|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
"Himmel un Ääd" bestimmen das Koordinatensystems des Rheinländers an und für sich. Auch der Meckenheimer ist da keine Ausnahme. Wenn sich in der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer nach dem Schlusslied die Tore öffnen, strebt der gute Katholik ein Gebäude auf der anderen Straßenseite an. Über der Tür lockt ein Schriftzug: "Ristorante, Pizzeria". In der Eingangstür begrüßt ein Mann mit krausem schwarzem Haar die Eintretenden mit Handschlag. Es ist der Chef von "La Campana", Arif Irmak. "99% der Leute sagen, ich bin der Italiener", erklärt er lächelnd. Eigentlich kommt er aus der Türkei. Und ist Muslim. Einer von rund 1,4 Millionen in NRW. "Menschen mit Migrationshintergrund sind Alltag in Meckenheim. Ob man einkaufen, spazieren oder auf den Sportplatz geht, da sieht man die Wirklichkeit", gibt Christian van Engelshoven mit auf den Weg. Er ist der städtische Integrationsbeauftragte, der einzige dieser Art im Rhein-Sieg-Kreis. Und damit neben 80 verschiedenen Nationalitäten in der Stadt auch zuständig für das Thema "Muslime" – könnte man meinen. Integration versteht er als "das Aufeinanderzubewegen, um ein gemeinsames Ergebnis zu erzielen." Natürlich sei interreligiöser Dialog wichtig, aber gemeinsame Interessen stünden im Vordergrund: "Gewerbe ist ein Thema. Egal, ob einer muslimisch ist, Hauptsache die Hauptstraße läuft!" Der türkische Italiener In seinem Restaurant sitzt Arif Irmak und kann das nur bestätigen. Ganz Geschäftsmann liegt ihm zuerst die Hauptstraße am Herzen. Deshalb engagiert er sich im Zusammenschluss der Gewerbetreibenden. Gern ist er der Meckenheimer "Italiener". Seitdem er 1988 aus aus dem türkischen Palü nach Deutschland kam, arbeitete er sich in einer Meckenheimer Pizzeria vom Kellner zum Besitzer hoch. Die Religion nimmt in seinem Leben keinen großen Raum ein: "Ich muss arbeiten. Es ist immer viel zu tun." Arbeiten muss auch Muhammed Mohyadeen. Für Suchende aller Art ist sein Geschäft der richtige Anlaufpunkt. Vor der gläsernen Front stehen dicht gereiht Trolleys mit ausgezogenem Griff – allzeit reisebereit. Drinnen umweht einen ein Hauch von türkischem Basarflair. Oder wie der Name des Ladens verheißt: 1000 & 1 Krams. Hinter der Theke steht Besitzer Mohyadeen, das Headset geschäftig am Ohr. Mit einem Lächeln schweift die Hand des Herrn der 1000 Dinge über seine Schätze: "Ich habe von allen Religionen etwas." Im Fenster blinkt Leuchtreklame auf arabisch, aber auch mit den Schriftzügen: Gyros und Chinese food. Gebet statt Zigarettenpause Durchaus wichtig ist ihm die eigene Religion. Unkompliziert wird sie in den Arbeitsalltag integriert. Salat, das rituelle Gebet fünf Mal am Tag, ist eine der Säulen des Islam. Was also tun, wenn ihn niemand im Laden ersetzen kann? "Für Muslime ist auch das Nachholen der Gebete möglich.", erklärt Mohyadeen. Und wo? Er weist auf den hinteren Teil seines Ladens: Da stapeln sich überall mit klassisch persischen und modern lila-grünen Ornamenten verzierte, dicke Teppiche. Aber ist das Beten für muslimische Arbeitnehmer nicht bisweilen auch schwierig? Ali Bazda schüttelt den Kopf: "Man muss das nur vorher mit seinem Chef klären. Zum Gebet brauchen wir keinen Extraraum. Nur fünf Minuten Zeit – statt einer Zigarettenpause." Er muss es wissen, als Mitglied des Marokkanischen Kulturvereins e. V., seit seiner Gründung 1993 Sprachrohr eines Teils der Meckenheimer Muslime. Erst im Mai wurde eine eigene Moschee eröffnet. Aber macht das überhaupt Sinn? Müssen nicht viele Muslime arbeiten, wenn das Freitagsgebet stattfindet? Eine Moschee, die nicht so aussieht Erbarmungslos brennt die Sonne vom Himmel. Es ist Freitag, kurz nach 14 Uhr. Zur Rechten wuchert wild eine Wiese. Grillen zirpen. Ein schmaler Pfad durchschneidet die Grünfläche. Kies knirscht unter den Schuhen. Ein Windhauch wirbelt hellbraunen Sandstaub vom Boden auf und verschafft ein bisschen Kühlung. Man könnte denken, man befindet sich irgendwo im saharischen Süden Marokkos. Wären da nicht die vielen vorbeirumpelnden Autos. Männer im Gewand des Propheten überholen, eine Takke, die muslimische Gebetsmütze, auf dem Kopf. Dass es sich um die Meckenheimer Moschee handelt, erkennt man von außen nicht. Die Fassade des schlichten Flachdachbaus ist weiß, die Rundbogenfenster im oberen Bereich unverziert. Genauso ungewöhnlich wie das Aussehen der Moschee, ist die Vielzahl der Menschen, die zum Freitagsgebet strömen. Doch Ali Bazda hat eine einfache Erklärung parat: "Die Meisten arbeiten am Freitag nur bis Mittags. Wer Interesse hat, wird sich auf jeden Fall mit seinem Arbeitgeber einigen." So kommen regelmäßig rund 50 bis 80 Gläubige. Sind das die repräsentativen Meckenheimer Muslime? "Ich würde mal sagen, ein Drittel der Meckenheimer Muslime würde sich wirklich dieser Moschee zugehörig fühlen. Nur weil wir eine Moschee haben, heißt das noch lange nicht, dass die Meckenheimer Muslime sie besuchen", sagt dazu der Integrationsbeauftragte. Denn immerhin jeder fünfte Muslim im Bundesland ist laut der Studie "Muslimisches Leben in NRW" kein Sunnit. Schiiten aber besuchen nicht die sunnitische Meckenheimer Moschee. "Ich war in Deutschland noch nie in einer Moschee.", erklärt auch Alican Tayfur. Einerseits weil ihm als Aleviten das heimische Gebet erlaubt sei, andererseits weil viele Moscheen politisch instrumentalisiert würden: "Wenn ich bete, möchte ich nur für mich beten", tritt Tayfur, der seit 18 Jahren in Meckenheim lebt, für eine klare Trennung ein. Politisch engagiert er sich an anderer Stelle – als Mitglied der CDU! Erstens ist es anders, und zweitens als man denkt Mit einem klaren Blick kann man vermeintlich muslimische Spuren im Stadtbild identifizieren. Vorurteile sind dabei durchaus kein schlechter Leitfaden, sagt der Integrationsbeauftragte: "So muss man nicht immer von Neuem überlegen." Also: Dönerbude, Obstladen, Moschee. Nur ist der türkische Besitzer nicht unbedingt ein Moslem. Oder nicht gläubig. Und die Moschee sieht nicht aus wie eine Moschee. Verlässt man das geschäftige Treiben der Altstadt, liegt plötzlich wieder Staub in der Luft. Trotz der drückenden Hitze rennen Kinder mit vollem Eifer über einen Ascheplatz. Manche in Sport-, andere in Alltagskleidung. Jungen und Mädchen. "Anfangs hatten die Mädchen noch Muffen gegen die Jungs zu spielen. Aber inzwischen ist das ganz normal", erläutert Sozialpädagoge Dennis Dietrich. Was für ihn zählt ist die fußballerische Qualität. So kommt er zu seinen Spitznamen: Das Mädchen mit dem Kopftuch ist seine Meisterdribblerin: "Die kleine Abwehrchefin ist bei ihr. Aber die Meisterdribblerin tanzt sie aus und schießt... Tor!" Muslimisches Leben in Meckenheim hat viele Gesichter. "Man muss sich immer wieder auf die Suche machen", betont der Integrationsbeauftragte. Schöner formuliert es das Meckenheimer Integrationskonzept auf Rheinisch: "Net overrenander schwade sonder zusamme schwade!" Am besten bei einer Pizza beim Meckenheimer "Italiener".
|