1945. Deutschland liegt in Trümmern, und das nicht zu knapp. Das Land, welches sich durch seine pompöse Reichshauptstadt Berlin als Weltmacht zu präsentieren versuchte, hat es leider nicht bei der Selbstdarstellung belassen. Per Waffengewalt sollte der Anspruch auf den Globus durchgesetzt werden. Kein Wunder, dass die restliche Welt sich das nicht gefallen ließ und zurück schlug.

Was allerdings einem Wunder gleich kommt, ist die Tatsache, dass ein Land, das sich mit den mächtigsten Nationen dieser Erde anlegte nicht einfach in seinen Trümmern liegen gelassen wurde. Nach sieben Millionen ermordeten Menschen ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke. Doch das Wunder ist kein Wunder, sondern der Kalte Krieg. Die westliche Hemisphäre brauchte Deutschland als Bollwerk gegen die „rote Gefahr“ aus dem Osten. Damit dieses Bollwerk auch stand hält, brauchte es ein stabiles politisches System, dessen Grundlage vor 60 Jahren mit dem Grundgesetz geschaffen worden ist. Und ein Land mit einer eigenen Verfassung und politischem System braucht eine Hauptstadt – am besten eine, die der Welt zeigt, dass von dieser für sie keine Bedrohung mehr ausgeht.

Doch nicht nur das war es, sonder vor allem die durch die Alliierten bereits in den Londoner Protokollen vom Herbst 1944 beschlossene Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen, machte nach Kriegsende schnell klar, dass Berlin nicht die Hauptstadt Gesamtdeutschlands werden konnte. Preußen wurde von den Alliierten ohnehin als Ursprungsland der deutschen Aggression identifiziert, kein gutes Argument für eine Beibehaltung der alten Reichshauptstadt. Später war es dann die Anwesenheit der Sowjetunion, die den westdeutschen Parteien das Blut in den Adern gefrieren ließ, ging es um die Frage ob nicht vielleicht doch die Spree-Metropole noch eine Chance bekommen sollte.

Doch es soll nicht der Eindruck entstehen die Entscheidung hätte tatsächlich in deutscher Hand gelegen. „What about Bonn?“, fragte am 11. Februar 1946 das Foreign Office in London. Und da sich die Briten seit Kriegsende etwas in den Schatten gestellt fühlten, weil alle wichtigen Tagungen der elf westdeutschen Ministerpräsidenten in der amerikanischen Zone abgehalten wurden, erfüllten die Amerikaner ihnen den Wunsch, eine Stadt in ihrer Besatzungszone zum Sitz des Parlamentarischen Rates zu machen. Diesem wurde aufgetragen einen Verfassungsentwurf für die drei westlichen Besatzungszonen zu erarbeiten, die sich dann zu einem neuen Staat zusammenschließen sollten.

Der damalige Leiter der Landeskanzlei Nordrhein-Westfalens Hermann Wandersleb erkundigte sich sogleich in Köln, Düsseldorf und Bonn, ob dort ein Interesse bestünde den Rat zu beherbergen. Die besten Rahmenbedingungen sowie eine sofortige Bereitschaft fand er in Bonn vor. Als dann auch noch alle Ministerpräsidenten dem Vorschlag zustimmten, ging Bonn als Sieger aus einem Wettstreit hervor, in dem unter anderem die Mitbewerber Frankfurt am Main und Celle in Niedersachsen ausgestochen wurden. Der erste Schritt Bonn zum Sitz westdeutscher Souveränität zu machen war getan. Frankfurt am Main sollte allerdings auch in der Folge ein hartnäckiger Konkurrent um den Sitz einer zukünftigen Regierung bleiben.

Fortan bemühten sich die Mitglieder des Parlamentarischen Rates, die den künftigen Regierungssitz gerne in Bonn behalten wollten intensiv darum die Stadt möglichst besatzungsfrei zu machen. So sollten die Rahmenbedingungen weiter verbessert werden. Die Briten zeigten sich überaus kooperativ und hatten kein Problem damit ihre Truppen weitestgehend zurückzuziehen – aber die Belgier. Erst am 30. Juli 1949 konnten sie durch die britische Regierung dazu bewegt werden, Bonn zu räumen. So hatte die Stadt am Rhein einen klaren Vorteil gegenüber derjenigen am Main erlangen können. Denn dort konzentrierten sich nach wie vor die Besatzungstruppen der Amerikaner – und was für einen Eindruck macht die Hauptstadt eines (fast) souveränen Staates voll fremder Soldaten?

Konrad Adenauer, der Vorsitzende des Parlamentarischen Rats, sah zwei weitere Vorteile des Regierungssitzes Bonn: Die Auswahl der linksrheinischen Stadt sei ein Symbol der Hinwendung zu den westlichen Demokratien und so ganz nebenbei könne man auch jeden Anspruch der Franzosen auf das Rheinland unterbinden. Jedoch gab es da noch die SPD und deren Vorsitzenden Kurt Schumacher. Der wollte einfach nicht davon ablassen Frankfurt am Main als zukünftigen Regierungssitz anzupreisen und die Position Adenauers scharf zu attackieren. So wurde die Hauptstadtfrage zu einem ersten Kräftemessen zwischen den beiden großen Volksparteien der nahen Zukunft.

Doch Bonn erlangte in der geheimen Abstimmung des Parlamentarischen Rates ein Ergebnis von 33 zu 29 Stimmen und wurde damit provisorisch Hauptstadt der aus den westlichen Besatzungszonen hervorgehenden Bundesrepublik. Zwar sollte auch in den folgenden Jahren immer wieder die Diskussion über den Regierungssitz eröffnet werden. Doch war es sicherlich keine schlechte Entscheidung gewesen das zierliche Bonn der Großstadt Frankfurt oder gar Berlin vorzuziehen. War es doch wahrscheinlich am besten geeignet, die Friedfertigkeit der neuen Republik zu unterstreichen.

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