Er hat es also wieder getan. Der verbalschlagwütige Bundesbanker gab ein Interview im Zuge einer Buchvorstellung, und ganz Deutschland ist empört. Merkel meldet sich überraschend zu Wort, Christian Wulf fordert gar sofortige Konsequenzen. Entlassen soll so jemand werden. Sein Parteibuch, so die SPD, soll er gleich mit abgeben.

Was hat Sarrazin eigentlich getan? Er hat sein neues Buch vorgestellt. Auszüge wurden durch die Pressestellen gejagt, gerne sprangen Journalisten auf den Zug auf. Viel Neues erfuhr man daraus nicht über Sarrazins politische Meinung. Seine Vorstellungen zur Integration von muslimischstämmigen Mitbürgern sind wahrlich keine weltbildverändernden. Es ist höchstens die Artikulierung eines Gefühls, das latent in einigen Teilen der Bevölkerung schwebt. Damit ist das Buch vor allem ein populistisches.

Dass er in einem Interview Juden und Basken ein „bestimmtes Gen“ zusprach, löst – selbstverständlich – Empörung aus. Gerade aber bei Stimmen aus großen Medienhäusern drängte sich der Eindruck auf, dass Recherche kaum stattfand. Das gesamte Interview wird kaum gelesen. Wer es getan hätte, würde zwei Dinge feststellen:
(1) Sarrazin hängt sich kaum an diesem Punkt auf. Er fällt überraschend und ist im Interview wirklich nicht interessant. Verfestigen kann er diese Position im weiteren Verlauf nicht.
(2) Viel wichtiger ist, dass die Morgenpost ihm bereits handwerkliche Fehler nachgewiesen hat. Aber das spielt in der Debatte keine Rolle.
Das Interview wurde zwar zusammengestrichen, einiges nicht autorisiert. Dass aber die Passage über die Genen erhalten blieb, kann nur als Versagen des zuständigen Mitarbeiters beim Verlag gewertet werden. Oder es war erwünscht, um für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Mediale Schaumschlägerei

Das Fatale an der gesamten Geschichte ist: Das Buch wurde von kaum einem der Beteiligten gelesen. Man schenkte Sarrazin Aufmerksamkeit, die er nicht wirklich verdient. Sein Buch wird sich millionenfach verkaufen. Sein wahrscheinlicher Rausschmiss bei Bundesbank und SPD wird vor allem der breiten Masse eines zeigen: konträre Meinungen, noch so beschränkte und seltsame, passen nicht ins System. Und er wird zum Märtyrer. Ist es das wert?

Der Bundespräsident hat sich selbst beschädigt. Sich um die politische Meinung eines jeden Schreiberlings zu kümmern, ist nicht sein Job. Sich auf das Niveau eines relativ einflusslosen Bundesbankers zu kümmern, ist weder notwendig noch geboten. Frau Merkel hat sich ähnlicherweise selbst beschädigt. Sie, die sonst zu allem erst einmal schweigt und still reagiert, findet solche polemischen Äußerungen vollkommen inakzeptabel. Auch die Bundesbank kratzt am eigenen Bild. Gehen soll er, weil? Ein Prozess, den Sarrazin nach einem Rauswurf sicherlich anstreben wird, bleibt ergebnisoffen. Die SPD möchte das Parteibuch zurück, weil seine abweichende Meinung parteischädigend sei. So entsteht in der Bevölkerung das vollkommen falsche Bild. Es ist dass einer Hetzjagd auf eine Person, die etwas äußert, was auf Stammtischen oft besprochen wird. Statt aber ein solches Gespräch die entsprechend geringe Bedeutung zuzumessen, wird er und sein Buch auf die bundesweite Pressebühne gehoben. Es wäre kein Wunder, wenn er nach einem Rauswurf eine Protestpartei gründen wird.

Ist es das wert? Der „Integrationsdebatte“ ist es offenbar schädlich. Überraschend, denn es könnte auch ein Anstoß sein: eine Artikulation des Bildes, das auch in Teilen der Bevölkerung vorhanden ist, dass man nie vergessen darf. Auf dieses sollte man eingehen, es analysieren, diese Stimmen vom Gegenteil überzeugen. Sicher aber ist: Einem solchen Buch gehört keinesfalls eine solche Aufmerksamkeit – selbst im Sommerloch nicht. Und bevor man sich äußert, sollte man es lesen. Genau wie das entsprechende Interview. Alles andere ist ebenfalls Populismus und kostenlose Werbung für sein Buch. Der Fall Sarrazin sollte keiner sein.

Wer aber noch nicht genug hat: Frau Schwarzer bringt demnächst ebenfalls ein Buch heraus. Thema: „Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus“. Man darf gespannt sein, ob aus dem jetzigen Vorgang gelernt wurde.

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