, dem heutigen Festsaal. Nach dem zweiten Weltkrieg hat man sie jedoch abgehangen und seitdem steht sie hier erklrt Dr. Becker.

Das letzte Schmuckstck steht eher unscheinbar in einer Ecke und dient als Ablage von Akten. Es ist ein Koffer aus dem Besitz des Bonner Historikers Wilhelm Levison, der 1939 aufgrund seines jdischen Glaubens ins Exil nach England geflohen ist. Als der Krieg vorbei war, berlie Levison der Universitt seine Bibliothek und Unterlagen. Nach seinem Tod brachte der Historiker Paul Egon Hbinger die Hinterlassenschaften des Gestorbenen in diesem Koffer nach Bonn. Hbinger wurde spter zum Archivar und Chronist der Universitt und so landete der Koffer im Keller.

Langsam kommen wir zum Abschluss unserer Tour. Dennoch liegt noch das Highlight des Abends vor uns. Wir verlassen den Kompaktanlage-Raum und finden uns in einem merkwrdigen Korridor wieder. Ein Schild am Eingang warnt: Unbefugten Zutritt verboten. Wir wagen es, den Gang, der von seiner Form her mehr an einen Bergstollen als einen geplant ausgehobenen Kellerkorridor erinnert, zu durchqueren.

Vorbei an weiteren Regalen und interessant gebauten Gngen, erreichen wir einen groen Raum, der voll ist mit Papierrollen, Toilettenpapier und anderen Verbrauchsgegenstnden. In der Mitte des Raumes steht ein groer Lastenaufzug. Dieser Raum gehrt eigentlich der Verwaltung und hat nur wenig mit dem restlichen Keller gemeinsam. Dennoch finden wir hier den krnenden Abschluss unserer Reise in den Untergrund.

Weinkeller unter der Uni?

Der eigentliche Grund fr den Ausflug in die Gewlbe des kurfrstlichen Residenzschlosses war ein Mythos, den ich in meinem ersten Studienjahr aufgeschnappt habe: die Universitt soll einen Weinkeller besitzen. Als ich mich aus Interesse daraufhin an die Universitt gewendet habe, bekam ich Antwort von Dr. Becker.

Er erklrte mir, dass der Weinkeller schon seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr existiert. Darber hinaus befand er sich auch nie im Besitz der Hochschule, sondern wurde verpachtet und war somit eine Einrichtung des Weinhauses Streng im Mauspfad (heute James Joyce). Auch wenn der Weinkeller nicht mehr existiert, so haben wir gehofft, dass es noch berbleibsel von damals gibt.

Und nun stehen wir in den Gewlben des ehemaligen Weinkellers. Der Raumabschnitt vor uns ist vollgestopft mit Kartons und alten Mbeln. Vor ein paar Monaten war dieser Raum leerer sagt Dr. Becker. Trotzdem kann man noch gut erkennen, was von damals brig geblieben ist: am Ende der Wand ist ein Raum eingelassen. Maximal einen Meter lang und zweieinhalb Meter hoch. Auf dem Boden liegt ein roter Teppich, ein Wappen der Kurfrstlichen Brauerei prangt an der Wand. Die Innenseiten des Torbogens sind kunstvoll bemalt und verziert. Auf einem Schild, das ber dem Eingang hngt, steht: Zum Alten Kurfrsten.

Da ist es nun, das Ende unserer Reise. Die Probierstube Zum Alten Kurfrst ist im ltesten Raum der Kelleranlage untergebracht. So endet unsere Suche mit der Gewissheit, dass es doch etwas an den Gerchten wahr ist, dass auch heute noch Rest des ehemaligen Weinkellers existiert. Auch wenn dieser im Moment mehr zur Aufbewahrung von Belegen und Rechnungen genutzt wird, als zum Verkosten von Alkohol.

Die Probierstube ist nur ein Teil des auergewhnlichen Gesamtpaketes, welches das Archiv der Universitt beherbergt. Ich kenne kein Archiv in Deutschland, das so aussieht erklrt Dr. Becker. Jedoch gibt es noch viele andere Rumlichkeiten im Untergrund, die Lust auf mehr machen. Neben dem schon erwhnten Luftschutzbunker im Alten Zoll, gibt es auch ein Ballettstudio in den Kellern.

Es gibt noch viel zu entdecken

Es ist Geschichte zum Anfassen, was da unter dem Hauptgebude der Universitt schlummert. Wohl den wenigsten Menschen ist bewusst, wie viel Geschichte und kaum bekannte Tatsachen sie umgeben. Die Keller des ehemaligen kurfrstlichen Schlosses fhren dem Besucher vor Augen, wie nah und greifbar Dinge sein knnen, die Hunderte von Jahren alt sind. Doch die Geschichte ist nur ein Aspekt des Zeitzeugen Keller. Man findet auch Geheimnisse und Abenteuer in den Gewlben unter dem Erdboden.

Egal ob Historie, Sightseeing oder Neugierde: Die Kellergewlbe des ehemaligen kurfrstlichen Residenzschlosses sind einen Besuch wert. Man taucht in eine andere Welt ein, die sehr nah an unserem Alltag ist und dennoch kaum wahrgenommen wird. Der Untergrund ist immer noch ein Mysterium mit seinen konstanten Wassereinbrchen und nicht erklrbaren Rumen und Gngen.

Auch Juliet und ich konnten uns nur schwer der Anziehungskraft entziehen, die diese alten Rume auf uns ausstrahlten. Begeistert verlieen wir die Keller der Universitt und haben uns geschworen, irgendwann weitere Rume des Bonner Untergrundes zu erkunden. Es gibt noch viel zu entdecken.

Neugierig geworden?

Es ist mglich, als Gruppe eine Fhrung bei Dr. Becker durch das Hauptgebude und die Keller zu unternehmen. Interessenten knnen sich gerne unter folgender E-Mail Adresse melden: th.becker@verwaltung.uni-bonn.de



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