campus-web Bewertung: 2/5
   
 

   
 

   
Wer kennt das nicht? Nostalgie, Melancholie, Sehnsucht nach dem Leben, das man frher mal gefhrt hat. Ab einem bestimmten Alter nennt man das dann Midlife Crisis. Marco Wilms macht zu Beginn dieser Dokumentation genau das durch und er nimmt uns mit. Nach einem ziemlich langen Musik-Vorspann ber das geteilte Berlin erzhlt er uns nmlich von seiner Zeit in der ausklingenden DDR. Model war er geworden, eigentlich ganz offiziell fr bliche Herrenmoden. Doch dann landete er in den Kreisen der Ost-Berliner Mode-Avantgarde und machte ziemlich viel verrcktes Zeugs mit.

Ausgestattet mit seiner frheren selbst gestalteten Designer-Lederjacke besucht er nun seine Freunde, die ehemaligen Protagonisten eben dieser Modewelt. Wenn die von damals erzhlen, glaubt man ihnen, dass sie dabei waren: Stylist Frank Schfer ist komplett eins mit seinem Beruf geworden, und Designerin Sabine von Oetingen wlzt ihre Kreationen inzwischen im Schlamm eines Bauernhofes. Anders wollte man schon damals sein, anders als die DDR-Gesellschaft, in der alles genormt war und abweichende Elemente, so friedlich sie auch sein mochten, schon mal von der Polizei abtransportiert wurden.

Mit Hilfe von Photos und wenigen Filmschnipseln der Happening-Modenschauen wird versucht, die frhere Stimmung wieder einzufangen. Klappt aber nur bedingt. Daher soll in der zweiten Hlfte der Doku dann eine DDR-Modenschau rekonstruiert werden. Wilms baut seine Wohnung um, ldt Berlins Straen per Megaphon ein und geht mit seinen Freunden auf Jagd nach den richtigen Materialien. Unbewusst zeigt sich hier ein Problem des Konzepts: Die Designerin sucht im Baumarkt den exakt richtigen Duschvorhang, mit dem sie ihre Models bekleiden kann (fr den nicht ganz richtig titelgebenden "Traum aus Erdbeerfolie und Duschvorhang"). Findet sie aber nicht. Daher die Erkenntnis: Heute hat man viel mehr Konsumgter, aber nicht die richtigen. Aber war das damalige Material denn "das richtige" oder einfach "das, was man hatte"? Kommt das Lebensgefhl, die alte Freiheit, etwa durch penible Rekonstruktion zurck? .
Ein Traum in Erdbeerfolie.
Comrade Couture, D 2009

Verleih: Polyband
Genre: Dokumentation
Filmlaufzeit: 83 min
Regie: Marco Wilms
DVD-V: 30.10.2009


If I Could Turn Back Time

Kommt sie nicht, und das sieht auch Wilms schlielich ein. Seine Modenschau ist fr Insider natrlich ein Spa, aber irgendwie bringt sie nichts fr den Auenstehenden. Die Welt der unangepassten DDR-Mode hat man noch lange nicht betreten; zuviel ist unklar geblieben. Was war denn erlaubt? Wieviele dieser vogelfreien Modegruppen gab es? Wie bekannt waren Wilms und seine Freunde, die zwar irgendwie als Ikonen dargestellt werden, andererseits aber auch wieder viel zu kumpelhaft mit Wilms durch den Film toben? In welcher Form war Mode als Kunstform berhaupt im Land vertreten? Man erfhrt zwar, dass es sogar eine TV-Sendung zum Thema gab die interessantesten Details gibts aber erst in einer der geschnittenen Interview-Szenen auf der DVD.

Ein Traum in Erdbeerfolie erweist sich als zu sprunghaft. Vielleicht, weil der Regisseur zu nah am Thema dran war; statt Fakten gibts bei ihm inszenierte Doku-Soap-Szenen Marke "Wo ist denn nun mein T-Shirt mit DDR-Aufdruck?". Den Aspekt der "Unterdrckung einer Gegenkultur" wollte man wohl in den Fokus stellen, man hat sogar einen ehemaligen Stasi-Offizier als Zeitzeugen, und der war dann damals auch noch im richtigen (jugendlichen) Alter aber pltzlich hrt man nichts mehr von ihm. Dann doch lieber Archivmaterial von den "Aufrum-Aktionen" der Stasi zeigen, unterlegt mit Polizei-vergtternden Kinderliedern, denn Ironie kommt ja immer gut. Auch sonst wird nicht viel ausgesagt. Weitere Bilder (manche davon offensichtlich wiederholt), dazu eins von drei Instrumentalmusiken: Speziell das freudig-melancholische Gitarrenpicking muss man scheinbar ber die Hlfte der Film-Laufzeit hinweg hren.

Fazit: Mode-Liebhaber werden eventuell ein paar interessante Details oder Zeitdokumente finden. Der Rest der potentiellen Zuschauer kann sich das Klassentreffen aber gut sparen und lieber selber was spannendes erleben.

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