Campus-Web Bewertung: 4/5
   
 

   
 

   
Clint Eastwoods bewegendes Drama Der fremde Sohn erscheint nun endlich auf DVD. Eastwood erzhlt eine erschtternde Geschichte basierend auf wahren Begebenheiten: Eines Tages verschwindet der Sohn der berufsttigen allein erziehenden Christine Collins (Oscarpreistrgerin Angelina Jolie: Durchgeknallt, Ein mutiger Weg, Der gute Hirte) spurlos. Nach zehn Monaten behauptet die Polizei, den Jungen in Illinois gefunden zu haben. Doch bei der bergabe erschrickt Christine: Das Kind ist nicht ihr Sohn. Doch das Polizeidepartement, das wegen Korruptionsvorwrfen normalerweise fr schlechte Presse sorgt, will mit dem Fall unbedingt sein Image aufpolieren. Captain J.J. Jones (Jeffrey Donovan: Blair Witch 2, Sleepers) rt ihr deshalb, das Kind doch zumindest eine Zeit lang "auszuprobieren". Doch Christine versucht stattdessen mithilfe des Aktivisten Reverend Briegleb (John Malkovich: Burn after reading, Gefhrliche Liebschaften), eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zu erreichen. Als sie nur noch die Mglichkeit sieht, sich mit dem Vorfall an die ffentlichkeit zu wenden, wird sie von der Polizei in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Parallel dazu wird ein grausamer Massenmord an 20 Jungen in Wineville aufgedeckt.

Clint Eastwood liefert wieder mal eine packende Story ab. So unglaublich die Geschichte auch erscheint sie ist doch passiert, in einer Zeit, in der Autoritten unangreifbar waren und eine "unbequeme" Frau schnell in der Psychiatrie landen konnte. Natrlich wurde die Handlung in manchen Teilen abgendert, um das Schicksal von Christine Collins kinotauglicher zu machen und die Charaktere wie im Western - eindeutiger als gut oder bse darzustellen. Laut Drehbuchautor J. Michael Straczynski beruhen 90% der Dialoge auf Notizen, Mitschriften und Tonbandaufnahmen. Durch das Auftauchen diverser Reporter betont Eastwood dies und verleiht seinem Film dadurch noch mehr Authentizitt.
Der fremde Sohn
(Changeling), USA 2008

Verleih: Universal
Genre: Thriller-Drama
Filmlaufzeit: 140 min
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Angelina Jolie, John Malkovich,
Jeffrey Donovan, Michael Kelly,
Jason Butler Harner
DVD-V: 27.08.2009


Der Film berzeugt durch zwei stark kontrastierende Handlungsstrnge: Christine Collins Geschichte erzhlt Eastwood langsam und in blassen, freudlosen Farben. Diese Zurckhaltung wird nur durch Angelina Jolis rote Lippen durchbrochen. Die Handlung um die Morde auf der Northcott Ranch werden in erster Linie durch Rckblicken erzhlt. Die Erinnerungen an die Tat hacken wie eine Axt in die sonst eher ruhige Erzhlweise. Besonders hervorzuheben ist die berzeugende Ausstattung in authentischer 20er-Jahre Optik. Diese Liebe zum Detail vermisst man mitunter im Verlauf der Geschichte: Nicht nur, dass sich dem Zuschauer nach ber einer Stunde Laufzeit pltzlich zwei Handlungsstrnge erffnen, auch wie sich diese letztendlich verbinden, erscheint etwas abrupt. Der Film versucht letztendlich, zu viel zu lsen was auf Dauer anstrengt nach bis dahin bereits 120 von 140 Minuten Film. Immer wieder denkt der Zuschauer, das Ende des Films sei gekommen, nur um ein erneutes "Aufbumen" der Handlung zu erleben. Dieses Auf und Ab qult, aber wahrscheinlich ist dies der Versuch, das Kinopublikum noch intensiver in die Beteiligten des Fall Collins hineinzuversetzen das Warten auf die Erlsung oder die mgliche Wiederkehr des Verschollenen wird auch immer wieder von Bangen und Hoffen begleitet.

Beschftigt man sich spter nochmals mit dem Fall und klickt sich durchs "www", mag eins besonders auffallen: die frappierende hnlichkeit des Darstellers Jason Butler Harner (Next, Der gute Hirte) mit dem realen Northcott, auf dessen Ranch die Morde entdeckt wurden. Verletzlich und wahnsinnig mimt Harner den Massenmrder. Die Kamera nimmt immer wieder seine Position ein, so dass der Zuschauer einen verwirrenden Einblick in seine Sicht auf die Dinge bekommt.

John Malkovich hingegen wurde von Eastwood wohl eher als Zugpferd ins Boot geholt viel zu selten erscheint er als Christine Collins Helfer auf der Leinwand. Grtes Manko des Films ist leider Angelina Jolie. Durch ihre mediale berprsenz gelingt es ihr immer schlechter, dem Zuschauer ihre Rolle glaubhaft zu vermitteln. Mehrfach ertappt man sich dabei, den Hollywoodstar Jolie und nicht den durch sie verkrperten Charakter zu sehen. Hinzu kommt, dass Miss Jolie erschreckend abgemagert wirkt und wohl die Kostmbildner in den Wahnsinn getrieben hat: kein Kleid sitzt Angelina wirkt mitunter eher wie ein verhuschtes kleines Kind und nicht wie eine starke mutige Mutter. Der Zuschauer mag sich dabei ertappen, bei den beremotionalisierten Close-ups der verheulten Angelina sofort an intravense Zwangsernhrung zu denken.

Nichtsdestotrotz: Die Story packt und Der fremde Sohn ist kein Film fr amsante Filmabende mit Freunden eher ein Film, den man bewusst schaut, der einem noch lange im Gedchtnis bleibt und bewegt.

Die DVD oder Blu-Ray bietet als Extras einige Hintergrundinfos, u. a. ein Making Of mit Einblicken in die Entstehung des Drehbuchs, Clint Eastwoods Regiearbeit und das Produktionsdesign sowie Angelina Jolies Weg zu Christine Collins.

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