Das 20. Jahrhundert war das goldene Zeitalter der Comics. Damals hieen sie noch nicht Graphic Novels und Mangas aus Fernost hatten ihren Siegeszug in der westlichen Welt noch vor sich. Trotzdem fehlte es der europischen, speziell belgischen und franzsischen Kulturform der "bandes dessines" damals nicht an Feindbildern. Daher galt es immer, sich gegen den uferlosen und spektakulren Stil der amerikanischen Massenware abzuheben. Knstler wie Morris (Lucky Luke), Goscinny / Uderzo (Asterix) oder Franquin (Spirou und Fantasio) schufen Meisterwerke, die bis heute ihren alten Glanz nicht verloren haben.

Zu den beliebtesten gehrte seit seinen Anfngen auch Herg, der mit Tim und Struppi den vielleicht wichtigsten und nachhaltigsten Beitrag zur Comic-Begeisterung leistete. Grnde dafr gibt es viele, denn Herg, eigentlich Georges Remi, ist fr ein Phnomen verantwortlich.

Politikum in Sprechblasen

Die Comic-Bnde, die seit den 1930ern erschienen, haben von Beginn an fr Aufregung gesorgt. Auch 20 Jahre nach dem letzten Band und ber 25 Jahre nach Hergs Tod halten die Kontroversen an. Schon der zweite Band Tim im Kongo ist nach heutigem Verstndnis durch und durch rassistisch und pro-kolonialistisch. So stehen hier die naiven Kongolesen der belgischen Schutzmacht gegenber, die ihnen die Zivilisation bringt. Herg war eben das Kind einer Zeit, in der "white supremacy" und die Kolonisierung des schwarzen Kontinents als hehre Ziele galten. Das spiegelt sich auch in seinen Werken wider.

Der Schpfer hat diese und andere seiner Geschichten immer wieder berarbeitet und aktualisiert, um der Kritik entgegenzukommen, doch rger gibt es bis heute; aus vielen Buchlden ist Tim im Kongo inzwischen verschwunden, im Jahr 2007 hat ein kongolesischer Student gegen den Band und seinen freien Verkauf vor einem Gericht in Brssel geklagt.

Ein anderes Beispiel aus Der geheimnisvolle Stern: Tims Gegenspieler ist dieses Mal der Bankier Blumenstein, offensichtlich der stereotypen Jude. Seine Intrigen in der Weltfinanz lenkt er ganz nach Nazipropaganda von New York aus. Vielfltig sind diese Verweise, und ist man mal ganz ehrlich, ziehen sich diese Vorstellungen durch das komplette Frhwerk Hergs. Ihnen stehen dabei wiederum klare Pldoyers gegenber, die sich gegen Faschismus und Oppression richten. Tim & Struppi ist unter der actionreichen Oberflche stets ambivalent geblieben im negativen wie positiven Sinne.

Bis heute entspannt sich ber diesen Details insbesondere der frhen Comics die Frage, wie damit umgegangen werden soll: ndern, verbieten und wegleugnen? Akzeptieren und, wie bei den englischen Ausgabe von Tim im Kongo im Vorwort den historischen Kontext erklren? Eine eindeutige Linie scheint dabei bis heute noch nicht gefunden.

Wenn wir schon von Linie sprechen: den Reiz machte neben den kreativen Geschichten eben auch immer der optische Stil, die "ligne claire" aus. Eine schnrkellose, ausdrucksstarke Art der Illustration. Sie wird bis heute gelegentlich zitiert u.a. in der Gestaltung von Buchcovern, wie bei Christian Krachts Sammlung Der gelbe Bleibstift.

Die Geschichte Europas

Darber hinaus ist Tim und Struppi immer auch eine politische Reihe gewesen, und das macht es auch fr Leser 50 Jahre danach interessant. Herg hat das Weltgeschehen seiner Zeit aufmerksam verfolgt und in seine Geschichten eingearbeitet. Der Nahe Osten ist so ein Thema, dass er bewusst wie unbewusst aufgegriffen hat: Im Reiche des Schwarzen Goldes, da spricht der Titel fr sich. Ein anderes Mal ist Tim zu Gast in einem kleinen fiktiven Knigreich auf dem Balkan, dass von seinem Nachbarn, einer zunchst faschistischen, spter stalinistischen Diktatur bedroht wird. Herg war ein origineller Erzhler, der wusste, wie wichtig es ist, dass die Kulissen authentisch wirken: der totalitre Staat Bordurien wird von einem General regiert, seine Soldaten tragen rote Binden mit weiem Kreis.

Er erschuf eine Parallelwelt, die unserer so sehr hnelte, dass er sie jederzeit kommentieren, parodieren, kritisieren konnte. In gewisser Weise hat er die Geschichte Europas zu seinen Lebzeiten noch einmal erzhlt, in leichten Variationen.

In der gleichnahmigen Fernsehserie, die die Geschichten des rasenden und reisenden Reporters in passender Dramatik zeigt, ist die berhmte "ligne" genauso prsent wie der Charme der Abenteuer, die in Inka-Tempeln und schottischen Schlssern spielen. Tim jagt seinen Schurken hinterher und wird gejagt: auf halbem Wege zwischen den unendlichen Schneeweiten Tibets und den toten Oberflchen des Mondes scheint er selbst nie anzukommen. Zumindest das hat er mit seiner Rezeption bis heute gemein.

In einer Sonderedition erscheinen nun die 21 Geschichten, auf 39 Episoden verteilt, die Anfang der 1990er Jahre ihre Auferstehung feierten. Infos zur Jubilums-Box findet ihr hier.

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