campus-web Bewertung: 3,5/5
   
 

   
 

   
Schon zum Kinostart im August 2009 erregte Quentin Tarantinos erster Kriegsfilm Aufsehen. Seine "inglorious Basterds" (Deutsch: die unrühmlichen Mistkerle) lieferten Diskussionsstoff en masse und die Kritiken spiegeln ein breites Spektrum von Begeisterung ("Tarantinos bester Film seit Pulp Fiction", BBC) bishin zu Entsetzen (Film missbrauche die Nazis "für eine Filmästhetik jenseits aller moralischen Absicht", Jens Jenssen in der "Zeit"). Kein Wunder. Das Thema ist höchst sensibel und der Umgang damit überspitzt zynisch. Tarantinos polarisierendes Nazi-Märchen ist seit kurzem auf DVD erhältlich.

Es war einmal in einem von Nazis besetzten Frankreich... Da jagt der SS Schnüffler und "Judenjäger" Hans Landa (Christoph Waltz) in ganz Frankreich versteckte Juden. Er stattet dem Bauern Perrier LaPedite (Denis Menochet) einen Besuch ab, denn er vermutet und kombiniert scharfsinnig, dass dieser in seinem Haus eine jüdische Familie versteckt hält. Was mit einem leckeren Glas Milch beginnt, endet im Blutbad. Nur Shosanna (Mélanie Laurent), die Tochter der jüdischen Familie entkommt. Und damit wären wir bereits bei einer von zwei Geschichten, die Inglorious Basterds in fünf Kapiteln und stolzen 153 Minuten.

Shosanna leitet Jahre später in Frankreich ein Kino. Dort umwirbt sie der gefeierte deutsche Kriegsheld Frederick Zoller (Daniel Brühl), der sich selbst in einem Film über seine Heldentaten spielt. Die Filmpremiere für Goebbels und Hitler soll in eben diesem Kino stattfinden. Doch auch Aldo Raine (Brad Pitt) bekommt Wind von dieser Veranstaltung und wittert seine Chance, die hochrangige Nazi Riege auf einen Schlag erledigen zu können.

Aldo Raine ist Anführer einer radikalen amerikanischen Guerrilla Truppe, deren einziges Ziel es ist, möglichst viele uniformierte Nazis zu töten, zu skalpieren und zu brandmarken. Die Jüdin Shosanna und Aldo, der Apache und seine "Inglourious Basterds" haben ein gemeinsames Ziel: Den Rachefeldzug gegen die Nazis und den Mord an Hitler und seinen Genossen.

Kurzum: der zweite Weltkrieg endet bei Tarantino anders als es uns die Geschichtsschreibung erzählt. Er erfindet die Historie neu und präsentiert ein Konzept mit grandiosen Darstellern, ausgiebigen, fein geschliffenen Dialogen und viel Blut. Man sieht Skalpierungen deutscher Soldaten, das Totprügeln mit einem Baseballschläger und ein finales Blutbad im Kino – ausgelöst durch zwei Maschinengewehre. Sicher nichts für Zartbesaitete, aber das erwartet man wohl kaum von einem Tarantino - Film.
Inglourious Basterds
USA 2009

Verleih: Universal/DVD
Genre: Satire/Kriegsfilm
Filmlaufzeit: 153 min
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Brad Pitt, Mélanie Laurent, Christoph Waltz,
Eli Roth, Michael Fassbender, Til Schweiger, Diane Krüger,
Daniel Brühl, August Diehl, Christian Berkel
DVD-VÖ: 14.01.2010


So deutsch wie das Thema, so sind es zum Teil die Schauspieler. Bis in die kleinsten Nebenrollen konnte Tarantino bekannte deutsche Darsteller verpflichten. Neben Til Schweiger sind Diane Krüger, August Diehl, Christoph Berkel, Gedeon Burkhard, Jana Pallaske, Michael Fassbender und Daniel Brühl mit von der Partie.

Mit Brad Pitt als Aldo Raine schafft Tarantino einen besonderen Charakter. Mit seinem Südstaatenakzent und der legendär populistischen Ansprache, in der Raine von jedem seiner Leute hundert Naziskalps einfordert, zeigt Pitt gleich zu Beginn eindrucksvoll, was die Zuschauer erwartet.

Neben den "Basterds" ist Christoph Waltz in der Rolle des deutschen Judenjägers und Nazi Oberst Hans Landa die faszinierende und abstoßende Hauptfigur. Dem fiesen SS Schnüffler wird viel Darstellungsraum und Leinwandpräsenz gegeben. Landas freundlicher Zynismus und seine Skrupellosigkeit sind von der ersten Sekunde an vorherrschend und bestimmen die "Inglorious Basterds". Bis zum Ende weiß der gerissene Oberst sein Umfeld und sogar die Geschichte zu manipulieren.

Die lose filmische Vorlage für Inglorious Basterds liefert Enzo G. Castellaris Ein Haufen verwegener Hunde (1978) und damit die italienische Version des Robert-Aldrich-Klassikers Das Dreckige Dutzend. Alles in allem hat Tarantinos Werk wenig bis gar nichts mit der Vorlage gemeinsam. Höchstens die Untertitel im klassischen Gelb des Italo Westerns. Eben diese Untertitel sind nötig, da Tarantino sich recht mutig, dazu entschieden hat, Deutsche und Franzosen in ihrer Landessprache sprechen zu lassen und der Film somit ständig zwischen den Sprachen hin und her wechselt.

Die Darstellungen der verschiedenen Szenen, ob sie die Hauptstory oder einen Nebenschauplatz zeigen, sind sehr detailliert. Tarantino nimmt sich Zeit. Kapitel Vier zeigt ein ausgelassenes Saufgelage mit Trinkspielen und stellt jeden Charakter fein säuberlich vor, bis sie kurze Zeit später alle nach einer Schiesserei tot den Boden zieren.

Fazit: Inglourious Basterds ist ein Pflichtprogramm für jeden Cineasten. Ein Tarantino mit zweifelsohne brillianten Einzelszenen, aber im dritten und vierten Kapitel einigen Durchhängern. Der Film gerät mitunter sehr langatmig. Zwischen den unterhaltsamen Szenen sind Durststrecken, die sicher ihre Opfer fordern werden. Die Thematik ist zweifelsohne schwierig und der satirische Umgang damit ist gewöhnungsbedürftig und liefert Diskussionsstoff. Doch durch Tarantinos plakative "Geschichtsfälschung" nimmt man das Ganze weniger ernst. Die ständigen Sprachwechsel sind ungewöhnlich, doch durchaus interessant für den Zuschauer. Und was die Schauspieler betrifft so ist dies eine Glanzleistung. Fast alle meistern ihre Rolle mit Bravour. Alles in allem ein solider Film, aber sicher nicht das Meisterwerk schlechthin von Tarantino.

Die Specials der Single Disk lassen einige Wünsche offen. Lediglich drei zusätzliche Szenen und den in Inglorious Basterds in Ausschnitten gezeigten Propagandafilm "Stolz der Nation" in voller Länge (sechs Minuten) werden hier gezeigt. Nicht mehr Bonumsmaterial, dafür aber jede Menge Gimmicks liefert die "Collectors Box", die u. a. ein Poster vom Filmstar Bridget von Hammersmark, eine Rezeptkarte "Mama Landas Altösterreichischer Apfelstrudel", 4 Bierdeckel und einiges mehr enthält.



Mehr Infos zum DVD-Start von Inglourious Basterds auf der Homepage.

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