Wenige Wochen vor der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika wird hierzulande natürlich viel über die Form der Nationalelf geredet. Aber auch der schleppend anlaufende Ticketverkauf für das Großereignis und die Sicherheit der WM-Touristen sind Thema. Nach wie vor ist die Austragung des Turniers am Kap von Bedenken begleitet. Es bestehen Zweifel an der Reife des Landes für die Organisation einer solchen Großveranstaltung. Wie berechtigt diese Sorgen sind, ist noch unklar.

Noch viel weniger klar sind allerdings die genauen Hintergründe, warum überhaupt Diskussionen aufkommen konnten. Klar ist, dass Südafrika ein Land mit vielen Problemen ist. Doch deren tatsächliche Ausmaße und ihre Entstehung sind weit weniger bekannt. Dies zu ändern, hat sich Klaus Rommerskirchen, Journalist und langjähriger ZDF-Korrespondent in Südafrika, zur Aufgabe gemacht. Am Montag, 22. März, war er in das Beueler Rathaus gekommen, um in einer zweistündigen Diskussionsveranstaltung Aufklärungsarbeit zu betreiben. Natürlich stand die Veranstaltung im Zeichen der Weltmeisterschaft, denn diese ist ja der Grund, dass dem Land wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Doch sollte der Abend eine wenig sportliche Ausrichtung haben und der Fokus mehr auf Politik und Landeskunde liegen.

So stellte Rommerskirchen zu Anfang fest, dass „nur wer seine Geschichte kennt, den Weg des Landes mit dem hoffnungsvollen Beinamen ‚Rainbow Nation‘ verstehen kann“. Der Großteil der aktuellen Probleme des Landes rühre daher, dass viele Trennlinien, die in der Zeit der Apartheid gezogen wurden immer noch nicht überwunden sind – auch im 16. Jahr nach Ende der Rassentrennung. Rommerskirchen, der die Zeit der Apartheid über sechs Jahre vor Ort erlebte und durch viele spätere Reisen die Veränderungen im Land beobachten konnte, muss es wissen. So sprach er von vereinzelt spürbarem Wandel, wusste aber auch über diverse Verschlechterungen im Verhältnis der Menschen unterschiedlicher Hautfarbe zu berichten.

Das in seinen Augen größte Problem sei damals wie heute die unglaublich hohe Arbeitslosenquote, besonders der schwarzen Bevölkerung. Auch nach der Freilassung Nelson Mandelas 1990, seiner Wahl zum Präsidenten des Landes 1994 hat sich daran nicht viel geändert. Die seit Mandelas Wahl das Land regierende Partei African National Congress (ANC) habe nur wenige ihrer Versprechen halten können, was ihr allerding nur in Teilen selbst anzulasten sei. Natürlich hindern die weit verbreitete Korruption und Vetternwirtschaft das Fortkommen des Landes, doch viel schlimmer als in manch europäischem Land sei sie nicht.

Viel größer sei der Unterschied zwischen hier und dort, wenn man die Ausprägung der Gewalt betrachtet. Die europäische Union mit ihren gut 400 Millionen Einwohnern verzeichne rund 6000 Mordfälle pro Jahr. In Südafrika – Einwohnerzahl: 45 Millionen – lag die Zahl der Morde im vorvergangenen Jahr bei weit über 18000. Dies sei der niedrigste Stand seit dem Jahr 2000. Eine erschreckende Zahl, die jedoch weit hinter der der Opfer von HIV/AIDS zurückbleibt. Die Zahl der Kinder in Südafrika, die ihre Eltern durch das Virus verloren schwanke je nach Quelle zwischen einer und zwei Millionen, so Rommerskirchen. Neben der weit verbreiteten Angst habe die Krankheit viele soziale und auch wirtschaftliche Folgen. So fehle es durch die Krankheit an Lehrkräften, vor allem an „schwarzen“ Schulen.

Dass Südafrika, Mitglied der G-20, zwar das reichste Land des Kontinents sei, deshalb aber noch lange nicht reich, stellte der Experte mehrfach und vehement klar. Gut die Hälfte der Südafrikaner lebe noch immer unter dem Existenzminimum und hier wie in vielen anderen Ländern ginge die soziale Schere weiter auseinander. „Auch in Südafrika werden die Armen ärmer und die Reichen immer reicher“. Die Wohnsituation der Ärmsten sei nach wie vor verheerend, Infrastruktur und medizinische Versorgung mangelhaft.

Eine Lanze brach der Referent überraschenderweise für den aktuellen Präsidenten Südafrikas, Jacob Zuma. In Europa ist dieser vor allem für seine vielen Ehen und Kinder, den Verdacht der Vergewaltigung und seine Aussage, dass Duschen gegen AIDS helfe, bekannt. Rommerskirchen kennt Zuma jedoch schon länger und hob dessen führende Rolle in der Anfangstzeit der Bürgerrechtbewegung hervor und lobte dessen zupackendes Politikverständnis. Der Präsidetn habe vieles ins Rollen gebracht und Dinge angegangen die in den Jahren zuvor immer liegen geblieben waren. So sei Zuma zwar kritisch zu betrachten, aber in keinem Falle als verrückt oder gar unfähig abzustempeln. Wie keine Regierung vorher habe die aktuelle Themen wie AIDS und Gewalt an die Öffentlichkeit gebracht und aktive Schritte zu deren Bekämpfung unternommen.

Während des gesamten Vortrags gelang es Klaus Rommerskirchen die aktuellen Probleme in Südafrika mit der historischen Entwicklung des Landes zu verknüpfen. Gleichzeitig streute er eigene, vor Ort gemachte Erfahrungen ein und zeichnete so ein Bild von der Nation, die so gerne eine Regenbogennation wäre, aber noch einen langen Weg dorthin zu bestehen hat. Wie schon bei großen Turnieren der anderen Nationalsportarten Rugby und Cricket, werde auch der Fußball einige Gräben verdecken können, vollständig zuschütten wird er sie nicht. Dennoch zeigte sich Rommerskirchen zuversichtlich, dass das Turnier einen nachhaltig positiven Effekt auf Südafrika haben wird. Besonders die neu geschaffene Verkehrsinfrastruktur und die Sicherheitsbemühungen würden wohl auch nach Ende der WM erhalten bleiben.

In seinem Fazit zitierte er die Stellungnahme vieler schwarzer Südafrikaner zur Entwicklung ihres Landes seit dem Ende der Apartheid: „Es sind ja erst 16 Jahre.“ Ein Volk, dass mit einer solchen Geduld und Gelassenheit ausgestattet ist, sollte auch als Gastgeber für die Welt durchaus geeignet sein.

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