|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
campus-web: Frau Ahadi, am 21. Januar feierte der Zentralrat der Ex-Muslime einjähriges Bestehen. Ihr Anliegen war es, Aufklärungsarbeit zum politischen Islam zu leisten, sowie die europäische Appeasementpolitik demgegenüber zu kritisieren. Wenn Sie auf das erste Jahr zurückschauen, wie zufrieden sind Sie mit Ihrer bisherigen Arbeit? Ahadi: Ich bin sehr zufrieden mit dem, was wir bisher auf politischer Ebene erreicht haben. Die Mitglieder des Zentralrats der Ex-Muslime sind Menschen aus so genannten islamischen Ländern. Leider wird in den Medien ein bestimmtes Bild über Migranten aus Ländern wie dem Irak, dem Iran oder der Türkei vermittelt, das wenig differenziert ist. Mir war wichtig, dieses Bild in den Köpfen der Menschen ein wenig zu ändern und das haben wir geschafft. Die islamische Bewegung der letzten Jahre ist eine politische Bewegung, im Nahen Osten wie auch in Europa. Das Hauptmerkmal dieser Bewegung ist meiner Meinung nach das der Menschenrechtsverletzung und wir haben es geschafft, wenigstens darüber aufzuklären. campus-web: Sie bekommen sicherlich viele Anfeindungen von muslimischer Seite, die ihre Religion verunglimpft sehen. Hat das ihre politische Arbeit stark beeinflusst? Ahadi: Unsere Arbeit ist in der Tat häufig schwierig zu organisieren. Früher hatte ich das Gefühl wir seien allein gelassen. Jetzt haben wir eine Stimme und die haben wir genutzt, um breite, publikumswirksame Arbeit zu leisten. Was Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen betrifft, so ist es natürlich nicht angenehm Anrufe und Briefe solcher Art zu bekommen. Wir müssen deutlich machen um was es uns geht, was die Probleme sind über die wir reden und für die wir unser Leben aufs Spiel setzen. Aber zum Glück bekommen wir auch viele positive Reaktionen auf unsere Arbeit. campus-web: Von Ihnen stammt die Aussage: „Toleranz hat eine Grenze – wenn die Menschenrechte verletzt werden dann brauchen wir keine Toleranz.“ Lässt sich das auf die deutsche Politik beziehen? Ahadi: Die dritte Generation der muslimischen Migranten in Deutschland ist religiöser und auch radikaler als die erste Generation. Daran trägt die Politik in Deutschland eine Mitschuld. Die Zahl der Ehrenmorde ist auch in europäischen Ländern gestiegen. Leider sind die Strafen für einen solchen Mord viel zu gering, da er als Teil der islamischen Kultur betrachtet wird.. Hier in Deutschland definiert man Steinigungen oder Erniedrigungen von Frauen in muslimischen Ländern häufig als kulturimmanent. Das ist eine Art von umgekehrtem Rassismus. Für Menschenrechte zu sein heißt, sie auf der ganzen Welt einzufordern. Zusätzlich herrscht eine Angst vor dieser gewalttätigen Bewegung, aus der Ignoranz resultiert. Wir haben schon vor der Gründung des ZdE versucht in den Medien über die Motivation von Selbstmordattentätern oder das Wesen von Ehrenmorden aufzuklären und die Menschen dafür zu sensibilisieren. Doch die Politiker setzen auf Zusammenarbeit mit den islamischen Organisationen und sagen, wir müssten einen neuen Islam definieren und integrieren. Diese falsche Toleranz hat die Radikalisierung einiger Muslime der dritten Generation in Deutschland bewirkt. campus-web: Die Radikalisierung von der Sie sprechen ist also vor allem eine Folge falscher Integrationspolitik? Spielt nicht auch die Propaganda des politischen Islam eine Rolle? Ahadi: Ja, ich denke beides. Die Integrationspolitik hierzulande ist tief rassistisch. Die Migranten werden immer Ausländer bleiben und stoßen überwiegend auf Ablehnung. Diese Trennung zwischen In-und Ausländern ist in Deutschland sehr stark. Das zeigt auch die zunehmende Ghettoisierung in diesem Land. Doch es gibt auch ein anderes, neues Phänomen. Ich sage immer: Früher waren wir Ausländer, jetzt sind wir Muslime geworden. campus-web: Der Islamrat in Deutschland vertritt 37 Mitgliedsvereine mit geschätzten 40–60.000 Mitgliedern. Warum denken Sie, dass es wichtig ist ein Gegengewicht zu bilden? Ahadi: Bei der Islamkonferenz im vergangenen Jahr haben deutsche Politiker den dort anwesenden Organisationen zugesprochen, für über 3 Millionen, in Deutschland lebende, Muslime sprechen zu können. Diese Anerkennung von einigen religiösen Organisationen als politische Partei ist ein absoluter Rückschritt. In europäischen Ländern wird Religion und Staat getrennt. Die CDU zum Beispiel hat natürlich christliche Wurzeln, doch die Religion ist dort nicht politisches Programm. Ein wichtiger Grund, weshalb wir nach Deutschland geflüchtet sind ist, dass es hier das Recht auf freie Meinungsäußerung gibt. Religion darf sich nicht ins Alltagsleben oder die Politik einmischen. Viele unterdrückte Muslime kamen in europäische Länder in der Hoffnung auf Freiheit. Nun werden hier bereits religiöse Verbände als politische Kraft anerkannt, das ist schon enttäuschend. campus-web: Stichwort Freiheit. Wie hat man sich Ihren Alltag vorzustellen? Sie sind Mutter von zwei Töchtern. Und wenn Sie zu einem Termin wie dem heutigen kommen, müssen Sie Personenschutz in Anspruch nehmen, weil Sie Morddrohungen erhalten. Wie umfassend ist ihr Personenschutz und wie gehen Sie damit um? Ahadi: Das ist richtig. Wir haben es mit regelrechten Mafiaorganisationen zu tun, die ihre Morde mit dem Koran rechtfertigen. Mit dem Mord an einem "Verräter des Islam" sichert man sich den Eintritt ins Paradies. Diese Ideologie ist ein sehr ernstes Problem. Was meine persönliche Lebensgeschichte betrifft, so habe ich schon immer mit diesen Problemen gelebt. Im Iran wurde die Todesstrafe gegen mich verhängt. Diese Art von Gefahr ist mir immer gegenwärtig, also versuche ich natürlich aufzupassen. Aber ich denke auch, dass meine öffentliche Arbeit andere Menschen ermutigt. Es äußern sich immer mehr Menschen kritisch zu diesen Themen. Manchmal beruhige ich meine Kinder, indem ich ihnen vor Augen halte, dass hochrangige Politiker schließlich auch Personenschutz beanspruchen müssen. campus-web: Die Zahl der deutschen Konvertiten zum Islam steigt kontinuierlich an. 2007 sind erstmals innerhalb eines Jahres mehr als 1000 Deutsche zum Islam übergetreten. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen? Und wie erklären Sie es sich, dass eine konvertierende Frau ihre neue Glaubenszugehörigkeit nach außen hin mit einem Kopftuch demonstriert, während Frauen im Iran gegen das Kopftuch demonstrieren? Ahadi: Ich denke dieses Phänomen müssen wir besser kennen lernen. Ich habe nicht sehr viel Kontakt mit konvertierten Menschen, aber einige habe ich auf Veranstaltungen oder Sitzungen kennen gelernt. Bei manchen Jugendlichen kann ich mir schon vorstellen, dass sie politisch aktiv sind, Osama bin Laden gut finden oder Anti – Imperialisten sind. Wenn man hingegen die Situation im Iran betrachtet, wo ein Kopftuchzwang herrscht, gibt es trotz aller Maßnahmen der Regierung immer wieder Massenproteste und eine sehr starke Bewegung gegen das Kopftuch. Diese Frauen betrachten das Kopftuch als einen Eingriff in ihr Alltagsleben und ein Symbol der Terrororganisationen. Vor einem Monat sind in Teheran über 19.000 Frauen zum Demonstrieren auf die Straße gegangen. Einige dieser Frauen wurden festgenommen und in der Regel zwei bis drei Stunden verhört, manchmal gegen eine Kaution freigelassen. Dennoch zeigt diese Bewegung, dass Millionen gegen den Kopftuchzwang sind und es nicht als identitätsstiftend anerkennen wollen. campus-web: Wie Sie bereits angedeutet haben nehmen die Repressionen gegen die eigene Bevölkerung im Iran stetig zu. Frauen, die in der Öffentlichkeit kein Kopftuch tragen sowie regierungskritische Oppositionelle müssen mit Verhaftung rechnen und es herrscht umfassende Medienzensur. Sogar öffentliche Steinigungen häufen sich, doch berichtet wird in den Medien kaum darüber und wenn, dann verhält sich die deutsche Bevölkerung dazu mehrheitlich indifferent. Wie erleben Sie die deutsche Reaktion auf die Situation im Iran als in Deutschland lebende Exil – Iranerin? Ahadi: Als aktive Menschenrechtlerin bin ich in ständigem Telefonkontakt mit bedrohten Menschen im Iran. Ich rede mit Leuten die dort in einer Todeszelle sitzen. Mein Name ist dort durchaus bekannt und meine Telefonnummer wird schon weitergegeben. Ich habe z.B. auch Kontakt mit dem Auslandsministerium und Menschenrechtsausschüssen in Deutschland, doch häufig bin ich bin ratlos. Immer wenn ich in Berlin bin, bekomme ich zu hören, man müsse mit dem islamischen Regime im Dialog bleiben. Das EU-Parlament und auch die deutsche Regierung unternehmen nicht viel gegen die Menschenrechtsverletzungen im Iran. Aber ein weiteres Problem sind die deutschen Medien. Über barbarische Praktiken, wie etwa die Steinigung, erfährt man viel zu wenig. Es fehlt eine Auseinandersetzung damit, was es bedeutet, dass auch im 21. Jahrhundert noch Frauen gesteinigt werden. Deswegen ist unsere Arbeit so schwierig und zugleich so wichtig.
|