In der ganzen Diskussion um die Euro-Krise gert schnell in Vergessenheit, dass die EU Frdersummen in Milliardenhhe vergibt. 2014 beginnt eine neue EU-Frderperiode. cw berichtete bereits ber Krzungen in derselbigen und ein EU-gefrdertes Projekt in Alfter. ber die Akquise von EU-Frdermitteln spricht Ansgar Skoda nun mit Margarita Wiese, Geschftsfhrerin des Unternehmens EU-Projekt. Im Experteninterview geht es unter anderem um EU-Frderprogramme, Ablufe bei Antragstellungen, Verwaltungspartnerschaften der EU, Betrugsflle und um Wieses eigene Motivation bei ihrer Arbeit.

Margarita Wiese
Im Focus: Margarita Wiese


Margarita Wiese prfte als Diplom-Kauffrau fnf Jahre lang in der Revision einer groen deutschen Versicherung Geschftsvorflle. So lernte sie, was ordnungsgeme Dokumentation von Projekten bedeutet und wie man diese betreut. Erfahrungen auf der Geberseite von Frdergeldern sammelte sie dann neun Jahre lang als Mitarbeiterin bei der Treuhandanstalt bzw. Bundesanstalt fr vereinigungsbedingte Sonderaufgaben. Hier war sie unter anderem zustndig fr die Aushandlung und berwachung von Sanierungszuschssen. Diese Erfahrung hilft ihr heute zu verstehen, warum die EU so viele Auflagen bei Frderungen macht. Denn der Verlauf und das Ergebnis von Projekten, fr die staatliche Steuergelder vergeben werden, sind oft nicht vorhersehbar.
Zwei Jahre lang war sie dann Projektmanagerin fr EU-finanzierte Projekte bei der GIZ (Gesellschaft fr Internationale Zusammenarbeit), die damals noch GTZ (Gesellschaft fr Technische Zusammenarbeit) hie. Seitdem arbeitet sie nun schon acht Jahre freiberuflich als selbststndige Unternehmerin im Bereich EU-Fundraising. Zeitweise hat sie Mitarbeiter und kooperiert mit anderen Freiberuflern und Unternehmen, je nachdem, wie hoch der Aufwand und Bedarf fr die einzelnen Projekte ist. Ihre Kunden kommen hauptschlich aus dem institutionellen Bereich und sind Behrden, Vereine oder Verbnde. Meistens arbeitet sie mit Behrden zusammen, die mit den Nachbarschaftslndern der EU Verwaltungspartnerschaften bilden. Margarita Wiese ist Mitglied im Deutschen Fundraising Verband und im Arbeitskreis Europa Professionell innerhalb der Europa-Union e.V. Im Rahmen dieses Arbeitskreises leitet sie die Arbeitsgruppe Europische Frderprogramme, die unter Anderem Stellungnahmen zum fnften Kohsionsbericht der EU-Kommission und zum Entwurf des Mehrjhrigen Finanzrahmens 2014 2020 erarbeitet und verffentlicht hat. Ihre Arbeitsgruppe fhrte am 13. Juni eine Diskussionsrunde zum mehrjhrigen Finanzrahmen und zum Thema Better Spending.


Welche Frderprogramme gibt es und wie grenzt man diese voneinander ab im Rahmen einer Unternehmensberatung?

Margarita Wiese: Fr alles, was die EU politisch an Zielen verfolgt gibt es im Prinzip ein eigenes Frderprogramm. Es wird immer gesagt, es sei ein Frderdschungel. Es gibt jedoch eine relativ berschaubare Anzahl an Programmen. Nur, wo diese verwaltet werden und wo man wie den Antrag stellt, ist vllig unterschiedlich. So werden viele Programme fr deutsche Antragsteller in Deutschland selber von den fachlich dafr zustndigen Institutionen verwaltet, z.B. Arbeitsfrderprogramme von der Arbeitsagentur oder Flchtlingshilfsprogramme vom Bundesamt fr Migration und Flchtlinge (BAMF). Andere Behrden wie zum Beispiel das BAFA (Bundesamt fr Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) haben sich auf die Verwaltung von EU-Frderprogrammen spezialisiert. Dort kann man EU-Frderung erhalten von der Unternehmensberatung ber Filmfrderung bis zur Auslandsmessebeteiligung. Auch die jeweiligen Landesbehrden verwalten fr ihr Bundesland EU-Frdermittel. Dazu kommen dann noch kleinere Unternehmen oder Organisationen, die im Auftrag der Behrden Teilprogramme abwickeln und die dann als Ansprechpartner fr den Antragsteller zur Verfgung stehen. Fast jede Generaldirektion hat ihre eigenen Programme und manche setzen diese dann teilweise selbst oder ber ihre spezialisierten Agenturen, die in Brssel, Luxemburg oder woanders angesiedelt sind um.

Aus historischen Grnden wird der Bereich Landwirtschaft am meisten gefrdert. Agrarfrderungen werden ber das Bundes- und die Landes- oder Landwirtschaftsministerien vergeben. Thematische Programme gibt es unter Anderem zu Energieeffizienz oder Energieeinsparung, aber auch zu Weiterbildung und zu vielen sozialen Fragen. Ein Gemeinschaftsprogramm fr die Angleichung der sozialen Verhltnisse in den Mitgliedslndern heit Progress. Es gibt auch immer wieder Ausschreibungen der EU zur kulturellen Zusammenarbeit. Obwohl die Programme alle unterschiedlich sind, knnte man hufig die eigene Idee in dem einen oder in dem anderen Programm umsetzen. Leider bewerben sich hufig immer dieselben, weil sie diese Ausschreibungen kennen und dann auch wissen, wie EU-Projekte ausgestaltet werden mssen.

Ich hatte einmal mit der Generaldirektion Justiz zu tun, die ihre Frderprogramme selbst verwaltet. Das wird also sehr unterschiedlich gehandhabt. Alles, was europische Brgerschaft, das Jugendprogramm oder die Medienfrderung anbelangt, ist dann wieder in einer speziellen Agentur in Brssel angesiedelt, der EACEA (Education, Audiovisual & Culture Excecutive Agency). Und die groen Frdertpfe ESF und EFRE werden eben in Deutschland selbst verwaltet und von Brssel nur noch kontrolliert.

Insgesamt kann man sagen, dass etwa 76 Prozent des jhrlichen EU-Haushaltes von den nationalen Behrden verwaltet wird, also gar nicht in Brssel selber.

Das Prinzip der Co-Finanzierung bedeutet, dass die EU grundstzlich nie hundert Prozent der Finanzierung bernimmt, sonder entweder die einzelnen Lnder oder der jeweilige Antragsteller oder beide einen Anteil dazu beisteuern mssen. Dies ist eins der Prinzipien, dass die EU hat. In fast allen Programmen und Projekten ist es so, dass der Antragsteller auch einen eigenen Beitrag leisten muss. Es gibt nur wenige Ausnahmeflle, in denen die EU tatschlich 100 Prozent des Projektes frdert.

Kunstwerk am Europischen Parlament, Straburg
Wie aufwendig wird in der Regel der Beratungs- und Antragsprozess?

Bei Antragstellern, die das das erste Mal machen, ist es sicherlich aufwendiger, weil dann der ganze Hintergrund erst mal erlutert werden muss. Ich arbeite sehr viel mit Menschen zusammen, die das schon hufiger gemacht haben. Insofern ist der Beratungsaufwand nicht mehr so gro, weil der Auftraggeber sozusagen die Strukturen schon kennt und jeder seine eigene Aufgabe hat. Ich bin dann diejenige, die den Antrag schreibt und die wei, was reingehrt. Ich erfrage Informationen, die ich fr das ordnungsgeme Schreiben der Antrge noch brauche.

Wie langwierig sind Antragstellungen fr EU-Frdermittel in der Regel?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Im Prinzip, wenn alle fr den Antrag notwendigen Daten vorhanden sind, kann ein Antrag innerhalb von einer Woche geschrieben werden. Das Problem ist meist, dass doch mehr Informationen und Unterlagen erforderlich sind, als man sich am Anfang vorstellt. So sollte zum Beispiel die Lebenslufe der wichtigsten Personen, die das Projekt inhaltlich bearbeiten, beigelegt werden ebenso wie der Nachweis der finanziellen Leistungsfhigkeit. Auch die genaue Beschreibung des Projektinhaltes muss hufig mit mehreren Partnerinstitutionen abgestimmt werden, ndert sich dabei mehrmals und am Ende muss das veranschlagte Projektbudget auch noch zum Projektinhalt passen. Das sind die Dinge, die hufig viel Zeit beanspruchen und dafr sorgen, dass eben doch alle Unterlagen fast immer erst auf den letzten Drcker fertig werden. Das ist so hnlich wie bei Prfungen. Natrlich kann man rechtzeitig mit dem Lernen anfangen, aber wer schafft das schon?

Gibt es bei EU-Projekten zeitliche Begrenzungen?

Alle Projekte haben eine zeitliche Dimension, sonst wren es keine Projekte. Die Laufzeit richtet sich meist nach den inhaltlichen Erfordernissen. Weiterbildungsprojekte haben hufig ein- oder mehrjhrige Laufzeiten. Wenn es sich um einzelne Seminare handelt, dann kann es auch schon mal nur eine Woche dauern. Die Projekte, die ich betreue, haben meist eine Laufzeit zwischen 6 Monaten und 2 3 Jahren. Es gibt aber, gerade im Forschungsbereich, auch Projekte, die 5 oder 10 Jahre laufen.

Sitzung im EU-Parlament, Straburg
Wie hoch knnen EU-Frdergelder sein?

Die sind vllig unterschiedlich. Man kann schlecht ber einen Maximal- oder Minimalbetrag reden. In den Ausschreibungen wird teilweise ein Mindestprojektvolumen verlangt, das hufig bei etwas 10 bis 50.000 Euro liegt. Darunter liegende Projektantrge werden nicht bearbeitet. Es gibt aber auch teilweise Maximalvolumina, die die EU vorgibt um die gewnschte Anzahl von Projektfrderungen zu erreichen. Das grte Projekt, das ich selber bearbeitet habe, ging ber einen Betrag von 10 Millionen. Aber es gibt auch noch grere Projekte, z.B. im Forschungs- oder im Infrastrukturbereich, wenn z.B. groe Forschungsinfrastrukturen gefrdert werden. Da spielen ganz andere Volumina eine Rolle, weil hier einfach die Erfordernisse in der Sache liegen. So wird z.B. das europische Navigationssatellitensystem Galileo von der EU gefrdert, da geht es dann in die Milliarden.

Es gibt ja viele Gerchte ber ungenutzte EU-Frdertpfe. Wissen Sie, in welchen Programmen Mittel nicht beantragt werden?

Das EU-Frdertpfe ungenutzt bleiben, halte ich schon fr ein Gercht. In den Programmen, die ich kenne, werden schon sehr viele Antrge gestellt. Immer wieder gibt es auch Ablehnungen. Manchmal ist es jedoch der Fall, dass weniger Geld in den Projekten verbraucht wird, als tatschlich beantragt wurde. Deswegen vergibt die EU in der Regel whrend der Laufzeit nur 60 bis 80 Prozent des zugesagten Geldes, weil die Erfahrung sagt, dass mehr oft gar nicht ausgegeben wird. Die restlichen 20 oder 40 Prozent gibt es dann oft erst nach der Schlussabrechnung. In der Schlussabrechnung muss nachgewiesen werden, dass die Gelder korrekt im Sinne des Projektes ausgegeben wurden. Wenn das alles so stimmt und von den Prfern (meist Wirtschaftsprfern) so besttigt wurde, dann erhlt man die Abschlusszahlung. Diese Gelder sind dann natrlich ungenutzt, wenn sie nicht gebraucht werden oder der Verbrauch nicht korrekt nachgewiesen werden konnte. Ich hatte auch schon einmal einen Fall, wo wir sogar vom Vorschuss noch etwas zurckzahlen mussten, weil im Projekte zu wenig verbraucht wurde. Ich kann nicht sagen, in welchen Programmen Gelder ungenutzt bleiben, weil die bewilligten Gelder oft auch erst im Folgejahr angebracht werden knnen. Ich habe schon hufiger erlebt, dass eine Genehmigung aus dem Vorjahr noch im Folgejahr ausgegeben wird.

Im zweiten Teil spricht Margarita Wiese ber chancenlose Projekte, das Instrument der Verwaltungspartnerschaften, "better spending" und ihre Motivation bei ihrer Arbeit.

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