Der Westen war seit seiner „Entdeckung“ durch europäisch-stämmige Abenteurer, Forscher und Siedler ein Land der Legenden. Auf zwei Millionen Quadratmeilen lockten weite Siedlungsflächen und Bodenschätze immer mehr Menschen in den unzugänglichen Teil des nordamerikanischen Kontinents. So wurde das Land jenseits des Mississippi zum Ziel der Träume der unterschiedlichsten Menschen. Hungersnöte und Krankheiten, staubige Pisten und Indianerüberfälle waren nur einige Widrigkeiten auf dem Weg in das gelobte Land, aber dennoch; der Run auf den Wilden Westen hatte unaufhaltsam begonnen. In Filmen oft romantisch verklärt war der Preis nicht nur für die weißen Siedler sehr hoch. Noch viel mehr mussten die Indianer unter der zunehmenden Invasion leiden und wurden nach und nach von stolzen Kriegern zu abhängigen Vasallen, eingepfercht in Reservate, degradiert.
Die Eroberung des Wilden Westens war eine spannende und interessante Episode der Weltgeschichte und wird in der vorliegenden Dokumentation mit viel Liebe zum Detail aufwendig nachgezeichnet. In acht Folgen mit einer Gesamtspielzeit von über elf Stunden, ist eine Dokumentation von monumentalem Umfang entstanden, die seit kurzem auf DVD im Handel erhältlich ist.

Produzent Ken Burns und Co-Produzent sowie Regisseur Stephen Ives, die bereits mit „Civil War“ Doku-Geschichte schrieben, beleuchten in dieser beeindruckenden Produktion ein weiteres Mal die Vergangenheit der USA, die sich bis heute auf die amerikanische Gesellschaft auswirkt. Die Dokumentation beleuchtet das Leben verschiedenster Charaktere – von Entdeckern, Soldaten und indianischen Kriegern bis hin zu Siedlern, Eisenbahnbauern und Schaustellern. Ihre Geschichte wird durch Tagebücher, Briefe und Autobiografien nacherzählen. Einige der zentralen Figuren des Films sind bekannte Persönlichkeiten, wie der spätere amerikanische Präsident Theodor Roosevelt oder der berühmte Indianerhäuptling Sitting Bull. Die meisten der vorgestellten Charaktere aber sind unbekannt und repräsentieren die verschiedensten Personentypen der Zeit. Sie vermitteln einen Eindruck der Verhältnisse in denen sie gelebt haben, und bieten darüber hinaus einen möglichst wahrheitsgetreuen Einblick in die alltäglichen Gegebenheiten des Wilden Westens.

Im Gegensatz zum allgemeinen Trend wurde bei dieser Produktion komplett auf nachgestellte Szenen verzichtet, die sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit erfreut haben. Dies mag besonders auf Grund der ungewöhnlich langen Spielzeit von über elf Stunden verwundern. Jedoch gelang es Ken Burns die komplette Dokumentation durch abgefilmte Fotografien und Dokumente, sowie einigen wenigen zeitgenössischen Filmstücke und gegenwärtige Naturaufnahmen zu bebildern. Auf animierten Karten werden die Baustrecken der Eisenbahn, Trackrouten und der Verlauf der Besiedlung nachgezeichnet und veranschaulichen damit schön die geographische Dimension und tragen auch insgesamt zu einer besseren Vorstellung des Erzählten bei. Dies mag insgesamt recht langweilig wirken und in der Tat wirkt die Dokumentation im Vergleich zu vielen anderen Produktionen bildlich recht eintönig. Jedoch gelang es durch gute Bildauswahl und eine erkennbare Liebe zum filmischen Detail eine interessante und unglaublich detaillierte Serie zu produzieren, die eher an ein verfilmtes Hörbuch, als an eine klassische Dokumentation erinnert.

Die vier DVDs stecken in einem hochwertig wirkenden Kartonschuber, der im Regal fast wie ein Buch aussieht. Extras sind in dem Set nicht enthalten. Bei der enorm langen Spielzeit und der verhältnismäßig unspektakulären Produktionsweise vermisst man sie aber auch nicht wirklich. Im Booklet wird eine kurze Zusammenfassung der einzelnen Episoden gegeben und auf einer beigefügten Karte findet man zur leichteren Orientierung die Hauptentwicklungsrouten und originären Siedlungsgebiete der Indianer aufgezeichnet.

Fazit: Die fast 12-stündige Doku-Saga beschreibt eine Entwicklung voller Triumphe, Tragödien, Hoffnungen und grausamer Realität. Wohl kaum zuvor konnte man die geschichtliche Vergangenheit der „Mission Westen“ so umfassend und facettenreich erleben. Sicherlich; durch die Länge und das Fehlen jeglicher Action wird die Produktion vor allem Amerikaenthusiasten und an Fragen des Schicksals der Indianer, Abenteurer und Siedler interessierten Menschen ansprechen. Diejenigen kommen aber in den Genuss der Erkenntnis, welch hohen Preis die Ausdehnung nach Westen und Amerikas Entwicklung zu einer kontinentalen Nation von Ureinwohnern und Siedlern zugleich forderte.


The West - Die Eroberung des Westens (4-DVD-Box)

Studio: Polyband & Toppic Video/WVG
Regisseur: Stephen Ives
Veröffentlichung: 28. März 2008
Preis: 34,95 Euro
Genre: Dokumentation
Laufzeit: ca. 710 min

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