Konzern-Darwinismus für Fortgeschrittene

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„Kann ich es fressen oder frisst es mich?“ Nach diesem Prinzip funktioniert die Welt der Insekten. Dieses Prinzip gilt allerdings auch für die Welten des Großkapitals und der multinationalen Konzerne. Und besonders appetitlich erscheint man dann, wenn man gerade massig Gewinn erwirtschaftet hat.
Beispiel Deutsche Bank: 2006 erwirtschaftete das Unternehmen rund zwei Milliarden Euro Gewinn. Was ist da nahe liegender als mal eben weltweit über 6.000 Stellen abzubauen? Nicht nachvollziehbar? Dabei ist es so einfach. Was macht man, wenn plötzlich zu viel Geld gekommen ist? Klar, man hört wahrscheinlich auf zu arbeiten. Das gilt vielleicht für Unsereins. In der Welt der Industriegiganten läuft der Hase anders. Ist ein Unternehmen erfolgreich, boomt es oder ist es gar Marktführer, wie Nokia auf dem Handy-Markt, kann es durchaus passieren, dass der nächst größere „Global-Player“ plötzlich „Hunger“ bekommt und sich den Kleineren einverleiben will. Das kann verhindert werden indem man „positive“ Signale setzt. Die großen Konzerne sind allesamt börsennotiert, also Aktien-Gesellschaften (AG´s), und nichts reagiert sensibler auf Signale der Konzernspitze als die Börse und der Aktien-Markt. Ein deutliches Signal ist, bei Gewinn Stellen abzubauen. Das minimiert die Kosten für künftige Perioden und lässt den Aktien-Kurs steigen. Steigende Aktien-Kurse erschweren das Aufkaufen von Mehrheits-Anteilen und sichern somit gegen „feindliche“ Übernahmen ab. Eine andere Strategie um sich gegen eben diese abzusichern, ist die Verlagerung der Produktionsstätten in ein Niedriglohn-Land, wie es aktuell Nokia vormacht. Das Unternehmen hat letztes Jahr mit 7,2 Milliarden Euro einen Rekord-Gewinn erwirtschaftet und ist damit absoluter Branchen-Primus. Genau in dieser Situation signalisiert man, dass mit der Verlagerung des Werks von Bochum nach Rumänien und den damit einhergehenden zukünftig niedrigeren Lohnkosten der Erfolgskurs fortgesetzt wird. Zum Beweis: Der Aktien-Kurs von Nokia schloss gestern, am 24. Januar 2008, mit einem Plus von über 15 Prozent ab!
Es ist naiv zu glauben, dass Konzerne, oder besser deren Führungsebenen, tatsächlich so etwas wie ein soziales Gewissen ihr Eigen nennen. Profit-Maximierung und der Schutz unternehmenseigener Interessen werden immer im Vordergrund stehen. Unsereins – den Lohnsklaven – mag solch ein rücksichtsloses Verhalten der Konzerne nicht nachvollziehbar erscheinen. Insbesondere die Tatsache, dass gerade wenn man viel Gewinn erwirtschaftet, die Wahrscheinlichkeit für Massen-Entlassungen oder die Verlagerung der Produktion in ein Niedriglohn-Land hoch ist. Wir sind empört, halten es für unsozial und amoralisch und vergessen dankbar dafür zu sein, dass die Konzerne, in Globalisierungs-Zeiten, zumindest ein Gastspiel bei uns gegeben haben und wir eine Zeit lang in Lohn und Brot standen. Nokia handelt nicht anders als all die Anderen vorher auch.
Geradezu lächerlich absurd sind da die Boykott-Parolen von Gesundheitsminister Seehofer (CSU), SPD-Vorsitzenden Beck, SPD-Fraktionsvorsitzenden Struck und Bundeskanzlerin Merkel. Purer parteipolitischer Populismus. Als ob ein nationaler Nokia-Handy Boykott irgendeinen Einfluss auf das Unternehmen haben könnte. Und überhaupt, welches ist denn jetzt das politisch korrekte Mobil-Telefon? Siemens etwa? Ach nein, da war doch die BenQ-Pleite. Motorrola vielleicht? Die haben sich schon lange aus Deutschland verabschiedet! Also welches Handy gegen die Wand pfeffern und welches kaufen? Und da wir schon beim Thema Boykott sind: Welche Unternehmen anderer Branchen kommen dann als nächstes auf die inoffizielle Embargo-Liste? Ein paar Discounter vielleicht, die „Sklaven-Löhne“ zahlen und die Bildung von Betriebsräten gar nicht gerne sehen? Und wer ist dann an der Reihe…?
Wenn schon nach den moralisch Schuldigen und Verantwortlichen gesucht wird, dann gehören zuallererst die Politik und deren Macher an den Pranger. Die sind es schließlich, die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sich Unternehmen wie Nokia so verhalten können. Zuerst Subventionen in Millionenhöhe einkassieren, dann fett Gewinn erwirtschaften und sich im Anschluss ein anderes Land mit noch günstigeren Produktionsbedingungen suchen. Und das alles rechtskonform. Letzten Endes ist es nichts anderes als die optimale Anpassung und die bestmögliche Verwertung von dargebotenen Ressourcen eines Milieus, um das Überleben zu sichern. Fressen oder gefressen werden? „Survival of the fittest“ in der Arena der großen Tiere.
Autor: Dimitrios Athanassiou; Bild: Liebesspieler (www.pixelio.de) / 25.01.2008 | Artikel drucken |