Die CDU bewirbt sich im Rahmen der aktuellen Landtagswahl mit einer eigenen Hymne: „NRW in guten Händen“. Der Song greift per MP3 und Youtube-Video in den Wahlkampf ein. Wird eine konservative Partei partytauglich...?

0:00 Ein dramatisches Klavier, kraftvoll, gegen eine imaginäre Woge gestemmt. Schnell kommt ein Klatschen dazu, eine Gruppe gibt den Takt an. Erste Assoziation: „Walking in Memphis“. Unerklärlicherweise, denn so ähnlich klingt das hier eigentlich gar nicht. Trotzdem, für den Titel dieses Kommentars wird ein Wortspiel benötigt. Vielleicht „Voting in Memphis“...?

0:14 Endlich: eine E-Gitarre in Party-Modus sorgt für den Charme einer Cover-Live-Band. Parteitage sind ja auch ein wenig wie Betriebsfeste. Im Publikum sollte jetzt ein Mitklatschen in moderater Geschwindigkeit vorherrschen. Oder vielleicht ein schwungvoller Disco-Fox in den vorderen Reihen. Großer Unterschied zwischen Parteitagen und Betriebsfesten: Wer sich jetzt zum Büfett verzieht, wird womöglich auf der Kandidatenliste nach hinten rutschen.

0:31 ...und da verfliegt die Dramatik wie eine Aschewolke. Dem planmäßigen Start der ersten freudig-erregten Strophe steht absolut nichts im Weg.

0:37 Eine Frauenstimme setzt ein und besingt ein mutiges Land. Würde man diese Stimme kennen, wenn man nur öfters auf die Politiker-Imitatoren in der Radio-Comedy achten würde? Nein, hier hat tatsächlich eine musikalische Fachkraft einen Job gefunden. Aufschwung NRW. Mutig, voller Ideen, vielfältig schön. Sollte was für jedermann dabei sein.

1:05 Es ist soweit! Der Refrain steht vor der Tür. Make-it-or-break-it-time für jeden Pop-Song. „NRW in guten Händen“. „Er hält die Welt in seiner Hand“ war vielleicht ein wenig fröhlicher. Aber wir fühlen uns ja nicht einfach wohl, wenn jemand anders die Welt in seiner Hand hält! Hier muss man anpacken, was bewegen! Obwohl – bitte nichts bewegen! Bitte stabil bleiben! Eigentlich wollen wir den Status Quo erhalten! Apropos Status Quo, sind die nicht auch bald wieder auf Tour?

1:40 Nanu, wer ist das denn? Eine Männerstimme hat sich aus den hinteren Parteirängen nach vorne gearbeitet. So viel Soul in der Stimme, da achtet man ja fast gar nicht mehr auf die vorbildliche Verwendung von Adjektiven. „Harte Arbeit“ und „weiches Herz“, da wächst zusammen, was zusammen gehört. Warum man wohl den Grönemeyer nicht gekriegt hat? Kulturhauptstadt Ruhr 2010 und Nordrhein-Westfalen sind doch thematisch, wenn nicht sogar geographisch eng verknüpft. Und wo wird in NRW härter gearbeitet als unter Tage? Glückauf, NRW.

1:58 Große Gefühle in der Stimme. Jetzt kommt hier aber doch ein wenig „Voting in Memphis“-Stimmung auf...

2:11 Der Refrain ist zurück! Jetzt aber alle mitsingen! Oder kann wer den Text noch nicht?

2:41 Zeit für den C-Teil bzw. die Middle Eight bzw. den Teil, in dem plötzlich zu einer anderen Melodie gesungen wird. Inhaltlich ändert sich nicht viel. Aber das passt ja auch zum lyrischen Höhepunkt...

3:02 ...Wir bleiben wie wir sind! Im Westen nichts neues. Irgendwo knallen Champagner-Korken.

3:12 Break-Time! Leider keine Hammer-Time. Klavier und Klatschen werden zur Abwechslung von langgezogenen „Uuuuuuuuuuuhs“ untermalt. Das mit „Voting in Memphis“ werden wir nicht mehr los. Wer jetzt keine Gänsehaut kriegt, hat vermutlich keine Haare mehr am Körper.

3:30 „Wir haben jetzt die 3 Minuten 30 Schallgrenze erreicht, an dieser Stelle blenden wir den Titel für Sie aus!“ Na gut, durch das lange Intro haben wir scheinbar doch ein wenig zu spät gestartet, bald sollten wir aber durch sein. Außer dem Refrain kommt hier bestimmt nichts mehr...

3:39 ...doch Moment, was um alles in der Welt ist das denn plötzlich? Irgendwo hat man noch ein paar Stimmberechtigte gefunden, die nun plötzlich ihren eigenen „Nordrhein-Westfalen“-Chor aufmachen. Sind wir hier denn in der Fankurve? Auf einmal ist ja die ganze Stimmung hinüber. Aber wenigstens wurde das Kürzel „NRW“ nochmal erklärt, man traute sich ja gar nicht, zu fragen... „Na na na na na!“

4:12 Wenn schon nicht Grönemeyer, warum dann nicht vielleicht die Fantastischen Vier? Ein kraftvolles „CDU, NRW – olé olé!“ wäre wesentlich prägnanter, und das Parteikürzel hätte man auch endlich mal eingebaut.

4:19 Wie beendet man so eine Nummer? Ganz klar mit ein wenig Gefrickel auf der E-Gitarre. Eine perfekte Produktion, und teuer war die bestimmt auch nicht. Man traut sich gar nicht, zu fragen, wieviel ein Kulturhaushalt mit vergleichbarem Budget bieten kann.

4:30 Ein Traum, die Emotionen kochen noch. Echt toll, dieser NRW – den sollte ich unbedingt wählen! Was die CDU mit diesem Song zu tun hat, ist jedoch nicht abschließend geklärt, ihr Name wird im Text komplett verschwiegen. Die Botschaft von „NRW in guten Händen“ schreibt sich sowieso jeder ins Wahlprogramm. Die anderen Parteien sollten daher noch schnell über Cover-Versionen nachdenken. Zum Beispiel als Country-Nummer! Von Pop zu Country ist doch immer lustig. Oder zumindest Unplugged. Könnte die Piraten-Partei nicht an einer Seemanns-Shanty-Version arbeiten?

Hey, mein MP3-Player springt aufs nächste Lied! Genialer Song! Wo waren wir gerade?



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