Neapel und das nahe Umland sind der Machtbereich der Camorra, eine der einflussreichsten und größten Mafiaverbände der Welt. Knapp 4000 Menschen wurden von ihren Mitgliedern in den letzten 30 Jahren getötet, mehr als von jeder anderen kriminellen Organisation. Und ihre Kontakte reichen quer über den gesamten Erdball, denn die Camorra ist nicht nur in illegalen Geschäften, wie Prostitution, Drogenhandel und Giftmüllentsorgung tätig. Sie investieren ihr Geld auch in ganz legale Geschäfte wie Mode, Tourismus, Benzin und weiteren Handel, wodurch sie nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch eine unglaubliche Macht ausüben.

Genau dies thematisiert der Film Gomorrha – Reise in das Land der Camorra von Regisseur Matteo Garrone, der auf den gleichnamigen Tatsachenroman und internationalen Bestseller von Roberto Saviano basiert. So zeigt der Film anhand von sechs Einzelschicksalen, wie weitgreifend die Mafia in das Leben von Neapel und deren Vororte wie Scampia involviert ist.

So wird an authentischen Drehorten die Geschichte von Roberto (Carmine Paternoster) erzählt, einem jungen Mann, der kaum mit seinem Studium fertig ist und schon eine feste Anstellung mit wunderbaren Gehaltsaussichten hat. Doch es gibt einen Haken: er soll im Giftmüllmanagement für die Mafia arbeiten und somit innerhalb der Haupteinnahmequelle der Camorra tätig sein. Ein weiteres Schicksal wird durch Don Ciro (Gianfelice Imperato) aufgezeigt: auch er ist in große Geldgeschäfte der Mafia verwickelt und zwar als Buchhalter. Seine Hauptaufgabe ist die Gehaltsauszahlung für die Familien von inhaftierten oder toten Mitgliedern der "Familie", wie sich die Camorra selber nennt. Auch Pasquale (Salvatore Cantalupo) gerät mehr oder weniger zufällig in die Räder der Mafia, denn er lässt sich wie auch schon Roberto und Don Ciro vom Geld locken, doch er erreicht bald einen Punkt, wo er sich nicht mehr so sicher ist, ob und wie er aus diesem Schlamassel wieder herauskommt.

Natürlich reflektiert der Film auch den Einfluss der Mafia und deren brutales Umfeld auf eigentlich unschuldige Kinder. So wünscht sich Totò (Salvatore Abruzzese) bereits mit dreizehn Jahren nichts sehnlicher als ein erfülltes Leben als wohlhabender, einflussreicher Mafiaboss und natürlich will er auch dementsprechend aus dem Leben treten: als Opfer eines Mordanschlages. Das Leben und die Träume von Marco (Marco Marcor) und Ciro (Ciro Petrone) sehen ähnlich aus, als ob sie aus den Filmen Scarface oder Der Pate entsprungen seien.

Nicht nur der Drehort des Filmes war authentisch, so hat sich Matteo Garrone auch für eine eher dokumentarische Kameraführung und Erzählweise entschieden. So engagierte er für mehr Authentizität Komparsen und Schauspieler aus den umliegenden Wohnblöcken. Dies hatte sogar eine Verhaftung nach dem Kinostart zur Folge: so hat ein Mafiamitglied sich als Komparse beworben und im Film mitgespielt, doch einige seiner früheren Kumpanen sahen ihn im Gefängniskino und verpfiffen ihn sogleich.
Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra (Gomorra), Italien 2008
Verleih: Prokino
Genre: Drama
Filmlaufzeit: 135 min
Regie: Matteo Garrone
Darsteller: Toni Servillo, Gianfelice Imparato,
Maria Nazionale, Salvatore Cantalupo
Kinostart: 11.09.2008


Der Filmdreh verlief nicht ganz ohne Probleme, denn das Filmteam entschied sich gegen Polizeischutz und gegen eine "Schutzgeldgebühr". Außerdem war die Zusammenarbeit mit dem Buchautor Roberto Saviano nicht ganz einfach, da er seid seiner Aussagen beim Spartacus-Prozess - dem größten Prozess gegen die Mafia in den letzten 20 Jahren – und der Veröffentlichung seines Buches mehrere Morddrohungen von "Familienoberhäuptern" der Mafia Clans erhielt.

Alles in allem ist dieser Film wohl der ehrlichste und schockierendste Mafiafilm, der jemals in die Kinos kam. So werden keine neuen Helden kreiert, indem man die Familienoberhäupter verklärt darstellt, sondern es wird die erschreckend aktuelle Realität aufgezeigt: die Hintergründe einer kriminellen Organisation die mehr Menschen umgebracht hat, als die IRA, die ETA oder islamische Terrorgruppen; die Tausende "Mitglieder" aus allen sozialen Klassen und aller Altersschichten besitzen und somit über eine Armee mit circa 25.000 Soldaten und weiteren 200.000 unmittelbaren Unterstützern verfügen.

Da bereits das gleichnamige Buch von Roberto Saviano alleine in Italien mehr als 1,4 Mio. verkauft und in 33 Sprachen übersetzt wurde, ist der Film Gomorrha mit großer Spannung erwartet worden. Wohl auch, da er bei den Filmfestspielen in Cannes bereits vor offiziellem Filmstart mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Doch sicherlich konnte niemand den Erfolg des Filmes in Italien vorhersagen, schon alleine weil er in neapolitanisch mit italienischem Untertitel gedreht wurde und auch der Soundtrack sich bis auf den Titel Herculaneum, welcher aus der Feder von Massive Attack stammt, nur aus Titeln von einheimischen Bands aus Neapel zusammensetzt.

In Italien war Gomorrha jedoch ein Riesenerfolg und läuft dort bereits seit vielen Wochen in den Kinos. Ob der Erfolg in Deutschland weitergeht, bleibt abzuwarten, das Buch war hierzulande bereits ein Kassenschlager und siteg auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste ein.

Mehr Infos zum Film gibt’s auf der Homepage zum Film oder auf der Seite des Romanautors Roberto Saviano.

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