Es ist Sonntagabend kurz vor Mitternacht. Ich sitze am Schreibtisch und tue so, als wrde ich noch einmal an meiner Hausarbeit feilen, die in Krze fllig ist. Stattdessen betrachte ich aber lieber Bilder, schttele eine Schneekugel und schaue dem Schnee fasziniert beim Fallen zu. Dann halte ich Ausschau nach weiteren guten Grnden, die Arbeit noch etwas aufzuschieben. Irgendwann fllt mein Blick auf meine alte Abizeitung. "Nein, besser nicht", denke ich mir, "ich muss das fertig bekommen". Obwohl heute ist der 12. Mrz, was heit, dass ich vor ziemlich genau zwei Jahren mein Abitur gemacht habe. Das reicht mir als Argument und fange an, in der Zeitung zu blttern.

Ich schmunzle darber, wie wir noch vor ein paar Jahren ausgesehen haben, verdrehe die Augen ber die Mal mehr, Mal weniger lustigen Lehrersprche und schttele verwundert den Kopf darber, was der ein oder andere als Zukunftsplan angegeben hat. Was ich allerdings immer wieder lese: Bestes Schulerlebnis? Ganz klar: Berlin! Stimmt. Dann lehne ich mich zurck und versinke in Gedanken.

Es ist der 07.07.2014, 8 Uhr morgens, Bahnhof Wengerohr. Mit groen Koffern bewaffnet, in Jogginghosen und Kopfkissen unterm Arm, warten wir auf den Zug. Die erste Frage meines Lehrers: "Warum hast du einen Schlafanzug an?" Die erste Frage meiner Lehrerin, nachdem sie mit schockiertem Blick die Koffer der Mdchen begutachtet: "Was macht ihr denn, wenn ihr mal wirklich verreist?" Nach sieben Stunden Zugfahrt, hie es dann endlich: Nchster Halt - Berlin.

Das Tollste an Berlin waren allerdings nicht die Dinge, die geplant waren. Bundestag, Kanzleramt, Denkmler besuchen... Das sind alles Sachen, die ein Berlinbesucher mal gemacht haben sollte, aber an die er nicht unbedingt mit einem Lcheln zurckdenkt. Es sind die ungeplanten Momente, die bis heute im Gedchtnis bleiben. Zum Beispiel als wir den 7:1 Sieg der Deutschen gegen Brasilien mit 100.000 Menschen aller Nationen auf der Fanmeile gefeiert haben. Danach waren wir doch ziemlich glcklich, trotz des strmenden Regens hingegangen zu sein. Oder als wir mit 22 Schlern und zwei Lehrern die fnf Kilometer lange Landebahn des Flughafen Tempelhofs entlang gejoggt sind, weil sich eine Gewitterfront direkt ber uns aufgebaut hatte. Wir Schler hatten aber trotzdem noch genug Luft, den ganzen Weg ber die Lehrerin zu verfluchen, die unbedingt das Gelnde erkunden wollte. Und selbstverstndlich der letzte Abend, an dem meine Zimmergenossinnen und ich erst kurz vor der Rckreise wieder im Hostel ankamen, weil wir Berlin auch einmal bei Nacht erleben wollten. Natrlich haben wir es erstmal geschafft zu verschlafen und wurden von unseren Mitschlern geweckt, nur damit wir am Ende doch als erstes am Bus standen. Nicht zu vergessen der obligatorische "Deutsche-Bahn-Moment", der bei keiner Reise fehlen darf. Diesmal beschloss der Zug, uns die letzten Meter bis zum Bahnhof Kln zu Fu laufen zu lassen. Sptestens da mussten wir uns eingestehen, dass unsere Lehrerin recht hatte: groe Koffer sind nicht fr Deutsche Bahn Reisen geeignet.

Mittlerweile sind seit dem Abi zwei Jahre vergangen. Die ersten haben ihr Studium geschmissen, andere werden Eltern und heiraten. Einen Teil hab ich seitdem nie wieder gesehen, mit anderen stehe ich noch regelmig in Kontakt. Auch wenn in der Schulzeit nicht immer alles glatt lief und nicht jeder Tag spannend war, sind es gerade solche Momente, an die ich auch noch in 20 Jahren mit einem Lcheln zurckdenken werde.

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