Bevor ich nach einem Tag in der Uni meine Wohnung betrete, werfe ich einen Blick in den Briefkasten. Jedes Mal habe ich die Hoffnung, dass sich dort eine Nachricht befindet, ein Brief oder eine Postkarte von Freunden oder der Familie. Aber oft werde ich enttuscht und finde stattdessen den fnften Flyer vom Lieferservice, ein paar Werbeprospekte oder die Mitteilung, dass mein bestelltes Paket bei der Nachbarin ist. An den meisten Tagen bleibt mein Briefkasten jedoch komplett leer. Was ist aus den Urlaubsgren geworden? Den Liebesbriefen? Den Brieffreundschaften? Oder den Karten zu Geburtstag, Weihnachten und Ostern?


Nostalgie-Charakter

Mit 10 Jahren hatte ich eine Brieffreundin. Wir haben uns regelmig lange Briefe geschrieben. Mindestens einmal im Monat wurde mein stndiges berprfen des Briefkastens belohnt. Nach ein paar Jahren inniger Brieffreundschaft nannten wir jedoch Handys unser Eigentum und tauschten unsere Nummern aus, spter wurden wir Facebook-Freunde. Dann blieben die Briefe aus, es gab kurze Nachrichten per SMS, bis auch dort der Kontakt abbrach. Es war einfach nicht dasselbe wie Briefe zu schreiben und diese mit kleinen Zeichnungen zu verschnern und personalisieren. Denn genau darum geht es doch: Briefe sind persnlicher als elektronische Nachrichten. Sie sind handgeschrieben, der Verfasser hat sich Mhe gemacht, sich Zeit genommen. Er hat sich hingesetzt, mit Blatt und Stift, eine liebe Anrede gewhlt und darber nachgedacht, wie er bestimmte Sachen formulieren soll. Vielleicht sind sogar einige Bltter zerknllt worden und erst die vierte Fassung hat es zum vollendeten Brief geschafft. All das macht den Reiz des Briefeschreibens aus und erfreut den Empfnger umso mehr. Natrlich ist es einfacherer, eine kurze Nachricht auf dem Handy zu verfassen und so wichtige Dinge zu klren oder jemanden anzurufen, um in Kontakt zu bleiben. Distanz spielt dabei keine Rolle mehr. Aber ein wrdiger Ersatz ist es trotz allem nicht.

Pldoyer ans Briefeschreiben

Dabei gibt es so viele schne Grnde, um auch in der heutigen Zeit einfach mal wieder einen Brief zu schreiben. Allem voran der berraschungseffekt, den die Post beim Empfnger auslsen wird. Denn wer erwartet schon einen Brief von Freunden beim tglichen Leeren des Briefkastens? Auch die Tradition, an Feiertagen Karten an Familie und Freunde zu verschicken, kann leicht wieder zum Leben erweckt werden. Jeder freut sich zu sehen, dass jemand an ihn gedacht hat. Der Gedanke zhlt eben doch. Auch im Urlaub ist es ein Leichtes, statt einer kurzen Whatsapp-Nachricht mit Foto eine hbsche Postkarte auszuwhlen und diese zu verschicken. Und wer seinen Briefkasten regelmig gefllt sehen mchte, findet auf diversen Internetseiten Mglichkeiten, sich mit Menschen auf der ganzen Welt per Post zu vernetzen.

Postcrossing beispielsweise untersttzt den Versand von Postkarten zwischen Menschen auf der ganzen Welt. Das Prinzip ist einfach: Man erhlt eine Adresse, schickt eine Postkarte und erhlt kurze Zeit spter eine Karte von einem anderen Menschen zurck. Dieser Prozess setzt sich immer weiter fort und beglckt dadurch eine Menge Briefksten weltweit. Fr mich ist dies eine tolle Mglichkeit, das Glcksgefhl beim ffnen des Briefkastens zu erhalten. Und vielleicht fhlt sich ja auch der ein oder andere dadurch angesprochen, wieder mehr Retro-Post zu verschicken. Mit viel Zeit und ganz ohne elektronische Emojis.



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