Der eine will Atomkraftwerke früher abstellen, der andere möchte seine Wahlkampfversprechen erfüllen. Klingt eigentlich nicht sonderlich kontrovers und trotzdem haben die beiden Minister Norbert Röttgen und Guido Westerwelle in den vergangenen Tagen die politische Diskussion in den Medien beherrscht. Der Grund: Röttgen (Wahlkreis Rhein-Sieg II), ist für eine Politik gegen Atommeiler in der falschen Partei und Westerwelle (Wahlkreis Bonn), kämpft wenig subtil für den Schutz weniger Reicher vor gar zu vielen Schmarotzern.

Klar, überraschend war es schon, als sich der schwarzgelbe Umweltminister Norbert Röttgen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung für eine Laufzeitverkürzung alter Atomkraftwerke aussprach. Viele hätten ihm so etwas nicht zugetraut, war er doch früher für seine Nähe zum naturgemäß etwas weniger umweltverliebten BDI bekannt. Entsprechend groß war auch die Verwunderung in den Reihen der CDU über die Äußerungen Röttgens.

Warum eigentlich? Im eigenen Parteiprogramm wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Atomkraft lediglich eine „Brückentechnologie“ sei. Mancher versteht dies so, dass diese Technologie so schnell wie möglich von umweltverträglicherer Arten der Energiegewinnung abgelöst werden soll. Die Diskussion der letzten Tage machte aber wieder deutlich: Viele Unionspolitiker haben im Geiste bereits eine sehr lange Brücke gebaut. Dass dann der eigene Umweltminister nach wenigen Wochen im Amt mit schon fast grünen Ansichten daherkommt, musste zum Aufschrei führen.

Noch größer als dieser parteiinterne Zwist allerdings, ist der Wirbel, den Guido Westerwelle ausgelöst hat. Der Außenminister und liberale Parteichef setzt seinen Kampf für die Leistungsträger der Nation mit – für ein Regierungsmitglied – erstaunlich scharfen Tönen fort. Seinen Dauerbrenner aus dem Wahlkampf im letzten Jahr, „Arbeit muss sich wieder lohnen“, vertritt er auch jetzt noch. Und hält das Thema mit saftigem Populismus interessant. Gegnerische Meinungen werden als „Sozialismus“ pauschalisiert und der Lebensstil vieler Deutscher in die Nähe „spätrömischer Dekadenz“ gerückt. Damit macht man sich zum Dauergast in den Medien allgemein und vor allem auch in den Sichtfenstern roter Zeitungskästen.

Freunde allerdings gewinnt man mit solch polarisierendem Verhalten kaum. Sowohl seine Duzfreundin und Chefin Angela Merkel, als auch Teile der FDP rücken von Westerwelle ab. Für die Bundeskanzlerin, seit jeher darauf bedacht, dass nur niemand mitbekommt, wer hierzulande eigentlich regiert, muss Westerwelles Medienoffensive einem Amoklauf gleichkommen. Was sie auch durch die Blume hat verlauten lassen. Seine eigene Partei, wird langsam der Tatsache gewahr, dass 85 Prozent der Wähler im September nicht für sie gestimmt haben. So versucht man den Helden von gestern und Buhmann von heute, zurück ins Glied zu holen und ruhigzustellen.

Am Ende der „Bonner Woche“ ist es um Umweltminister Röttgen schon wieder deutlich ruhiger geworden. Außenminister Westerwelle hingegen setzt dazu an, seiner Regierung, der deutschen Politik und den Bürgern, eine Generaldebatte über das hiesige Sozialsystem aufzuzwingen. Nachdem ihm von Experten schon Qualitäten eines Franz-Josef Strauß nachgesagt werden, darf es als sicher gelten, dass er sich weder von der Kanzlerin, noch von der Partei beirren lassen wird.

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