Nach der verlorenen Bundestagswahl war allen SPD-Oberen klar: So konnte es nicht weitergehen. Schon wieder hatte man haushoch das Nachsehen, der Abstand zur CDU hatte sich noch einmal vergrößert. In einer für die Bundesrepublik Deutschland so wichtigen Zeit lief man Gefahr, den Anschluss zu verlieren und sich langfristig in der ungeliebten Opposition festzusetzen – mit den Kommunisten zu paktieren, kam aber auch nicht in Frage.

Betrachtet man die Voraussetzungen, unter denen vor 50 Jahren das Godesberger Programm formuliert und verabschiedet wurde, erinnert das zwangsläufig an die heutige Lage der SPD. Tief im Oppositionssumpf, abgehängt von jeglichem Anspruch, eine Volkspartei zu sein, ohne Bindung zu breiten Gesellschaftsschichten. Bei den drei Bundestagswahlen von 1949 bis 1957 verlor man jedes Mal empfindlich gegen Kanzler Konrad Adenauer, der seinen Stimmenvorsprung jeweils ausbauen konnte. Die Stimmen, die eine Erneuerung der Partei forderten, wurden lauter.

Im Jahr 1954 wurde eine Große Programmkommission gegründet, die ein neues Grundsatzprogramm formulieren wollte. Ihre Arbeit wurde schnell zu einem zähen Ringen um jeden Halbsatz, den Aufbau und erst zuletzt den Inhalt. Lange fehlte das „Schockerlebnis“, das die Partei zusammenführte. Als die CDU/CSU dann 1957 die absolute Mehrheit errang und fortan ohne Hilfe der FDP regieren konnte, wuchs die Furcht vor einem Ein-Parteien-Staat. Nun musste gehandelt werden.

So fanden schließlich die vier SPD-Denker Fritz Sänger, Willi Eichler, Erich Ollenhauer und Benedikt Kautsky zusammen, um das Programm erheblich zu kürzen und der Realpolitik anzupassen. Nach Vorlage beim SPD-Vorstand wurde ein außerordentlicher Parteitag einberufen. Dieser sollte dem Programm seinen Namen geben. Er fand in Bad Godesberg statt.

Drei streitbare Tage

340 stimmberechtigte Delegierte fanden sich also am 13. November 1959 in der Stadthalle in Bad Godesberg ein, um ausschließlich über das Programm zu debattieren. Tagespolitik und personelle Veränderungen sah die Tagesordnung ausdrücklich nicht vor. Dennoch sollten die folgenden drei Tage so nervenaufreibend und umkämpft werden wie kaum ein politischer Prozess überhaupt.

Denn auch wenn allen Beteiligten klar war, dass es ein „Weiter so“ nicht geben durfte, waren die Schlüsse aus dieser Erkenntnis höchst unterschiedlich. Während die Verfasser des Programms pragmatisch dachten und auf die politische Mitte zugehen wollten, sah der linke Flügel der Partei das Heil in einer klaren Abgrenzung zum damaligen bundesrepublikanischen System. Während das Programm die Anerkennung der Marktwirtschaft zum Inhalt hatte, forderten zahlreiche Ortsverbände die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien. Während die Parteioberen eine „freie Partnerschaft“ mit den Kirchen in Deutschland suchte, warnten einige Redner vor einer „klerikofaschistischen Gesellschaft“. Die Fronten waren verhärtet.

Den entscheidenden Ausschlag gab letztendlich Herbert Wehner. Der starke Mann der SPD, der sich zwar meist in der zweiten Reihe aufhielt aber von allen respektiert wurde, betrat das Rednerpodest. Die Delegierten erwarteten nun eine imposante Kritik am programmatischen Abschied vom Marxismus, immerhin war Wehner selbst bis 1942 Mitglied der KPD gewesen. Doch es kam anders. Wehner forderte, den Bezug zum Marxismus abzuschaffen und unterstrich dies mit dem eindrucksvollen „Glaubt einem Gebrannten!“. Die Front gegen das Programm brach zusammen. Als am Sonntag, den 15. November abgestimmt wurde, stimmten nur 16 der 340 Delegierten dagegen. Das Godesberger Programm wurde Leitlinie der SPD-Politik.

Die Zukunft beginnt

Die gewandelte Identität der SPD wurde schnell akzeptiert. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung konstatierte, man hätte es nunmehr nicht mit einer Arbeiterpartei, sondern einer Arbeitnehmerpartei zu tun. Das Bild einer dogmatischen, verkrampften Oppositionspartei wurde aufgebrochen. Auch der Kontakt mit den Kirchen wurde positiv aufgefasst. Die SPD wurde attraktiver für gemäßigte Wähler, für das Bürgertum und sozial denkende Oberschichten. Intern wurde jeglicher Wahlkampf darauf ausgerichtet, nicht als der Regierungsgegner, sondern als die „bessere Partei“ aufzutreten.

Von nun an wuchsen die Stimmenanteile stetig. Der Versuch der Konservativen, das Programm als Täuschungsmanöver zu diffamieren, schlug fehl. Dennoch sollte es noch zehn Jahre dauern, bis Willy Brandt mehr Demokratie zu wagen versuchte und zusammen mit der FDP die erste nicht christdemokratische Kanzlerschaft der jungen Bundesrepublik führte. Doch die SPD war in der Mitte des politischen Lebens angekommen. Der Aufbruch, dessen Signal von der Bad Godesberger Stadthalle in die gesamte Bundesrepublik schallte, blieb nicht ungehört.

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