Gab es jemals eine „deutsche Revolution“? Darüber scheiden sich die Geister. Nicht abzustreiten ist wenigstens, dass es im Laufe der Geschichte immer wieder Ansätze und vor allem revolutionäre Denker gab, die die Verhältnisse in Deutschland grundlegend in Frage zu stellten und umwälzen zu wollen. In einer speziellen Werkstattreihe unter dem Titel „Deutsche Revolutionen“ hat nun das Theater Bonn in Zusammenarbeit mit dem fringe ensemble versucht, eine Collage eben dieser Revolutionsansätze zu erstellen.

Am Samstag, 19.Dezember 2009 standen die revolutionär-sozialistischen Bewegungen um die Zeit des ersten Weltkrieges im Fokus des Interesses, genauer gesagt: die Lebensläufe zwei ihrer führenden und bekanntesten Protagonisten: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Marxistische Theoretiker, Politiker und Antimilitaristen, die Gründer des legendären Spartakus-Bundes und später der KPD. In einer szenischen Lesung wurde den Zuschauern mit Ausschnitten aus Reden und Briefen, Liebknechts und Luxemburgs ein Einblick in die Lebensläufe, das Denken sowie die Arbeit der beiden gewährt.

Beide geboren 1871, entwickelten sich die Protagonisten in den ersten Jahren noch unabhängig voneinander, erst 1914 begannen sich ihre Wege zu verweben. Was sie verband war eine eindeutige Affinität zum Sozialismus und seinen umstürzlerischen Ambitionen. Auch ein Talent dafür sich durch verbale Frontalangriffe gegen ihre Kontrahenten und das bestehende System immer wieder selbst ins Zuchthaus zu befördern war ihnen gemein.

„Kann denn die Sozialdemokratie gegen die Sozialreform sein?“ fragt Luxemburg bereits 1899 im Buch „Sozialreform oder Revolution“, eines ihrer bekanntesten Werke, in dem sie mit Eduard Bernstein und seinen Ansichten über einen sich friedlich entwickelnden Kapitalismus abrechnet.

„Proletarier aller Länder, werdet heiß, werdet hart“ agitiert Liebknecht schon vor dem Krieg in sozialistischer Reinkultur. Der „Orkan des Imperialismus“ müsse aufgehalten werden – wer Liebknechts Reden kennt, weiß, dass sie Lehrbeispiele für pathetische Redenschreibung darstellen. Eine Rede vor dem Reichstag 1916 begann mit den Worten „Nieder mit dem Krieg, nieder mit der Regierung!“ – und war damit auch schon beendet, da man ihn unmittelbar darauf wieder einmal festnahm und bis zum Ende des Krieges 1918 ins Zuchthaus steckte.

Übertriebener Pathos und eine permanente Überbetonung sind die beherrschenden Elemente der Reden. Die Referenten Maria Ammann und Stefan Preis wussten dies gekonnt in Szene zu setzen: Ammann inszenierte eine resolute Frau, deren Reden sie wie einst das Original mit einer kühnen Vehemenz und Intensität in der Stimme vortrug. Und auch Preis blieb dem Original treu, steigerte sich in seine Reden hinein und ließ erschauern ob seiner durchdringenden Stimme.

Die „Verwebungen“, die sich zwischen den Lebensläufen Liebknechts und Luxemburgs entwickelten, wurden symbolisch durch Schnürbände in Szene gesetzt. Diese zogen die Referenten während kurzen Lesungspausen, in denen aus dem Off die Lebensdaten und -fakten der Revolutionäre zusammengefasst wurden, über die gesamte Bühne, sodass am Ende ein wirres Spinnennetz entstanden war.

Während dieser Intermezzi entstand außerdem ein visueller Eindruck der revolutionären Anfangsjahren des 20.Jahrhunderts: Fotos von Reichstagssitzungen, von Demonstrationen, Wahlplakate der KPD und schließlich Bilder von der Verhaftung der Protagonisten 1919 wurden auf die Wand hinter den Akteuren projiziert.

So hatte man nach der Veranstaltung einen umfassenden Überblick über Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, ihr Denken und ihr Handeln sowie die Zeit, in der sie agierten und lebten gewonnen. Man war gar geneigt, die Frage, ob es denn nun jemals eine „Deutsche Revolution“ gab oder nicht, mit Zustimmung zu beantworten.

Die Reihe „Deutsche Revolutionen“ läuft noch bis Ende Januar 2010 mit weiteren Veranstaltungen, die neue Schwerpunkte setzen.

Nähere Informationen zur Reihe gibt es hier und auch hier.


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