Die Reise beginnt an der Mündung des Flusses, wo sich die Wassermassen des Kongo in den atlantischen Ozean ergießen. Ein Schubverband, bestehend aus vier stählernen Pontons und einigen seitlich festgemachten Langbooten bricht ins Landesinnere auf; vor ihm liegen 1700 Kilometer befahrbare Wasserstraße bis zu den nächsten Stromschnellen. Der Fluss, der in der Mythologie der Einheimischen durch eine Schlange symbolisiert wird, ist die Hauptlebensader des gebeutelten Landes, seit die Natur Straßen und Eisenbahnlinien zurückerobert hat. Händler mit ihren Waren, kinderreiche Familien, alte und junge Menschen haben auf den rostigen Planken der Pontons Platz gefunden, ihre Zelte aufgeschlagen und es sich soweit es geht bequem gemacht. Zwischen Fracht, Unterständen und Menschen drängen sich dutzende angebundene Nutztiere; eng geht es auf dem gesamten Schiff zu, das benötigte Wasser wird einfach dem Fluss entnommen und als "Badezimmer" dient das offene Heck. Wie ein schwimmendes Dorf wirkt das mächtige Schiff, das sich langsam den Weg flussaufwärts über den sehr breiten Strohm bahnt. Für die Dokumentation "Congo River – beyond darkness" hat Thierry Michel mit seinem Team die Fahrt des Schiffes begleitet und folgt dem Kongo Richtung Quelle, tief im "Herzen von Afrika".

Das Kongogebiet war einst belgische Kolonie und wurde von König Leopold III gnadenlos ausgebeutet. Damals war das rund zwei Millionen Quadratkilometer große Gebiet praktisch unerforscht und sicherte dem 80-mal kleineren Belgien reiche Rohstoffe. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren mit Livingstone und Stanley erste weiße Eroberer in das Gebiet um den Kongo vorgestoßen. In der Dokumentation wird immer wieder zu alten Filmaufnahmen aus der Kolonialzeit übergeblendet und somit eine Brücke zur heutigen Situation gebaut.

Denn vieles erinnert auch noch heute an die alten Kolonialherren, die neben Ausbeutung und Unterdrückung auch viel Know-How und Fortschritt mitbrachten. Damals war an der mittlerweile praktisch verwaisten Universität von Yangambi die Elite der afrikanischen Agrarwissenschaftler ansässig. Heute kümmert sich nur noch ein Professor um das größte, langsam zerfallende Herbarium Zentralafrikas und ist auch Herr über eine umfangreiche Sammlung staubiger ausgestopfter Vögel. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein und hinterlässt ein etwas beklemmendes Bild eines Landes, das zwar das koloniale Joch abwerfen konnte, dessen Schicksal sich aber keinesfalls zum besseren wendete und nunmehr unter der Habgier und dem Versagen der politischen Führung litt.

Zurück auf dem Fluss haben die Menschen andere Sorgen. Zwei Männer feilschen um den Preis eines toten Affen, der, weil schon leicht riechend, von 2700 auf 2500 Francs runtergehandelt werden kann und schon bald über dem Feuer zubereitet wird. Nebenan bringt ein Flusskommissar seine kranke Frau in die Klinik. Er hat ein dickes Bündel Verordnungen und Richtlinien dabei; allesamt noch aus der Kolonialzeit. Auch der Kapitän hat es schwer. In Ermangelung von Karten muss er sich auf seine selbst gezeichneten verlassen; und den Angaben des Lotsen, der ihm per Handzeichen, mittels seines am Bug stehenden, mit einem Stakstab ausgestatteten Kollegen, gemessene Untiefen durchgibt. Zwischenzeitlich gleitet die Schicksalsgemeinschaft des schwimmenden Dorfes durch wunderschöne Landschaften; nebelverhangen oder traumhaft in der untergehenden Sonne fotografiert und mit angenehmer Musik unterlegt.

Schiffsunglücke, gefährliche Stromschnellen und korrupte Beamte mit vielen Formularen und Stempeln machen den Menschen das Leben zusätzlich schwer. Malaria und die Schlafkrankheit sind hier im Herzen von Afrika für viele Krankheits- und Todesfälle verantwortlich. Wenn Geld seitens der Regierung vorhanden war, scheint es verschwendet worden zu sein. Stromleitungsmasten stehen nutzlos in der Gegend rum; auf die nötigen Kabel warten die Menschen schon seit über 15 Jahren. Dafür zeigt die Dokumentation nie fertiggestellte Paläste des ehemaligen Diktators Mobutu, die heute in vergänglichem Prunk langsam verfallend unter grünem Dickicht verschwinden. Ein langer Bürgerkrieg mit unvorstellbaren Gräueltaten tat ein Übriges, um das Land vollends ins Chaos zu stürzen. Aber es gibt auch Hoffnung. In Eigenregie wird eine alte Bahnlinie aus der Kolonialzeit in mühsamer Kleinarbeit wieder flott gemacht und trotz der desolaten Lage für Mensch und Tier auf den überladenen Barkassen, scheinen die Menschen voller Optimismus zu sein.

Auf dieser Reise erlebt man die ganze Vielfalt der Flusslandschaft. Die Mythologie wird ebenso enthüllt wie die legendären Gestalten, die im Herzen Afrikas Geschichte geschrieben haben. Das Team um Thierry Michel hat ein unglaublich facettenreiches und lebensnahes Portrait der in der Kongoregion lebenden Menschen aufgezeichnet und bringt damit ein Land in unser Bewusstsein, das man gemeinhin nur mit Elend, Bürgerkrieg und Hoffnungslosigkeit verbindet. Das Bonusmaterial zeigt einige der Schwierigkeiten, mit der die Produktion zu kämpfen hatte - in einem Land praktisch ohne Infrastruktur und mit für uns oftmals kaum zu verstehenden kulturellen Gewohnheiten. So entstand mit viel Liebe zum Detail eine beeindruckende Dokumentation über ein Land voller menschlicher Tragödien, aber auch erste Zeichen eines Volkes, das seine Zukunft wieder in die eigenen Hände zu nehmen scheint.

DVD: Congo River – beyond darkness (OmU)

Veröffentlichung: 22. Februar 2008
Genre: Dokumentation
Verleih: Alive
Laufzeit: 116 min + plus Bonus ca. 60 min
Regie: Thierry Michel

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