Einen dreistündigen Trip durch die menschliche Psyche bietet David Lynchs Film „Inland Empire“. Die jetzt erscheinende DVD ist genau das Richtige für Fans des eigenwilligen Regisseurs, denn nur durch wiederholtes Ansehen und eine gute Beherrschung der Rückspultaste kann man den Film einigermaßen verstehen. Die Rahmenhandlung von „Inland Empire“ wird schon zu Beginn des Films abgesteckt und ist relativ simpel: Die Schauspielerin Nikki Grace bekommt die Chance zu einem Comeback. Bei den Vorbereitungen zu den Filmaufnahmen erfahren sie und ihr Filmpartner Devon, dass der Film ein Remake ist. Der ursprüngliche Film wurde nie beendet, weil die beiden Hauptdarsteller ermordet wurden. Soweit, so mysteriös, zumal es Nikki, und mit ihr den Zuschauern, immer schwerer fällt, Realität und Fiktion voneinander zu unterscheiden. Welche von Nikkis verstörenden Erlebnissen sind real und welche spielen in der Filmwelt? Der Zuschauer muss ganz genau aufpassen, um die beiden Ebenen zu trennen, was nicht einfach ist, weil der Film natürlich keiner linearen Struktur folgt. Schlüsselszene des Films ist Nikkis Ermordung auf dem Walk of Fame in Hollywood: Sie stirbt, während sich drei Obdachlose direkt neben ihr über eine Busverbindung unterhalten (übrigens eine tolle Parabel auf die Gleichgültigkeit in der Gesellschaft). Als Nikki tot ist, schwenkt die Kamera nach Hinten weg, und man sieht, dass alles nur ein Filmset war. David Lynch macht damit deutlich: Man kann gar nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, denn alles ist Fiktion – real ist nur der Zuschauer vor dem Fernseher. Die Stärke von „Inland Empire“ ist vor allem die Eindringlichkeit der Erzählung, die mit einer leicht verwackelten, sehr direkten Kameraführung erzeugt wird. Ähnlich wie in Horrorfilmen ist Lynch mit der Kamera immer sehr nah an den Gesichtern der Protagonisten, was die bedrohliche Stimmung des Films unterstützt. Grandios und unbedingt sehenswert ist Laura Dern in der Rolle der Nikki: Der Film lebt von ihrer schauspielerischen Leistung. Für Fans von David Lynch ist „Inland Empire“ ein Muss, wer Freude daran hat, einen Film nicht nur zu konsumieren, sondern sich darüber den Kopf zerbrechen möchte, liegt mit dieser DVD genau richtig. David Lynch-Anfänger sollten vielleicht zunächst auf „Blue Velvet“ oder „Mullholland Drive“ zurückgreifen, um sich auf diese andere Art von Kino einzustellen.
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