Was ist der Buddhismus? Eine der sieben Weltreligionen, eine friedvolle Glaubensrichtung und Gegenstand einer geradezu mystischen Vorstellung, die sich in unseren westlichen Kpfen ber Jahrhunderte hinweg fest verankert hat. Fasziniert betrachten wir Tibet als geheimnisvolles Zentrum, in dessen Kultur sich der Geist dieser Religion prachtvoll widerspiegelt. Der mexikanische Regisseur Juan E. Garca hat sich auf die Spuren dieser uns unbekannten Welt begeben und prsentiert nun in seiner Dokumentation Free Tibet einen spannenden und intensiven Einblick in selbige.

"Vor der chinesischen Invasion gab es in Tibet 500.000 Mnche und mehr als 6.250 Klster. Heute sind es nur noch etwa 6.000 Mnche und 17 Klster." Schon der Titel Free Tibet erinnert zuerst einmal an die gleichnamige Menschenrechtsorganisation. Wenn dann im Vorspann diese Worte eingeblendet werden, und die Dokumentation danach vom Dalai Lama persnlich eingeleitet wird, scheint das Ziel des Films klar: eine Parole gegen die chinesischen Unterdrcker oder?

Mitnichten, denn nach einer Abrechnung steht dem mexikanischen Regisseur Juan E. Garca nicht der Sinn. Vielmehr betrachtet er die mystifizierte Welt des Buddhismus mit einer gewissen wissenschaftlichen Nchternheit und geht somit verhltnismig objektiv ans Werk. Dass ein kritischer Blick auf die Besetzung und Unterdrckung durch China nicht ausbleiben kann, ergibt sich jedoch von selbst, trgt dieser Zustand doch mageblich dazu bei, dass Tibet seine kulturelle Identitt allmhlich vom Aussterben bedroht sieht.

Juan E. Garca will dem mit seiner Dokumentation auch entgegenwirken: in imposanten, farbenfrohen Aufnahmen entfhrt er den Zuschauer in den Himalayastaat. Dabei gibt er sowohl einen fundierten Einblick in die historischen Entwicklungen des Buddhismus als auch in das Leben der Mnche im Hier und Jetzt. So erfhrt man dank eingestreuter Animationen sehr anschaulich die wichtigsten Aspekte dieser Lebensphilosophie.
Free Tibet
Mexiko 2008
Verleih: Sunfilm
Genre: Dokumentation
Filmlaufzeit: 84 min
Regie: Juan E. Garca
DVD-V: 12.03.2010


Angefangen beim tibetischen Entstehungsmythos, spannt Garca den Bogen systematisch in historischer Reihenfolge. Dazu wurde die Dokumentation in einzelne Kapitel unterteilt, die jeweils einen bestimmten Aspekt wie die eschichte des Buddhismus abhandeln. Das schafft zwar einen stringenten Ablauf, fhrt jedoch leider auch dazu, dass der Zuschauer sich erst einmal schnell in einen Hrsaal versetzt fhlt. Ein Bombardement von Daten und Fakten, die sicherlich sehr viele wichtige Informationen enthalten, von denen aufgrund der Menge nur weniges richtig hngen bleibt.

Die ersten zwanzig Minuten erweisen sich somit als anstrengende Konzentrationsbung, sind jedoch wiederum notwendig, um den Einstieg in Garcas eigentliche Arbeit zu schaffen. Mit viel Einfhlungsvermgen erschafft er ein authentisches Abbild von Land und Leuten, insbesondere die fr gewhnlich verschlossene Welt des Klosterlebens zeigt er in bestechend detailierten Aufnahmen, die vieles bisher Unbekannte eindrucksvoll in Szene setzen.

So begab sich Garca auf einen ausfhrlichen Rundgang durch den 108 Gebude umfassenden Klosterkomplex von Samye, der ersten orthodox-buddhistischen Gemeinschaft in Tibet. Dabei dringt er in Bereiche vor, die normalerweise nur den Mnchen offen stehen (wie etwa der Gebetsraum) und beleuchtet bei dieser Erkundungstour die architektonischen Besonderheiten ebenso wie die Bedeutung der vielen Symbole, die im tibetischen Buddhismus eine fundamentale Rolle spielen.

Und Garca ging sogar noch einen Schritt weiter: er begleitete Mnche einen Tag lang vom frhen Aufstehen am Morgen durch verschiedenste Zeremonien und Rituale bis zum letzten Abendmantra. Die Einsichten, die der Zuschauer dabei gewinnt, drfen als kostbare Raritten angesehen werden: man erfhrt, wie Debatten zur Lsung von philosophischen Lehren ausgetragen werden, wie in absoluter Ruhe und vollkommener Eintracht Brot gebacken wird oder wie mndliche und schriftliche Prfungen von Statten gehen. Bei Besuchen von zeremoniellen Feierlichkeiten erlebte der Regisseur hautnah die typischen Cham-Tnze, die von den Mnchen zu verschiedensten Anlssen aufgefhrt werden, er beobachtete sie bei der akribischen Herstellung eines Mandala und wohnte ihren monotonen Sakral-Gesngen bei. Szenen, die sich dem gemeinen Touristen nur sehr bedingt, wenn berhaupt, erschlieen drften.

Fazit:

Free Tibet mag zwar auf den ersten Blick nach pathetischem Manifest aussehen, ist es jedoch beileibe nicht. Juan E. Garca zielt nicht mit dem Zeigefinger auf die chinesischen Despoten und zeigt ihre Grueltaten auf. Stattdessen vermittelt er einen auergewhnlich intimen Einblick in die fr uns so geheimnisvolle Identitt des tibetisches Volkes, seiner Traditionen und seiner Religion. Die Frage, ob eine derart friedliche Lebenswelt und ihre fesselnde Kultur tatschlich dem Untergang geweiht sein sollten, kann da letztlich nur verneint werden.

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