Bevor er 2004 in den Irak zurück kam, um als Bürgermeister der kurdischen Hauptstadt Erbil beim Wiederaufbau des Landes zu helfen, hat Ishan Quoja über 20 Jahre in Bonn gelebt. „Als ich vor fünf Jahren zurückkehrte war Erbil ein großes Dorf“ berichtet Nihad Qoja über die Hauptstadt des Nord-Iraks, welches derzeit als Wahrzeichen des wirtschaftlichen und politischen Erfolgs der kurdischen Gebiete gilt.

Nach der amerikanischen Invasion 2003, die den Kurden als Befreiung gilt, war Erbil eine der marodesten Städte der Region. 30 Jahre anti-kurdische Politik durch Saddam Hussein hatte nicht nur etliche Tausend Menschenleben gekostet, sondern auch die städtische und ländliche Infrastruktur hart getroffen. Die Belastungen durch das jahrelange UN-Embargo lies die Wirtschaft beinahe zum Stillstand kommen.

„Unser Land war seit den 1980ern von der Außenwelt abgeschnitten, unsere Gesellschaft ist traumatisiert. Drei Kriege und das UN-Embargo haben das soziale Netzwerk und unsere Kultur zerstört“ erklärt Qoja, der selbst 1981 aus dem Irak geflohen ist. Gleichzeitig ermöglichte die relative Unabhängigkeit unter dem Schutz der amerikanischen Überflugszone seit 1991 die Entwicklung von stabilen demokratischen Strukturen, welche den Kurden nach dem Fall von Saddam Husseins Regime zu Gute kamen.

„Als ich gefragt wurde, ob ich Bürgermeister von Erbil werden will, habe ich nicht gezögert. Natürlich war meine Familie nicht begeistert, dass Papa weggeht, aber ich wollte am Wiederaufbau teilhaben. Unsere Träume sind wahr geworden, jetzt haben wir Freiheit und Demokratie“ sagt der Vater von zwei Kindern.

Wiederaufbau nach dem Krieg

Als Qoja im Januar 2004 nach Erbil zurückkehrte, fehlt es am nötigsten. Trotz des Ölreichtums der kurdischen Gebiete war und ist die Stromversorgung nur in der Nacht gewährleistet, auch die Trinkwasserversorgung war unzureichend, ein geregeltes Müllentsorgungssystem fehlte genauso wie eine funktionierende Kanalisation. Die Tatsache, dass die Anzahl der Bewohner in Erbil innerhalb von wenigen Jahren von 900.000 auf 1,1 Millionen stieg, verschärfte die Probleme zusätzlich.

„Mit als erstes habe ich dafür gesorgt, dass Mülltonnen nach deutschem Prinzip eingeführt werden“ erinnert sich Quja, und fügt lachend hinzu: „Hier gibt es genauso viel Bürokratie, wie in Deutschland.“

Als sich 2005 der Staub und die Aufregung nach der Befreiung gelegt hatten, begannen private einheimische Investoren damit, die Stadt wieder aufzubauen. Es folgte ein regelrechter Bauboom, und in vielen Teilen der Stadt entstanden neue Bürobauten, Hotels und Shoppingmalls, welche durch ihre moderne Architektur noch oftmals fremd wirken, in einer Stadt, welche zuvor beinahe ausschließlich aus zwei- bis dreigeschossigen Sandsteinbauten bestand. „Ausländische Investoren sind wegen der schlechten Sicherheitssituation im restlichen Irak lange ausgeblieben“ bedauert Qoja.

Deutsche Konzerne investieren

Große Hoffnungen weckte jedoch der Besuch von Außenminister Frank Walter Steinmeier im Februar 2009, der zur Eröffnung des deutschen Generalkonsulats nach Erbil kam und einen Wandel in der Unternehmermentalität bewirkt. „Jetzt erkennen viele deutsche Unternehmen, dass die Situation in den kurdischen Gebieten eine andere ist, als im südlichen Irak“ erzählt Qoja und weist auf die Möglichkeiten hin, die ein Engagement vor Ort bietet: „Wir können als Tor zum Irak eine große Rolle spielen.“ Dies sehen offenbar auch eine Reihe von Unternehmen so, und haben Büros in der Umgebung eröffnet.

Nicht nur Großkonzerne wie Daimler und Siemens eröffneten Zweigstellen, auch mittelständische Unternehmen wie die Hamburger Firma Terramar sind vor Ort, vor allem um Kontakte zu knüpfen und Präsenz zu zeigen. Wirtschaftlich lukrativ ist das Geschäft hier oftmals noch nicht, doch viele erinnern sich an die 1980er Jahre, als das Handelsvolumen zwischen Deutschland und dem Irak vier Milliarden Dollar betrug, und hoffen auf eine baldige Beruhigung der Lage und damit einhergehenden Geschäftsmöglichkeiten.

Doch Qoja hofft nicht nur auf wirtschaftliche Unterstützung und Investitionen durch Deutschland, auch kulturell sieht er eine starke Verbindung zwischen den beiden Ländern: „Es gibt zwischen Deutschland und dem Irak eine starke kulturelle Brücke, viele deutsche Musiker kommen her und treten auf, während in Deutschland kurdische Theatergruppen aktiv sind.“ Auch Qoja selbst verbindet ein starkes Band mit Deutschland: „Deutschland ist meine zweite Heimat“ sagt er, und fügt nach kurzem Zögern hinzu, „eigentlich ist es meine erste Heimat.“ Seine Kinder sind in Bonn aufgewachsen und viele seiner Freunde leben bis heute in der Stadt, wo er vorwiegend als Dolmetscher und Übersetzer für die städtische Verwaltung tätig war. Er fliegt immer noch regelmäßig nach Deutschland, doch sieht er seine Aufgabe in Erbil noch lange nicht erfüllt.

Nachhaltige Rückkehr der Bevölkerung?

„Wir müssen noch Jahre arbeiten, um Erbil ein neues Gesicht zu geben“ betont Qoja, und verweist auf seine Pläne, die Stadt für Tourismus zu öffnen. Gute Voraussetzungen dafür bietet Erbil allemal. Nicht nur prangt im Stadtzentrum die beeindruckende, 8000 Jahre alte Zitadelle, die gerade durch die UNESCO renoviert wird, auch die nahegelegenen grünen Berge stellen eine Attraktion für Besucher aus den umliegenden, wüstenreichen Ländern dar. Zu diesem Zweck gibt es einen umfassenden Plan zur Neugestaltung des Stadtzentrums, dem aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur der alte Basar, sondern auch die umliegenden Regierungsgebäude zum Opfer fallen werden.

In den letzten Jahren war eine steigende Anzahl von Rückkehrern zu verzeichnen, und Qoja schätzt, dass allein von der halben Million Kurden in Deutschland, schon mehr als 10.000 zurückgekommen sind. Doch Wohnungsnot und schlechte Beschäftigungsaussichten führen dazu, dass viele wieder in die Diaspora zurückkehren.

Droht ein erneuter Konflikt mit Bagdad?

Qoja sieht die Probleme nicht nur im wirtschaftlichen Bereich, auch politisch steht man vor einer Reihe von Schwierigkeiten. „Es gibt keine demokratische Kultur. Das müssen die Leute erst noch lernen, und das kann noch 20 Jahre dauern.“ Ob die Kurden so viel Zeit haben ist ungewiss, denn mit immer lauter werdenden nationalistischen Tönen aus Bagdad und dem sich zuspitzenden Konflikt um Kirkuk scheinen Auseinandersetzungen in den nächsten Jahren unausweichlich.

Die USA genießen bei vielen Kurden auf Grund der „Befreiung“ immer noch hohes Ansehen, doch die politische Unterstützung durch die Amerikaner schwindet, und nach dem geplanten Rückzug aller Truppen im Jahr 2011, werden die Kurden wieder ganz auf sich gestellt sein. Auch wenn Qoja vorrangig mit wirtschaftlichen Belangen beschäftigt ist, und auf ausländische Investitionen in der Zukunft hofft, gilt für ihn vor allem eins: „Es ist wichtig, dass man uns nicht allein lässt.“

Mehr zum Thema auch im Blog des Autors.



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