Wem der leicht handhabbare "Nazi"-Begriff hier aber weiterhelfen soll, ist zweifelhaft. Die Soziologin Karin Priester aus Münster warnt vor dieser Vereinfachung. Rechtspopulismus sei eine "Protestbewegung" rechtskonservativer Bürger, die sich einerseits von der CDU seit deren Linksdrift nicht mehr repräsentiert fühlten, andererseits mit der Nazi-Belastung der NPD und den Skinhead-Rüpeln aus der Unterschicht Berührungsprobleme hätten und einen "neuen politischen Raum" suchten. Erst die Angst vor kultureller Überfremdung und das Gefühl, von der Politik im Stich gelassen worden zu sein, bewirken dann laut Priester antidemokratische Tendenzen gerade unter dem Deckmantel von "Bürgernähe" und "direkter Demokratie". In den Augen der extremen Rechten sei das politische System und die freie Presse so vollständig korrumpiert, so dass ausgerechnet erst deren Abschaffung "Demokratie" verbürgen könnte.
12.30 Uhr: einige Kongressteilnehmer versuchen, durch die Gürzenichstraße zum Heumarkt zu gelangen, verwickeln sich in ein Streitgespräch mit den Grünen, die den Zugang blockieren und ziehen wieder ab. Seit vier Stunden halten die Aktivisten hier die Stellung; auch wir als Presse werden beargwöhnt und partout nicht durchgelassen. Man sagt uns aber zumindest: "einige Rechte haben an verschiedenen Stellen versucht, sich mit Gewalt Zugang zum Kongress zu verschaffen". Doch die Gewalt kommt hauptsächlich von anderer Seite. Schon am Freitagabend hat die Kölner Polizei in einem von Linksautonomen besetzen Bus Messer und Feuerwerkskörper sichergestellt und nach gewaltsamen Zusammenstößen zehn Personen verhaftet. Am Samstagvormittag bewerfen Autonome in der Markmannsgasse die Polizeibeamten mit Steinen und versuchen ihnen ihre Waffen zu entwenden. Es kommt zum Einsatz von Schlagstöcken.
Kurz vor 13 Uhr: Hunderte Menschen blockieren sitzend und stehend den Zugang zum Heumarkt an der Westseite der Bahnstation. Eine kleine Gruppe Schüler steht seit 10 Uhr auf den Bahnschienen und Polizisten mit gepanzerten Anzügen sind auf dem Dach der Station postiert und sehen einem Seilläufer zu, der einen Meter über den Schienen balanciert: ein friedlich-revolutionäres Stilleben, nur eben 40 Jahre verspätet. Auf dem Heumarkt aber wird man seines Lebens nicht mehr recht froh: Von "Pro Köln" sind bislang nur 150 Aufbauhelfer anwesend, 150 weitere Teilnehmer – nach eigenen Angaben 500 – sitzen am Kölner Flughafen fest und warten auf Polizeigeleitschutz, den der "Pro Köln"-Vorsitzende Markus Beisicht mit dem Polizeipräsidium abgesprochen haben will. Ohne diese Gäste will man die Kundgebung nicht beginnen. Polizeipräsident Klaus Steffenhagen, der gerade seinen Jahresurlaub abgebrochen hat, ist aber skeptisch. Er sieht inzwischen eine "erhebliche Gefahr der öffentlichen Ordnung" und will zunächst einen anderen Versammlungsort suchen lassen. Nachdem dies nicht gelingt und alle verfügbaren Kräfte der Polizei längst ausgelastet sind, entscheidet er um 12.35 Uhr, es sei "nicht verhältnismäßig", den 150 Kongressteilnehmern eine Schneise vom Flughafen zum Heumarkt zu stellen und im Gegenzug die Sicherheit vieler Kölner Bürger zu gefährden. Also verbietet er kurzerhand die Versammlung – "ein aus meiner Sicht unumgängliches Verbot", kommentiert Steffenhagen später.
Um genau 13 Uhr tönt auf der Westseite der Bahnstation das Megaphon: "Hier spricht die Polizei. Die Versammlung von Pro Köln wurde verboten und ist beendet": Klatschen, Jubeln und offensichtliche Erleichterung bei den Gegendemonstranten. Wir bewegen uns südlich um den Heumarkt herum. Eine Unterführung wird von der Polizei gesperrt, ein großer Pulk Autonomer lungert auf unserer Seite herum. Die Rechtsextremen müssen in kleinen Gruppen vom Platz geschleust werden und wir fragen uns, ob wir nun endlich einen von "denen" zu Gesicht bekommen. Es ist mehr als ironisch: Gestern noch wollte "Pro Köln" mit Gästen eine Stadtrundfahrt unternehmen, um in Vierteln wie Mühlheim oder Chorweiler "Parallelgesellschaften" zu besichtigen, so wie Tiere im Kölner Zoo. Heute aber sind sie selbst hinter die Absperrgitter geraten.
Überhaupt war diese "Konferenz" bisher eher ein recht extremer Reinfall. Schon das Programm hielt nicht, was es versprach. Denn der bekannte französische Nationalist Jean Marie Le Pen, der es 2002 als Präsidentschaftskandidat bis in die Stichwahlen gegen Chirac schaffte und den "Pro Köln" bereits im Mai als Redner groß angekündigt hatte, kann sich an keine Zusage von seiner Seite erinnern und bleibt in Nizza. Aber auch der FPÖ-Vorsitzende Heinz-Christian Strache, der zum Kongress getrommelt hatte mit Worten wie "wir dürfen es nicht zulassen, dass [...] unsere Töchter den gierigen Blicken und Händen ganzer Zuwandererhorden ausgesetzt sind [...] und es ist unsere Pflicht [...], unserem Europa wieder ein Stück seiner Würde zurückzugeben", ist wahlkampfbedingt verhindert. Veranstaltungstechnisch lief es ebenfalls von Beginn an nicht rund. Bereits die Pressekonferenz am Freitagmittag in Rodenkirchen geriet zum Schlag ins Wasser. Angesichts gewalttätiger Demonstranten, die Steine und Farbbeutel warfen, rettete sich die "Konferenz" auf ein Rheinschiff und klagte laut über mangelnde Rückendeckung von der Polizei. Die aber war ihrerseits über den plötzlichen Ausflug der Rechten nicht informiert und konnte sich nach eigener Auskunft nur "kurzfristig auf die unübersichtliche Situation einstellen". Die anschließende Stadtrundfahrt musste ausfallen, denn als den Busfahrern schwante, wer sie da gebucht hatte, verweigerten sie die Leistung. Um Provokationen und Ausschreitungen zu vermeiden, erteilte Polizei-Einsatzleiter Michael Temme den Rechten schließlich einen Platzverweis für die einschlägigen Besuchsstationen, womit das Unternehmen vollständig gestorben war.
Samstag, 13.30 Uhr: auf dem Weg durch die südliche Altstadt in Richtung Rheinufer kommen uns zahlreiche vermummte Autonome entgegen. Am Hotel Maritim musste die Polizei bereits Reiterstaffeln einsetzen. An der Malzmühle rückt ein Feuerwehrwagen an: ein großer Müllhaufen brennt dort nieder. Ein Mann ärgert sich darüber, dass jeder, der sich den Absperrungen auch nur nähert, von den Autonomen als "Nazi" bezeichnet und weggeschubst werde. Glassplitter und lose Pflastersteine liegen auf der Straße. Mehrere Scheiben sind eingeworfen worden, und schon um 9.30 Uhr haben die Autonomen, wie ein Polizeivideo zeigt, ein Fahrgasthäuschen in Bahnhofsnähe zerstört. Wie freiheitlich sind wohl Ideale, die man schon allein aus Prinzip mit fliegenden Pflastersteinen verteidigen muss? Die meisten Autonomen sind dafür auf jeden Fall von auswärts eingereist, z.B. aus Göttingen, Leipzig und Berlin, und sie randalieren noch, nachdem die Kundgebung schon längst abgesagt worden ist. Gegen 16 Uhr werden insgesamt 500 Personen in Rheingasse, Malzmühle und Siegburger Straße festgesetzt.
"Pro Köln" wirft der Polizeiführung später "Totalversagen" vor: Diese habe schlicht unzureichende Vorbereitungen getroffen, "vor den roten Gewalttätern kapituliert" und somit die gesetzliche Versammlungsfreiheit verletzt. Problemlos sei die Zahl der Gegendemonstranten "polizeilich zu beherrschen" gewesen – eine Zahl, die "Pro Köln" übrigens zwischen 5.000 und 10.000 annimmt, während die Veranstalter der Protestkundgebungen und Menschenketten von 50.000 Teilnehmern sprechen. Vielleicht ist diese Differenz symptomatisch: Rechtspopulisten sehen sich als Vollstrecker des Volkswillens – und dass ausgerechnet in diesem Volk auf jeden Sympathisanten gleich mehrere hundert Gegendemonstranten kommen, lässt sich wohl am besten ausblenden.
14.15 Uhr, Blockadepunkt an der Heumarkt-Nordseite: Der Versammlungsort scheint völlig verlassen und wird in langen Reihen von Polizeiwagen flankiert. Kaum auszumalen, dass hier am Sonntag der Kölner Weltkindertag mit Hüpfburg, Zaubershow und Popcornverkauf stattfinden wird. Der Boden gleicht einer Müllkippe, die Stimmung ist ruhig, die Gesichter etwas gelangweilt. Plötzlich eine Durchsage; die Blockade wird aufgehoben: "Wir haben diesen Platz von den Nazis befreit". Ein Demonstrationszug formiert sich; man folgt den Fahnenträgern und den linken Parolen ("Nazis bekämpfen – Kapitalismus abschaffen"), marschiert am Rhein entlang und kommt unter der gesperrten Deutzer Brücke zum Stehen.
Hier verlassen wir die Szene; der Tag war schon anstrengend genug. Bei seiner Pressekonferenz wird Polizeipräsident Steffenhagen später um eine Stellungnahme gebeten, wie er einen erneuten Anlauf von "Pro Köln" zum "Anti-Islamisierungskongress" bewerte. Steffenhagen wirkt etwas angespannt und sagt, er könne zwar wenige Angaben dazu machen, hoffe aber, dass "Pro Köln" aus dieser Erfahrung gelernt habe. Womöglich hofft er vergebens. Denn "Pro Köln" beharrt darauf, dass zur Auflösung der Versammlung um 12.35 Uhr "offensichtlich keinerlei Notwendigkeit bestanden hatte" und schießt sich sogleich, noch dazu mit ausgemachter Dreistigkeit, selbst ins Bein: "Die Polizei hätte mit Wasserwerfern eine Gasse bilden können, um den Pro-Köln-Anhängern den Zugang zum Heumarkt zu ermöglichen. Dann wäre die Versammlung gegen 18.00 Uhr beendet gewesen und allen Beteiligten der jetzt unvermeidbar gewordene zweite Anlauf zur Durchführung des Anti-Islamisierungskongresses erspart geblieben."
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