Samstagmorgen, die Sonne scheint, auf dem Weg zum Friedensplatz passiert man einen Werbestand der SPD. Den außer Acht lassend erreiche ich pünktlich, und wie auf dem Plakat angegeben, um 11:00 Uhr den Bündnis 90/Die Grünen-Stand. Politisch un- und entsprechend aufgeschlossen will ich mich hier von der Parteivorsitzenden persönlich überzeugen lassen. Außer mir scheint jedoch niemand diesen Termin wichtig zu nehmen. Neben einigen Passanten, die auf ihre Busse warten oder ihre Morgenbrötchen holen, tummeln sich lediglich vereinzelte Fotografen und Kamerateams vor dem mobilen Podium.

Die Bundesvorsitzende Claudia Roth der „Öko-Partei“ trifft ebenfalls mit einer guten Dreiviertelstunde Verspätung aus Berlin ein. Der nervige Fluglotsenstreik. Kaum ist Sie jedoch angekommen, beginnt das eng gestrickte und durch die Verspätung noch knapper gefasste Programm. Ein gut eingeübter Moderator der Partei stellt dankenswerte Fragen. Nicht nur zum Aufwärmen, sondern im gesamten Verlauf des Gesprächs. So erhält die gebürtige Bayerin ausreichend Gelegenheit das grüne Wahlprogramm in aller Kürze darzustellen.

In polemischer Abgrenzung von der FDP, der zum Feindbild des Jahres auserkorenen Partei, erläutert sie die gegenwärtigen Voraussetzungen für einen notwendigen „Politik-, nicht nur Regierungswechsel“: Schule macht aufgrund der derzeit schlimmen Rahmenbedingungen krank, gegenwärtig haben nur 37 von 396 Kommunen einen sicheren Haushalt und aufgrund der Planung einer Kopfpauschale stehen wir vor dem Abgrund einer Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Wie die Grünen diesen Missständen entgegenwirken wollen, wird teilweise angeschnitten, besonders die Bildungspolitik betreffend jedoch eher vage erklärt. Schulen sollen nicht geschlossen, sondern verändert werden. Wie diese Reformierung aussehen soll, bleibt jedoch offen. Auf sichereren Füßen stehen die Pläne für eine Bürgerversicherung, die alle, also beispielsweise auch Beamte, mit einschließt: „Stärkere Schultern müssen auch schwerere Lasten stemmen“ lautet das Motto. Steuerentlastungen seien hingegen in Hinblick auf die immense Staatsverschuldung derzeit kaum denkbar. Die Worte der Roth stoßen beim mittlerweile auf etwa 80 Personen angewachsenen Publikum auf verhaltenen, aber doch zustimmenden Applaus. Er scheint eher Zeichen von Resignation als von Enthusiasmus zu sein.

Die Bonner Landtagskandidaten Christian Trützler und sein 23-jähriger Kollege Eike Block gesellen sich nun ebenfalls auf die Bühne. Sie streuen Beiträge zu regionalen Belangen und zur gegenwärtigen Studiensituation ein. Block legt seine Forderungen dar die Studiengebühren abzuschaffen und das Wahlalter auf 16 herabzusetzen. Trützler kritisiert unter Anderem die Pläne der „am Abgrund“ zur Haushaltssicherung stehenden Stadt den Bonn-Ausweis abzuschaffen. Beide scheinen klare Rollen zu erfüllen, klar definierte Zielgruppen erreichen zu wollen. Schade, dass diese Stereotypie der Forderung Claudia Roths, junge Politiker auch außerhalb des Bereichs der Jugendpolitik einzusetzen, ein Gros an Glaubwürdigkeit nimmt.

Nach einer halben Stunde wird die offene Fragerunde eröffnet und der wohl spannendste Aspekt der Landtagswahlen am 9. Mai angesprochen: Koalitionspoker. Klar ist, wie Claudia Roth das Verhältnis zu SPD und FDP aufzeigt. „Wir werden nicht als Mehrheitsbeschaffer funktionieren!“ bekräftigt sie, um Jamaica zweifelsfrei auszuräumen. Unklar bleibt, ob eine Schwarz-Grüne Koalition oder auch ein zweiter roter Partner denkbar wäre. Leider ruft auch die Frage nach ihrer Entscheidung eine rote Hose zu tragen keine befriedigendere Antwort hervor.

Eine weitere Publikumsfrage nach Möglichkeiten grünen Entgegenwirkens hinsichtlich der „Volksverdummung“, mündet bestimmt, jedoch nicht ganz nachvollziehbar in erneuter FDP-Schelte. Nach bereits vorhergegangenen Anschuldigungen gegenüber Westerwelle, er solle sich um eine gescheite Außenpolitik, statt um die Einweihung des Bonner Hotels „Kameha“ kümmern, wirkt diese neue Verknüpfung mit den Gelben einmal zu oft durchgekaut, fast schon hilflos. Doch Eike Block kennt sein Stichwort und rettet die Beantwortung durch sein Mantra der Notwendigkeit gebührenfreier Bildung.

Statt mit innerer Gewissheit, vielleicht sogar neuen Überzeugungen, verlasse ich den Friedensplatz etwas desillusioniert. Die Grüne, das war doch die Partei, die sich auf ihre Ziele konzentriert, die ihr Ding durchzieht, die authentisch ist? Nach wie vor sind ihre Inhalte nachvollziehbar, wirken durchdacht und sinnig. Dennoch bleibt von der samstäglichen Wahlkampfveranstaltung der bittere Nachgeschmack bereits eh unablässig präsenter Motzerei über andere Parteien übrig. Vielleicht kreuze ich ja auf dem Rückweg noch mal den Stand der SPD…

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