Anke Schmidt
   
campus-web: Guten Abend Frau Schmidt. Sie sind im Vorstand der Bonner Honspizeinrichtung Lighthouse. An diese Einrichtung schliet sich ein Betreutes Wohnen an, das heute sein 15jhriges Bestehen feiert. Knnten Sie kurz das Konzept des Betreuten Wohnens im Bonner Lighthouse beschreiben?

Anke Schmidt: Unser Verein richtet sich an schwerkranke Menschen, die bei uns in Appartments wohnen. Wir knnen dort maximal 16 Personen aufnehmen. Derzeit leben 13 Personen in den Appartments. Das Konzept besteht darin, so lange wie mglich die Selbstndigkeit und den eigenen Lebensstil der Menschen aufrechtzuerhalten. Wir versuchen, wenn mglich, auch noch dazu beizutragen, dass ihr Lebensstil noch weiterentwickelt wird. Das heit, wir betreuen und begleiten die Menschen je nachdem, wie weit ihre Krankheit fortgeschritten ist. Das kann Hilfe beim Einkaufen, aber auch die Organisation von medizinischen Diensten sein, denn wir selbst leisten keine medizinischen Dienste. Dies wird dann von einem Dienst auerhalb bernommen. Unsere sozialpdagogische Betreuung bietet auch Lebenshilfestellung, denn die Menschen, die bei uns wohnen, kommen aus einer sehr schwierigen Lebenssituation bzw. aus einem schwierigen sozialem Umfeld oder haben keine Familie mehr.

cw: Hat sich Ihre Arbeit in den letzten 15 Jahren verndert?

Anke Schmidt: Der Verein existiert schon lnger als 15 Jahre. Wir haben als Projekt angefangen. Damals haben wir ambulante Betreuung angeboten. Heute ist es so, dass die kranken Menschein ein eigenes Appartment haben. Gendert hat sich aber vor allem die Akzeptanz. Wir sehen heute, dass dieses Modell sogar zukunftsweisend sein kann. Wir versuchen nicht nur, medizinische Versorgung zu leisten, sondern an ihrem Leben teilhaben zu knnen. Dieses Modell ist ein Modell geworden, das trgt. Dies war vor 15 Jahren noch nicht absehbar.

cw: Mit welchen Schwierigkeiten mssen Sie sich auseinandersetzen?

Anke Schmidt: Wir haben 13 verschiedene Menschen in unserem Hospitz. Dies bedeutet ein soziales Miteinander und fhrt natrlich auch zu sozialen Konflikten. Ein weitere Punkt ist die Finanzierung unseres Modells. Wir finanzieren uns hauptschlich ber Spenden. Und die Spendenbereitschaft hat im Zuge der Wirtschaftskrise seit 2009 deutlich abgenommen.

cw: Wie bereiten Sie die ehrenamtlichen Mitarbeiter im Bonner Lighthouse auf ihre Arbeit vor?

Anke Schmidt: Wir bieten unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern 10monatige Vorbereitungskurse. Das ist notwendig, um den Umgang mit todkranken Menschen verkraften zu knnen und auch um mit der Verarbeitung des Schmerzes umgehen zu knnen. Wir haben zudem fachlich ausgebildete Mitarbeiter und fhren regelmig Supervisionen durch. Es gibt auch ein Erinnerungsfest einmal im Jahr, zur Erinnerung an alle Bewohner, die mal da waren. Dies ist auch eine Mglichkeit, nochmal Abschied zu nehmen. Wir bieten Workshops an, wie beispielsweise Unterweisung in Trauerarbeit. Die leiten dann auch unsere hauptamtlichen Mitarbeiter.

cw: Wieviel Zeit knnen Sie sich fr ausfhrliche Gesprche mit den Patienten nehmen?

Anke Schmidt: Die hauptamtlichen Mitarbeiter haben natrlich ihren 8-Stunden-Tag, aber die Ehrenamtler knnen sich ein bis zwei Stunden fr Gesprche nehmen. Diejenigen, die bei uns ehrenamtlich eine Betreuung bernehmen, haben eine oder hchstens zwei Personen zu betreuen und knnen sich die Zeit dann selbst einteilen. Manchmal kommen auf einen Bewohner sogar 2 Betreuer. Wenn es in die schwierige Phase geht, haben wir auch die Mglichkeit, eine Nachtwache hinzuzubekommen oder auch eine 24-Stunden-Betreuung zu leisten. Wir hatten dieses Jahr den Fall, dass alle Krfte hier dabei waren, und das war sehr intensiv. Danach ist man erschpft, aber es ist mglich und zum Glck haben wir unsere ehrenamtliche Mitarbeiter, denn allein mit den hauptamtlichen Mitarbeitern wre dies nicht zu leisten.

cw: Was wird den Patienten an Aktivitten angeboten?

Anke Schmidt: Die Menschen wohnen bei uns im Prinzip wie in einem Mietshaus. Von uns aus gibt es keine regelmigen Freizeitaktivitten, aber wir veranstalten zum Beispiel ein Sommerfest oder ein Weihnachtsfest. Ansonsten hngen die Aktivitten von den Ehrenamtlichen ab: Museumsbesuche, Einkaufen, Spaziergnge mit Begleitung. Ganz wichtig ist das gemeinsame Essen. Wir haben jeden Tag ein gemeinsames Mittagessen in der Gemeinschaftskche, an dem alle Patienten, soweit sie es mchten, teilnehmen. Das gemeinsame Essen ist mittlerweile zu einer Art Treffpunkt geworden.

cw: Was ist das Schwierigste an ihrer Arbeit?

Anke Schmidt: Als schwierig empfinde ich besonders auch die Akzeptanz in der Gesellschaft. Beim Kinderhospitz ist dies kein Problem. Aber alles, was darber hinausgeht, ist schwierig. Den Tod in der Gesellschaft als ein Thema darzustellen, das zwar schrecklich, aber nicht so furchtbar ist, dass man es immer wegdrcken muss. Auch das Thema Aidskranke und Drogenschtige. Da ist man irgendwie froh, dass diese Menschen weg sind. Und die Scheu, mit der viele Menschen das Thema auch des eigenen Sterbens angehen. Sie denken, das brauche ich nicht. Nicht selten sagen die Angehrigen, dass sie gar nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Wir bieten Hilfe fr die Angehrigen, damit sie keinen Burnout bekommen. In dieser Hinsicht wrden wir uns auch mehr Offenheit und weniger Verdrngung in der Gesellschaft wnschen.

cw: Was ist das Schnste an ihrer Arbeit?

Anke Schmidt: Es ist ein trauriges Thema, das in der Gesellschaft gerne weggedrckt wird, weil man sich auch immer fragt, wie man so etwas aushalten kann. Trotzdem mache ich die Erfahrung, wenn ich mit Ehrenamtlern spreche, dass die mir sagen, dass die Lebensfreude, die sie selbst bei behinderten Menschen noch kurz vor dem Ende erfahren, etwas Besonderes ist. Und ich kann jemandem helfen, sein Leben noch in Griff zu halten. Diese Freude, die da entsteht und die Ehrlichkeit, mit Lebensdingen umzugehen, und die ehrliche Zugewandtheit ist das Schne an der Arbeit. Manche Ehrenamtler sagen, dass sie bei ihrer Arbeit von denjenigen, die sterben mssen, noch fr sich dazulernen. Sie lernen, wie man leben kann.

cw: Bauen Sie eine persnliche Beziehung zu den Patienten auf oder halten Sie eher eine professionelle Distanz?

Anke Schmidt: Man muss eine professionelle Distanz wahren. Sicherlich ergibt sich auch eine freundschaftliche Beziehung zu den Bewohnern oder auch im ambulanten Dienst. Man hat also eine freundschaftliche Beziehung, aber es bleibt trotzdem eine Distanz, und man muss diese Distanz haben, um tatschlich auch als Begleitender die Arbeit gut machen zu knnen. Wenn die Beziehung zu eng wird, dann ist eine Supervision erforderlich oder man muss sich berlegen, ob diese Arbeit das Richtige fr einen ist; man ist dann gegebenenfalls nicht mehr fhig, noch eine zweite Begleitung durchzuhalten.

cw: Gibt es auch Patienten, die langfristige Heilungschancen haben?

Anke Schmidt: Ja, wir haben eine Patientin, die bereits 9 Jahre bei uns ist. Wir haben auch einige wenige Patienten, die es geschafft haben, sehr stabil zu werden, gerade bei HIV. Das gelang durch die Medikamentenentwicklung und dadurch, dass wir versuchen, das Leben der Patienten zu stabilisieren. Neben den Medikamenten sollen die Patienten auch einen Lebensrhythmus bekommen. Da haben wir einige wenige, die uns verlassen haben, die aus dem Hospitz in eine eigene Wohnung gezogen sind. Unsere Patientin Anne wrde eigentlich auch dazugehren, aber ihr gefllt es so gut in unserem Hospitz. Es ist nicht so einfach, alleine zu leben, wenn man keine Familie mehr hat.

cw: Welche Beziehung pflegen Sie zu den Angehrigen der Patienten?

Anke Schmidt: Bei den Bewohnern gibt es zum Teil kaum noch Angehrige, die sich fr sie interessieren. Wenn sich aber Familienangehrige interessieren, dann untersttzen wir das sehr. Wir hatten beispielsweise eine Dame im Hospitz, die Oma geworden ist, und wir haben uns sehr gefreut, dass die Tochter mit dem kleinen Kind zu ihr gekommen ist, bevor sie starb. Das haben wir sehr untersttzt.

cw: Wie finanziert sich der Hospitzverein?

Anke Schmidt: hnlich wie bei den Pflegediensten gibt es fr die Sozialarbeiter entsprechende Stze fr die Pflege von Todkranken im Hospitz, je nach Betreuungsbedarf. Aber wir sind auf Spenden angewiesen, denn alles andere (wie Aktivitten fr die Bewohner) wird ber Spenden finanziert.

cw: Was wnschen Sie sich fr die Zukunft des Bonner Lighthouse?

Anke Schmidt: Ich wrde mir wnschen, dass wir als Lighthouse, als Leutturm in Bonn noch bekannter wrden. Dass unsere Kompetenzen, einmal das betreute Wohnen aber auch die Komponente ambulante Betreuung, bekannter werden und dass die Menschen sich auch trauen zu sagen: ich brauche Hilfe. Dass die Menschen die Scheu verlieren, nach Hilfe zu rufen, wenn zu Hause jemand im Sterben liegt und keiner wei, wie er damit umgehen soll. Ich denke, dann wrde auch die Spendenbereitschaft steigen. Denn wir mssen immer kalkulieren, ob die Spenden reichen oder wir irgendwann zumachen mssen. Unser Anliegen ist, dass das Thema ein offeneres Thema wird.

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