Vom Kindergarten in den Knast. Wenn das keine Karriere wird! Und wer es bis dato nicht geglaubt hat, liest auf der Titelseite der BILD von Freitag den 4. Januar dieses Jahres: „Deutschlands mutigster Staatsanwalt. Die Wahrheit über kriminelle Ausländer." Fragt sich der coole Humanist, ob diese Wahrheit eine andere als bei kriminellen Nicht-Ausländern ist? Die Bildet-Euch-Eure-Meinung Propagandeure lassen uns nicht lange im Dunkeln tappen: „Sie werden in ihren Familien schon zu Kriminellen erzogen, leichte Strafen schrecken sie nicht ab, sie beeindruckt nur eines – die Haft!“ Zur Bekräftigung der Aussagen findet sich ein Interview im Blatt, in dem der zitierte Oberstaatsanwalt Roman Rasch erklärt, wie bereits Kinder derart in ihren Familien instruiert und „ausgebildet“ werden, dass die zukünftige Laufbahn zu Dauer-Kriminellen vorprogrammiert ist.
Vielen Dank für dieses Beispiel an vorBILDhaftem, gut recherchiertem und ethisch korrektem Journalismus. Und touché, liebe Bild-Redakteure, Ihr habt mich voll erwischt.

Ich bekenne: „Ja, auch ich bin ein krimineller Ausländer“. Es war 1977, kurz vor meinem fünften Geburtstag. Während eines Supermarkt-Besuches mit meinen damaligen Ausbildern, in nicht-ausländischen Familien als Eltern bekannt, entdeckte ich in einem Regal in der Süßwaren-Abteilung eine Tafel Schokolade mit defekter Verpackung. Vielleicht hatte sich schon zuvor ein anderer Krimineller an dieser zu schaffen gemacht. Mit meiner bereits im frühen Kindesalter gut entwickelten kriminellen Energie schickte ich mich an, das Werk zu vollendenden, und kaum war es mir gelungen, dass ich triumphierend ein Stück Schokolade in den Mund steckte, wurde ich vom Haus-Detektiv am Schlafittchen gepackt. Es folgte ein großes Gezeter, an dessen genauen Wortlaut ich mich wegen meines damaligen defizitären Bildungsstandes und den üblichen mangelhaften Deutschkenntnissen eines fünfjährigen Sprösslings von Eltern mit Migrations-Hintergrund nicht erinnere. Das Resultat war allerdings ein Hausverbot. Glück gehabt, nur Hausverbot! Was wird wohl solchen kriminellen Fünfjährigen und deren Eltern blühen, wenn es in Zukunft nach den Vorstellungen eines Roland Koch und dessen oberster Küchen-Chefin Angela Merkel geht? Abschiebung oder falls nicht möglich lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung?

Gut, jetzt wieder Spass beiseite. Das Thema ist ernst genug. Und im Gegensatz zu den Machern von Blättern, die gerne noch Öl ins Feuer gießen, will ich mich wenigstens um eine ausgewogene Darstellung bemühen. Was fordern tatsächlich Roland Koch, Angela Merkel und Konsorten?
Bei jugendlichen Straftätern ab dem 18. Lebensjahr soll in Zukunft konsequent das Erwachsenen-Strafrecht angewendet werden. Die Höchststrafe würde von ehemals 10 auf 15 Jahre angehoben und bei Mord könnte eine anschließende Sicherungsverwahrung verhängt werden. Außerdem soll ein Verfahren her, dass es ermöglicht, ausländische Straftäter mit langer krimineller Karriere schnell abzuschieben. Anlass dafür ist eine Statistik, die besagt, dass die meisten Straftaten von unter 21-jährigen begangen werden und dass davon über 50 Prozent ausländischer Herkunft sind.
Davon abgesehen, dass man mit Statistiken elegant jonglieren kann, hier ein anderes Beispiel: 100 Prozent der rechtsextremen Straftaten werden von jungen Deutschen begangen. Warum ist das seit Jahren oder gar Jahrzehnten nicht Auslöser für eine Verschärfung des Jugend-Strafrechts? Hier gelingt es nicht einmal die NPD zu verbieten, die nachgewiesener Weise verfassungsfeindlich agiert. Stattdessen kann sich diese sogar ihre Volksverhetzung und ihre Agitation bequem von Steuergeldern durch Wahlkampfkosten-Erstattung finanzieren lassen. Sicher, am rechten Ufer gibt es noch Wählerstimmen abzuholen oder zurück zu gewinnen. Also müssen die armen verwirrten und sozial benachteiligten Kindlein zurück in die Gesellschaft geholt und integriert werden. Warum wendet man diese pädagogisch progressive Haltung nicht bei Migranten-Kindern an? Soziale Brennpunkte und deren „Produkte“ entstehen immer aus mangelnder Bildung, fehlender Chancengleichheit und schlechter Familien-Politik. Das gilt fürs rechtsextreme Lager ebenso wie für ausländische Straftäter. Natürlich lässt sich damit argumentierten, das die „Braunen“ ein deutsches Problem sind, mit dem man sich landesintern auseinandersetzen muss, während die Verantwortung für ausländische Straftäter an deren Herkunftsländer retour gehen sollte. Genau betrachtet ist es eine hohle Argumentation. Gerade für die unter 21-jährigen Ausländer gilt, dass sie nahezu ausnahmslos hier geboren und aufgewachsen sind. Welches Land hat also versagt?
Selbst wenn eine schnelle Abschiebung auf die beschränkt wird, die sich erst kurz im Lande aufhalten und bereits massiv polizeiauffällig geworden sind, bleibt es eine gefährliche Illusion zu glauben, dass drakonische Strafen etwas bewirken.

Ein Land, welches mehr als ausreichend Erfahrung mit (Jugend-)Kriminalität hat, sind die USA. Dort kann derzeit in 38 Bundesstaaten die Todesstrafe verhängt werden. Sogar gegen Jugendliche unter 18 Jahren. In den USA sind in den letzten 30 Jahren 22 Menschen hingerichtet worden, die zur Tatzeit noch nicht Volljährig waren. Einen Abschreckungseffekt hat dies aber nicht erzielt. Warum sollte dann hier ein höheres Strafmaß eine Besserung bringen? Jugendliche, die lange Haftstrafen verbüßen, kommen nicht geläutert oder gebessert aus dem Knast. In der Regel sind diese dann „gut ausgebildet“, nicht mehr resozialisierbar und tatsächlich auf eine kriminelle Laufbahn getrimmt.

Es mag durchaus (ausländische) Familien-Clans geben, in denen eine kriminelle Laufbahn regelrecht zur Tradition gehört. Diese Extrem-Beispiele aber derart zu instrumentalisieren ist schäbig, diffamierend und fördert das Zusammenleben der Kulturen bestimmt nicht. Genauso wenig, wie der deutsche Urlauber nicht nach den Handlungen kahlrasierter Schwachköpfe beurteilt werden will, möchte der hier lebende Bürger nicht-deutscher Herkunft an den Handlungen solch krimineller Subjekte gemessen werden.

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