1918, mit dem Ende des ersten Weltkriegs, hieß es auch für die deutsche Schutztruppe, dass ihre Mission in Südwest-Afrika zuende gegangen war und die Soldaten nach längerer Kriegsgefangenschaft zurück ins Deutsche Reich kehren mussten. Knapp 90 Jahre später reiste Wolf von Lojewski nach Namibia um der Frage nachzugehen "Was heißt hier eigentlich deutsch?". In zwei Teilen stellt von Lojewski das heutige Namibia und seine besonderen Beziehungen zu Deutschland vor. Er besucht die abgelegenen Dörfer der Himbas am Kunene-Fluss, ist bei Hereros und Ovambos zu Gast. Im riesigen Etosha-Nationalpark legten er und sein Team sich auf die Lauer, um Löwen und Herden von Elefanten an der Kamera vorbeidefilieren zu lassen. Aber vor allem geht es natürlich um die Spuren der ehemaligen Kolonialmacht, die sich bis in unsere Tage erhalten haben und um das Leben der rund 20.000 Deutschstämmigen, die noch heute in Namibia leben.

Wenn von Lojewski durch Swakopmund oder Lüderitz schlendert, fühlt man sich fast wie in eine Traumwelt aus wilhelminischer Romantik und afrikanischer Landschaft versetzt. Hier noch Stuckfassaden und Bürgerhäuser und keine zweihundert Meter weit entfernt ragen die ersten rotschimmernden Dünen der lebensfeindlichen und doch so schönen Namib-Wüste in den tiefblauen Himmel. Männergesangsverein 1902 Swakopmund, rheinisch geprägter Straßenkarneval in verschiedenen namibischen Städten und deutschsprachige Ortsschilder – in einigen Gebieten ist der deutsche Einfluss bis heute gut sichtbar. Doch man trifft ihn auch, wo man ihn nicht erwartet. Einige dutzend Owambos haben einen "Ex-DDR Club" gegründet. Sie wuchsen einst in der kommunistischen Diktatur auf, die die jungen SWAPO-Weisen aus humanitären und ideologischen Gründen aufgenommen hatte. Nach der Wiedervereinigung und der Staatsgründung Namibias kehrten sie in ihre alte Heimat zurück und wollen nun mit dem "Ossi Club" an alte Zeiten erinnern und gleichzeitig ein Netzwerk gründen, denn viele von ihnen haben den Wiedereinstieg in Afrika als Anwälte oder Handwerker erstaunlich gut gemeistert.

Die Dokumentation zeigt ein faszinierendes Land zwischen Kolonialerbe und afrikanischer Realität. Von Lojewski erklimmt Düne 136, entziffert den mit Vogelkot überdeckten Erinnerungsstein am Diaz-Punkt, erfragt den Preis für ein ausgewachsenes Zebra frei Haus, besucht den Township Katatura und wandelt auf den Spuren der ehemaligen deutschen Schutztruppe bei Aus. Leider fällt auch von Lojewski in den Chor der Stimmen ein, die die Kolonialzeit in Bausch und Bogen verdammen, ohne hier neben den unbestreitbar begangenen Gräueltaten weiter zu differenzieren. Politisch korrekt kritisiert er alte Denkmäler der deutschen Schutztruppe, bezeichnet aber den Namensgeber der an der Statue vorbeiführenden Robert-Mugabe-Avenue, mit der Namibias ehemaliger Präsident Sam Nujoma einst sein großes Vorbild ehrte, verharmlosend als "umstritten". So kann von Lojewski "um auch mal was positives über die deutschen Kolonialherren sagen zu können" nur deren Einrichtung des Etosha-Nationalparks als Schutzzone vor gut einhundert Jahren als Verdienst nennen. Insgesamt erfährt man erstaunlich wenig über das Innenleben des "Deutschland Stamms", wie diese Bevölkerungsgruppe von Regierungsseite offiziell genannt wird. Es bleibt mit diffuser Angst um Landenteignungen und dem Gefühl vom Leben auf gigantischen Farmen eher oberflächlich.

Junge Menschen deutscher oder europäischer Abstammung kommen leider gar nicht zu Wort, obwohl sich beispielsweise die "Deutsche Höhere Privatschule" Windhoek, die als beste Lehranstalt des Landes gilt, mehr als angeboten hätte.

Als Bonusmaterial umfasst die DVD zusätzlich den neunzig-Sekunden-Beitrag "Heute Mittag – Weiße Farmer in Namibia" und einen Bericht des Morgenmagazins über Wolf von Lojewskis Reise durch Namibia.

Fazit: "Namibia – Was heißt denn hier deutsch?" stellt ein landschaftlich faszinierendes, wunderschönes Land mit bewegter Geschichte vor. Gemäß dem Titel ist Wolf von Lojewski auf Spurensuche gegangen und auch wenn eher über die Deutschstämmigen als mit ihnen gesprochen wird, ist ein recht interessantes Bild der ehemaligen deutschen Siedler und ihrer Nachkommen entstanden. Die einzigartige Melange zwischen wilhelminischem Vermächtnis und dem Aufbruch einer jungen Nation, die jedes Jahr viele Touristen aus der Bundesrepublik anlockt, eingebettet in wunderschöne Filmaufnahmen – stimmungsvoll mit Musik unterlegt, macht diese Dokumentation auf jeden Fall sehr sehenswert und zeigt ein vielen noch sehr unbekanntes Land.

DVD: "Namibia – Was heißt denn hier deutsch?"

Sprache: Deutsch (Stereo)
Bildseitenformat: 16:9
Studio: Ufa/DVD
DVD-Erscheinungstermin: 4. August 2008
Produktionsjahr: 2006
Spieldauer: 2x43 Minuten + Bonusmaterial

Diese DVD ist überall im Handel erhältlich.

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