campus-web Bewertung: 3/5
   
 

   
 

   
Lars von Triers verstörendes Werk Antichrist schockierte vergangenes Jahr auf den Filmfestspielen in Cannes die Kritiker und spaltete diese in zwei Lager. Die einen waren fasziniert und begeistert von diesem schonungslosen Horrortrip eines Paares, dass die Trauer um den Verlust des Sohnes zu bewältigen versucht. Die anderen waren abgestoßen und empört. Wer schon mit dem bitteren Zynismus von Dogville zu kämpfen hatte, wird mit Antichrist endgültig an seine Schmerzgrenze stoßen. Von Triers böses Drama ist psychologischer Horror pur und blickt in kaum vorstellbare Abgründe verletzter Seelen.

Von Trier eröffnet seine Schauermär mit einem epischen Prolog: Ein Paar liebt sich innig, leidenschaftlich, vergisst die Welt um sich herum – auch seinen Sohn, der auf ein offenes Fenster zuläuft… Die Bilder sind klar und präzise ausgeleuchtet. Sorgfältig hat der Regisseur seine Ouvertüre komponiert. Das Paar liebt sich in Zeitlupe und in gestochen scharfem Schwarz-Weiß. Dazu eine dramatische Arie – spätestens jetzt ist man sich der Bedeutungsschwere des Liebesakts bewusst. Der Akt als Sünde, als Todsünde, denn letztlich ist er Schuld am Tod des geliebten Kindes. Die Zeit der Trauer beginnt.

Während sie völlig erschöpft zusammenbricht, den Schmerz mit voller Wucht spürt und ihm zu entfliehen versucht, lenkt er sich ab – ausgerechnet als ihr Therapeut. Nüchtern analysiert er die Anatomie des Schmerzes, die Phasen der Trauer, während sie unter Panikattacken leidet. Für eine erfolgreiche Trauerbewältigung suchen sie nach Ruhe und Ungestörtheit, tief im Wald. Ein Ort, der Urängste weckt und dessen Geheimnisse ebenso im Verborgenen lauern wie der Schmerz der trauernden Mutter. Während ihr Mann offenbar mit Begeisterung seine erlernten analytischen Methoden ausprobiert, sucht sie nach Ablenkung in hemmungslosem Sex. Will die geschundene Seele nicht mehr spüren, indem sie ihre Körper wieder spürt, egal wie. Immer stärker steigert sie sich in ihre Gefühle hinein, die zunehmend im Chaos versinken, dass sich seinen Weg nach draußen bahnt. Aus Trauer werden Schuldgefühle, aus Schuldgefühlen Hass, der in gnadenloser Gewalt eskaliert, die alles zerstört.
Antichrist
(Antichrist), DK/D/F/I/S 2009
Verleih: Ascot Elite Home/MFA
Genre: Horror/Drama
Filmlaufzeit: 104 min
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe
DVD-VÖ: 18.03.2010


Lars von Trier nutzte Antichrist als Weg aus der Depression, als Therapie. Seine Bild gewordenen düsteren Fantasien, sein Schmerz sind schwer zu ertragen. Sie schockieren, verstören, machen ratlos, nachdenklich. Der Film wirft Fragen auf, deren Antworten wohl nur tief in der Seele seines Schöpfers zu finden sind. Antichrist hat nicht umsonst polarisiert. Es ist schwer, sich auf den schweren Stoff einzulassen, einen Zugang zu finden und diesen Horrortrip bis zum bitteren Ende durchzustehen. Man kann von Trier für diesen tiefschwarzen Seelenstriptease hassen oder ihn für seine Konsequenz bewundern, ebenso wie Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe, die sich nicht nur körperlich völlig nackt zeigen und neue Grenzen ausloten.

Auch wenn von Trier sich schon länger nicht mehr strikt an die einst formulierten "Dogma"-Regeln hält, so sind die Einflüsse des "puren" Filmstils in Antichrist deutlich spürbar. Lediglich im Prolog und Epilog hört man Filmmusik und sieht klar ausgeleuchtete Bilder. Ansonsten entsteht aus düsteren, expressionistisch anmutenden Tönen eine bedrohliche Geräuschkulisse, die die ohnehin finsteren Bilder noch bedrohlicher erscheinen lassen.

Antichrist ist eine verstörende, schwer verdauliche Reise in seelische Abgründe. Selten war ein Film so brutal, so schonungslos und so kompromisslos. Man vermag kaum etwas über die Qualität dieses Psychogramms zu versagen – aber man wird es definitiv nicht so schnell vergessen – den Anblick der Hölle eines depressiven Regisseurs.

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