Politik Lokal: Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister a.D., war am vergangenen Dienstag in der Hochschule Bonn Rhein-Sieg zu Gast und sprach mit Studierenden über ethische Werte.

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 Veranstalter Prof. Dr. Marc Ant
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Großraum Berlin 1945, kurz vor Kriegsende: Hans-Dietrich Genscher, Gefreiter der deutschen Wehrmacht, schlägt sich auf einsamem Himmelfahrtskommando durch ein Waldgebiet. Plötzlich steht er einem jungen russischen Soldaten gegenüber, die Maschinenpistole im Anschlag. Die beiden Männer starren sich erschrocken an, zwei hilflose Vagabunden im Nirgendwo. Ist jetzt alles vorbei? Doch keiner drückt ab, stumm drehen sie sich weg, laufen, sehen sich nie wieder.
„Damals hat er über mein Leben entschieden und ich über seins“, sinniert Genscher heute, im Hörsaal 1 der Hochschule Bonn Rhein-Sieg, „ein Ereignis, das mich tief geprägt hat.“ Denn Freiheit, so betont der Liberale, das kostbarste Gut der jungen Bundesrepublik, bedeute immer auch Verantwortung. In der zunehmend globalisierten Welt, einer „völlig neuen Phase der Geschichte“, gehe das, was in einem Land passiert, immer alle an. Egal, ob Krieg, Innenpolitik oder Rezession.
In amerikanischer Kriegsgefangenschaft beschloss Genscher, keine „Fremdbestimmung“ mehr zuzulassen, also – was sonst – „Verantwortung“ zu übernehmen. Keine leeren Worte: In der Regierung Willy Brandts von 1969 war er Innenminister, bei der Münchner Olympiade 1972 bekam er es mit palästinensischen Geiselnehmern zu tun. Als Außenminister unter Helmut Schmidt engagierte er sich für den politischen Spannungsabbau im Ost-West-Konflikt und in der deutschen Wiedervereinigung war er Kohls helfende rechte Hand.
Für ethisch-politische Fragen wäre er also ein exquisiter Ansprechpartner. Ein Beispiel: Auf Genscher und das Geiseldrama von 1972 geht es zurück, dass die Bundesregierung mit Terroristen und Geiselnehmern nicht offen verhandelt. Das heißt ethisch: das Leben von Wenigen wird riskiert, um das Leben von Vielen zu retten. Umgekehrt lehnte das Bundesverfassungsgericht 2006 einen Gesetzentwurf ab, der es erlaubt hätte, gekaperte Passagierflugzeuge abzuschießen, die von Terroristen als Waffe eingesetzt werden. Das Gericht beschloss ethisch: das Leben von Wenigen darf NICHT riskiert werden, um das von Vielen zu retten. Ein echtes ethisches Patt liegt also vor. Wie findet ein demokratischer Staat hier eine gemeinsame Position? Kann er das überhaupt?
Brisante Fragen dieser Art sind es, die heute leider nicht gestellt werden. Stattdessen geht es um persönliche Wertvorstellungen und ihre Bedeutung in der Politik. Nett, aber irgendwie wohnzimmerlastig – eine andere Schwerpunktsetzung hätte dieser interessanten Begegnung sicher gut getan. Trotzdem können die Studierenden viel von Genschers Lebenserfahrung mitnehmen. Sie hat ihn geprägt, aber niemals entmutigt. Und gerne gibt er sie weiter: „Sie werden im Leben allerlei Situationen erleben, wo Sie wie ein Baum im Orkan stehen. Wenn Sie dann Flachwurzler sind, sieht es für Sie schlechter aus, als wenn Sie Tiefwurzler sind.“