Campus-Web Bewertung: 4/5
   
...polterte Co-Produzent Dino de Laurentiis (Bitterer Reis) und weigerte sich, diesen knstlerischen Krimi in Italien zu prsentieren. Doch man kann den Italienern nicht bel nehmen, dass sie diesen Streifen quasi verkannt haben,denn die Story ist uerst verwirrend.

Regisseur und Nouvelle-Vague-Urgestein Jean-Luc Godard lie sich vom Roman des Amerikaners Lionel White inspirieren: Gelangweilt von seiner gut betuchten Ehefrau flirtet der Pariser Bonze Ferdinand (Jean-Paul Belmondo) wieder mit seiner verflossenen Liebe Marianne (Anna Karina), die sich als Schwester eines Waffenschiebers ausgibt. Nachdem sie Ferdinand in einen Mord verwickelt, flchtet dieser mit ihr in Richtung Sden.

Diese kurze Inhaltsangabe darf nicht so aufgefasst werden, als ob Godard die Romanvorlage einfach verfilmt hat. Bei Elf Uhr Nachts handelt es sich vielmehr um das Ergebnis vieler improvisierter Szenen, die in ihrer Summe einen uerst komplexen und surrealen Thriller ergeben. Godard installiert philosophische Texte gespickt mit Bildern von Plakaten sowie Leinwnden und rhrt noch ein paar krftige Musicalelemente drunter. Gut geschttelt entsteht so eine Bildsprache, die den Zuschauer durch ihre Symbolhaftigkeit zum Nachdenken bringt. Dabei kommt die bildhafte Kodierung ziemlich abwechslungsreich daher. Mal sind die Aufnahmen einfach nur schn, zum Beispiel wenn Karina und Belmondo an einem Waldabschnitt lang spazieren, der von einem breitgedrckten weien Hintergrund gespiegelt wird. Dann aber wird der Zuschauer von beinah abstoenden Aufnahmen erschreckt, wie etwa wenn Belmondo den mit einer Schere ermordeten Algerier findet und in dessen Wunde stochert. Bemerkenswert ist an dieser Stelle das Weitwinkelobjektiv, in welches Karina besagte Schere hlt, wodurch sich eine wunderbare Verzerrung ergibt.
Elf Uhr Nachts (Pierrot le fou), F/I 1965
Verleih: Universal Home
Genre: Krimi
Filmlaufzeit: 105 min
Regie: Jean-Luc Godard
Darsteller: Jean-Paul Belmondo,
Anna Karina, Dirk Sander
DVD-Verffentlichung: 04.09.2008


Neben verzerrenden Bildelementen hat Godard auch schizophrene Handlungsstrnge in den Film
eingebaut. Belmondo beispielsweise spielt einen Verrckten dessen materialistisches Weltbild durch kontrre Gefhle, welche wiederum durch Karina dargestellt werden, komplett durcheinander gewirbelt wird. Mchte man Karinas Rolle interpretieren, knnte man zum Schlu kommen, dass sie Ferdinands innere Erkenntnis symbolisiert. Schon Erich Fromm beschrieb 1978 die beiden schlichten Daseinsformen des Habens oder des Seins. Und genau zwischen diesen beiden Sthlen scheint auch Ferdinand zu stehen. Whrend er danach strebt, Weisheit zu besitzen, scheint Marianne eher frei von Ambitionen und Interessen, weil es ihr eher darum geht, zu sein als zu haben. Vielleicht mchte der Film aber auch nur ein Ur-menschliches Problem thematisieren: Unreflektierte und auf unkontrollierten Gefhlen basierende Liebschaften. Vielleicht aber auch nicht, denn die Story liegt hier, wie so oft in Godards Filmen im Auge des Betrachters.

Fazit: Dieser Film ist auf den Punkt gebracht, wartet mit gewaltigen Bildern auf, ist ein Tribut an den schwarzen Humor und pulsiert vor philosophischen Gesprchen. Keine leichte, aber eine ziemlich bereichernde Kost.

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