Manchmal hat Angelika Wei genug von den Integrationsdebatten in den Medien. Die anhaltenden Negativ-Schlagzeilen zerren am Gemt der Leiterin des Internationalen Zentrums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Bad Godesberg. Erst letztes Jahr im Oktober erklrten die Medien die Integrationsarbeit im ehemaligen Botschafterviertel Bonns fr gescheitert. Den Anlass dafr gab die Autorin Ingrid Mller-Mnch. In ihrem Buch Zwei Welten, das auch in einem Theaterstck in den Kammerspielen inszeniert wurde, trifft das gehobene deutsche Bildungsbrgertum auf Kriminalitt und Perspektivlosigkeit seitens der Migranten. Die Gesellschaft sei gespalten, ein friedliches Miteinander nicht in Sicht.

Ein Jahr spter ist die Diskussion um das sogenannte Bad Godesberg-Phnomen zwar erloschen, die Integrationsdebatte auf Bundesebene steht hingegen in voller Blte. So lebt man nach Horst Seehofer in Berlin in einem Raumschiff, weil man die Lebensrealitt verkenne, dass sich trkische und arabische Migranten schlechter integrieren wrden. Und nach FDP-Generalsekretr Christian Lindner sollte auf Schulhfen eine Deutschpflicht herrschen. Trkisches Seilspringen? Nein, danke.

Blickwinkel erweitern

Das Internationale Zentrum betreibt Integrationsarbeit in Bad Godesberg und bemngelt die oft einseitige Berichterstattung. Gerade gegenber den Medien sollte man skeptisch sein, da sie zum Teil sehr polarisierend sind, warnt Wei. Auch Ingrid Mller-Mnch habe nur eine Perspektive von Bad Godesberg beleuchtet. Dabei ist gescheiterte Integration auf zahlreiche Faktoren zurckzufhren. Da gibt es nicht nur die unmotivierten Migranten, die es sich auf Kosten des Staates in deutschen Wohnzimmern gemtlich machen. Integrationsarbeit stt auch durch politische Barrieren an ihre Grenzen.

Ein Beispiel sind die Krzungen in der Sprachfrderung. Das ist wirklich eine Katastrophe, seufzt Wei. Migranten sind seit 2005 dazu verpflichtet Integrationskurse zu besuchen. Diese umfassen zwar kostenlose Deutschkurse, doch das hier vermittelte B1 Level reicht nur fr die Alltagskommunikation aus. Aber dieses mittlere Level hilft dir nicht, einen Ausbildungsbildungsplatz zu finden, sagt Agnes Szmigiel, Beraterin fr jugendliche Migranten. Das Internationale Zentrum bietet keine Integrationskurse an. Dafr hingegen Deutschkurse in Klassen mit nur zwlf Teilnehmern. 86 Stunden kosten hier 90 Euro. Das ist aber trotzdem fr einen Menschen, der von Arbeitslosengeld II lebt, zu viel, sagt Wei.

Es wird immer von Chancengleichheit geredet, aber dafr muss auch erst einmal die Grundlage geschaffen werden, kritisiert Wei. Dazu gehrt nicht nur eine bessere Bezuschussung von Sprachkursen, sondern auch ein Umdenken in Unternehmen. Trgt ein Bewerber einen trkischen Vornamen ruft das hufig Skepsis bei Personalchefs hervor. Dies belegte eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Universitt Konstanz im August 2010. Die berlegungen zur Einfhrung von anonymisierten Lebenslufen haben ihre Berechtigung, das erfahre ich auch hier in der Beratung, befrwortet Szmigiel den Vorschlag von NRW-Integrationsminister Guntram Schneider.

ngste und Verunsicherungen abbauen

Hufig knnen vorschnelle Verallgemeinerungen der Grund fr ngste und Verunsicherungen in der Gesellschaft sein. Natrlich ist ein gewisses Schubladen-Denken menschlich, sagt Wei. Doch bevor man in Verallgemeinerungen verfllt, muss man sich dazu zwingen die eigene Meinung zu relativieren. Nicht jeder Migrant ist unqualifiziert und nicht jeder ist ein Integrationsverweigerer. Gerade die im Zuge von Horst Seehofers Anklage verffentlichen Zahlen belegen, dass im letzten Jahr mehr trkische Migranten zurck in ihr Heimatland kehrten als neue Migranten nach Deutschland immigrierten. Einer der Grnde fr die Negativbilanz sind die langwierigen Prozesse bei der Zeugnisanerkennung. Es muss hier in Deutschland einfach etwas passieren, damit Qualifikationen leichter anerkannt werden, sagt Szmigiel. Die Menschen mssen ihre Potenziale nutzen knnen. Nach Angaben des Bundesbildungsministerium soll das Anerkennungsverfahren nun beschleunigt werden.

Um Verunsicherungen vor fremden Kulturen abzubauen, helfe es laut Wei oftmals auch, die umstrittenen Dinge persnlich anzusprechen. Das Problem ist, dass man sich hufig nicht traut etwas zu sagen, weil man Angst davor hat als verschlossen oder auslnderfeindlich zu gelten, sagt die Leiterin des Internationalen Zentrums. Doch gerade der interkulturelle Dialog helfe, eine gemeinsame Basis zu schaffen. Daher bietet das Internationale Zentrum interkulturelle Schulungen fr soziale Einrichtungen an. Ziel dieser Art von Unternehmensberatung ist es, sich fr Menschen aus anderen Kulturen zu ffnen.

Integrationsarbeit als All-Around Job

Das Entscheidende am Internationalen Zentrum ist jedoch, dass es auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruht. Migranten, die das Beratungsangebot hier wahrnehmen, sind hufig bereits motiviert. Die Beratungsstellen fr Jugendliche und Erwachsene helfen in erster Linie den eigenen Alltag aufzubauen. Dazu gehrt: Bewerbungen schreiben, Ausbildungs- und Arbeitspltze finden, Behrdengnge erledigen und Fristen nicht verpassen. Das ist ein All-Around-Job. Das geht von Schuldnerberatung bis zu Familienproblemen, sagt Wei.

Neben den Beratungen bietet das Zentrum jedoch auch ein facettenreiches Freizeitangebot an. So trifft man sich einmal die Woche zum Frauenfrhstck, gibt Gitarrenunterricht oder grndet einen Kurs fr Sitzgymnastik fr Senioren. Integration erfolgt hier nicht nur durch soziale und politische Teilhabe an Demokratie, sondern auch durch die Suche nach dem Gemeinsamen der Kulturen.

Motivation kommt durch Erfolg

Und allen negativen Medienberichten zum Trotz: Es gibt sie, die Erfolgsgeschichten. Darauf sind im Internationalen Zentrum alle Kollegen stolz. Das muss nicht eine berhmte Vorzeige-Integration wie Mesut zil sein. So berichtet Szmigiel von einem jungen Mann aus dem Senegal, der 2007 nach Deutschland einwanderte. Nachdem er die deutsche Sprache lernte, fand er einen Praktikumsplatz. Mittlerweile befindet er sich im zweiten Ausbildungsjahr. Er hatte zwar nur seinen Hauptschulabschluss, aber er berzeugte einfach mit seiner Persnlichkeit und seiner einzigartigen Willenskraft, erzhlt Szmigiel.

Gelungene Geschichten sind aber eine Nische in den Medien, bedauert Wei. Doch gerade aus diesen Geschichten schpft das Internationale Zentrum seine Motivation. Am 28. Oktober feierte es in der Bad Godesberger Innenstadt seine Neuerffnung. Fr die Zukunft wnschen sich die Kollegen eine bessere finanzielle Untersttzung und motivierte Klienten. Denn Wei und ihre Kolleginnen sind leidenschaftliche Vertreter einer Gesellschaft, die durch den gemeinsamen Dialog lernt, mit ihren Unterschieden umzugehen. Von anhaltenden Negativ-Schlagzeilen lassen sie sich nur selten beirren.

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