Hier gibt es Teil 1
Einige behaupten, es handele sich dabei um Fluchttunnel. erklrt Dr. Becker. Doch viele Dinge sprechen gegen diese Theorie. Ein Fluchttunnel in Richtung des Poppelsdorfer Schlosses htte aufgrund eines ausgetrockneten und sumpfigen Seitenarmes des Rheins in enorme Tiefen gegraben werden mssen. Dies ist unwahrscheinlich, da in solchen Tiefen mit Grundwasser zu rechnen ist. Auch die Frage nach dem Wohin? muss man stellen. Im Falle einer Belagerung wre das Poppelsdorfer Schloss von Feinden besetzt gewesen, da es auerhalb der alten Stadtmauern lag. Die einzig sinnvolle Richtung fr einen Fluchttunnel wre hin zum Rhein.

Dr. Becker ist nicht berzeugt von der Fluchttunnel-Theorie. Viele gelehrte Leute glauben daran, ich denke jedoch, dass die Tunnel nicht dafr gebaut worden sind. Fr die Versorgung der Universitt sind sie natrlich ein Segen. Schmunzelnd zeigt er auf die groen Rohre, die in den dunklen Tunnel fhren.

Dass die Keller mehr als nur einen Nutzen hatten, beweist ein fast verschwundener Schriftzug an der Wand. Ruhe bewahren ist an der Wand zu lesen, wobei der Schriftzug schon zur Hlfte abgeblttert ist. Wie viele andere massive Gebude wurden die Keller als Luftschutzbunker genutzt.

An dieser Stelle endet der Gang. Weitere schwere Stahltren fhren in Richtung Koblenzer Tor. Weiter gehen wir nicht, weil diese Rume nicht mehr vom Archiv verwaltet werden und somit auch nicht mehr Teil von Dr. Beckers kleinem Kellerreich sind. Zwei Gehminuten spter finden wir uns an der Kellertreppe wieder. Nun geht es in die andere Richtung.

Auf der Westseite


Whrend die stlichen Keller des Hauptgebudes mehr den Charakter einer geheimnisvollen und alten Germpel-Kammer hatten, kommt die Westseite sehr viel gepflegter und moderner daher. Natrlich ziehen sich auch hier Rohre und Stromleitungen durch die Gnge. Jedoch werden die Rume vor allem zur Aufbewahrung von Akten genutzt. Es reiht sich Kompaktanlage an Kompaktanlage und ein bisschen fhlen wir uns wie im verrckten Labyrinth.

Bildarchiv, Personal- und Studierendenakten. Dokumente und Akten aus der Zeit zwischen 1818 und 2010 lagern in den riesigen blauen Schrnken. Dinge wieder zu finden sei kein Problem, erklrt uns Dr. Becker. Das Archivierungssystem macht es kinderleicht, spezielle Dokumente zu suchen und zu finden.

Doch auch dieser Teil des Kellers hat mehr zu bieten als nur Kompaktanlagen. Dieses Mal reicht das bloe Auge nicht aus, um ein weiteres Stck Geschichte und Mythos zu erkennen. Schauen Sie hier. Mit einer Handbewegung macht uns Dr. Becker auf die Wand aufmerksam. Wie Sie sehen knnen, ist die Mauer wesentlich massiver als in den anderen Teilen des Kellers. Warum das so ist, wissen wir nicht. Die Tragfhigkeit der Wnde ist um ein Vielfaches hher als das Gewicht, das auf ihnen lastet. Mit anderen Worten: Der kurfrstliche Prachtbau steht auf einem festungshnlichen Fundament.

Erneut lsst diese nicht zu erklrende massive Bauart Raum fr Spekulationen ber die Absicht dieser Entscheidung. Bevor sie 1715 abgetragen wurde, grenzte das Schloss an die Stadtmauer Bonns. Allerdings verlief diese am heutigen Hofgarten entlang und war somit weit entfernt von dem Kellerraum, in dem wir uns befinden. Ob die verstrkten Grundmauern ein Indiz fr eine anstehenden Festungsbau oder sogar eine Umfunktionierung des Residenzschlosses waren, sind Spekulationen, die sich nicht belegen lassen.

Fr Historiker sind die Rume unter der Universitt eine Fundgrube an Informationen. Dinge, die im Keller lagern, knnen ebenso Aufschluss ber die Vergangenheit geben, wie die Keller selbst. So ist man in der Lage, die Rume anhand der verschiedenen Bauarten der Wnde zu datieren, hnlich wie bei den Ringen eines gefllten Baumes oder den verschiedenen Schichten der Erde.

Allgemein sind die Kellerrume der Universitt wesentlich lter als das Residenzschloss, welches auf ihnen gebaut wurde. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Vorgnger des jetzigen Schlosses errichtet, der jedoch mehr als 100 Jahre spter zerstrt worden ist. Anfang des 18. Jahrhundert entstand es von neuem. Seitdem ist das Schloss zweimal durch Krieg und Brnde beschdigt worden bzw. ausgebrannt. Die Keller hingegen blieben meistens unversehrt. Einzig ein Bombenangriff im Jahre 1944 beschdigte einen Teil des Kellers.

Wohin gehts denn da?

Wir setzten unsere Wanderung fort. Die Kompaktanlagen werden grer und wir knnen ungefhr erahnen, welche Massen an Dokumenten hier unten gelagert werden. Erst auf den zweiten Blick sehen wir die kleine Stahlleiter, die zwischen den Anlagen herausragt. Sie fhrt zu einer Ausbuchtung im oberen Drittel der Kellerwand. In der Ausbuchtung ist eine Holzwand mit einer Tre eingelassen, hnlich einem provisorischen Durchgang auf einer Baustelle.

Ein weiterer Fluchttunnel vielleicht berlege ich. Bevor ich mir den Durchgang genauer anschauen kann, wundert sich meine Fotografin: Wohin gehts denn da?
Wollen Sie es sich selbst ansehen?, fragt Dr. Becker. Klar, gerne! Juliet ist schon mit einem Fu auf der Leiter. Keine zehn Sekunden spter ist sie hinter der Holztr verschwunden. Nun packt auch mich die Neugierde und ich klettere ihr hinterher.

Oben angekommen bietet sich ein interessantes Bild. Die Tr fhrt in einen langen sehr niedrigen Gang. Den Gang entlang laufen Rohre und Stromleitungen, der Boden ist voll mit Bauschutt: Bretter, Steine und Kabel liegen herum. Auf einem Wandabsatz steht eine alte Cola-Dose. Vermutlich wurde sie hier vor Jahren von Bauarbeitern vergessen. Nun wirkt sie wie ein berrest aus vergangener Zeit zwischen einer Masse an Schutt und Gerll.

Der Tunnel ist keiner von den Fluchttunneln, die unter dem Hauptgebude vermutet werden. Dr. Becker hat fr seine Existenz eine einfache Erklrung. Der Gang ist das Produkt von Restaurationsarbeiten. Als das Schloss 1777 abbrannte, hat man den westlichen Flgel einige Meter nach Norden versetzt aufgebaut, sodass er mit dem Ostflgel eine einheitliche Fassade bildet. Die alten Kellergrundmauern und das nun berhngende Schloss lieen einen Korridor entstehen, der ohne weitere Verwendungszwecke blieb.


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