Es gibt einige Namen, unter denen jene ehemalige First Lady der USA, die als Jacqueline Lee Bouvier geboren wurde, bekannt ist. Ihr offizieller Name lautete Jacqueline Lee Kennedy Onassis, doch als Jackie Kennedy ist sie wohl den meisten Menschen ein Begriff und Jackie O ist ebenfalls gelufig. Gerade der letztere Name ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil der Popkultur geworden. Von The Dresden Dolls bis hin zu den Spice Girls, es wird munter auf Mrs. O angespielt. Da ist es kein Zufall, dass Pablo Larrans 2016 erschienener biographischer Spielfilm im Original schlichtweg den Titel "Jackie" trgt. Denn genau wie der Name bereits verrt, geht es hier nicht um die glamourse Mrs. Kennedy oder gar um die ikonische Mrs. Onassis. Stattdessen gewhrt Larran dem Zuschauer Einblick in das Leben einer Frau, die hinter all dem Glitzer und Glamour auch nur ein Mensch war.

Die (fast) ungeschminkte Wahrheit

Jackie: Die First Lady
Verleih: Tobis Film
Genre: Drama, Biopic
Regie: Pablo Larran
Darsteller: Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, Caspar Phillipson
Filmlaufzeit: 100 Minuten
Sie trgt dezentes Make-Up und einen weien Rollkragenpullover. Manchmal zieht sie flchtig an ihrer Zigarette. Sie kann abwesend wirken, doch schnell sind ihre braunen Augen wieder ganz konzentriert. Dem Zuschauer ist unlngst klar geworden, dass hier der Mensch Jackie Kennedy (Natalie Portman) und nicht die Ikone dem namenlosen Reporter (Billy Crudup) ein Interview gibt. Jackie schildert, daran lsst Larrans Werk keinen Zweifel, ihre ihre Version der Geschichte. Besagtes Gesprch dient als Rahmenhandlung des Films, der Jackies Leben unmittelbar nach der Ermordung ihres Mannes John F. Kennedy (Caspar Phillipson) thematisiert.

Abseits von Pink und Pillbox-Hut

Der Name Jackie Kennedy weckt gewisse Assoziationen. Man denkt an die adrette junge Frau im rosafarbenen Kostm, an den Pillbox-Hut und an all die Geschichten, welche die Kennedys umgeben. Camelot kommt einem in den Sinn. Das Mrchenschloss, zu welchem Jackie das Weie Haus machte. Viele werden auch an Johns Affre mit Marilyn Monroe denken. Wer sich aufgrund dieser Assoziationen bei "Jackie" auf einen Film ber eine Modeikone oder eine epische Familiensaga einstellt, wird bitter enttuscht. Larrans Spielfilm verzichtet zugunsten einer Charakterstudie auf Camelot. Monroes Name fllt nicht ein einziges Mal und John ist kaum zu sehen. Stattdessen liegt der Fokus ganz auf Jackie und ihren verschiedensten Facetten. Da ist der Medienprofi, welcher sich in Szene zu setzen wei. Die junge Mutter, die ihre Kinder beschtzen will. Die Witwe, die den Tod ihres Mannes verarbeiten muss. Das Mitglied des berhmten Kennedy-Clans, das mit der Verwandtschaft hadert. Larran zeigt eine starke Jackie, die energisch Entscheidungen trifft und sogar verlangt, mit dem Mrder ihres Gatten zu reden. Genauso portrtiert der Regisseur jedoch auch eine schwache Prsidentengattin. Eine Frau, die viel raucht, trinkt und wie ein Geist durch das Weie Haus wandelt. Die strksten Momente sind jene, in denen Jackie ganz allein ist. Etwa, wenn sie sich in einem dunklen Badezimmer die Fingerngel schruppt, um sie von dem Blut ihres ermordeten Mannes zu reinigen. Diese Augenblicke geben dem Film eine Intimitt, welche den Schmerz der jungen Frau sprbar macht. Der Film ist leise und unaufdringlich. Das kann ihn mitunter langatmig erscheinen lassen, arbeitet jedoch oft zu seinem Vorteil. Nie arten Spannungen in der Familie zu sentimentalem Familiendrama aus und nie braucht es pathetische Reden, um Gefhle auszudrcken. Durch genau diese ruhige Darstellung fhlt sich der Film authentisch an. Wobei Larrans Werk selber jedoch offensichtlich mit der Frage nach Authentizitt spielt.

Kunstvolle Knstlichkeit

Die Wahrheit und die Medien sind ein stndiges Thema in dem Werk. Jackie selbst kontrolliert beispielsweise penibel ihr Bild in der ffentlichkeit. So wirft Larran selbst stndig die Frage danach auf, was Wahrheit und was Trugbild ist. Natrlich schliet das seinen eigenen Film mit ein. Letztendlich ist auch diese Jackie ein fiktives Wesen. Ein Charakter aus einem Drehbuch, den der Regisseur in ausgewhlten Situationen zeigt. Ein knstliches Gebilde, geschaffen durch Licht, Make-Up, Kameraeinstellungen und nicht zuletzt Natalie Portmans ausdrucksstarkem Spiel. Diese Knstlichkeit bringt dem Film allerdings keine Minuspunkte. Sie regt zum Denken an und schafft es so, dass der Film ber sein offensichtliches Thema, Jackie Kennedy, weit hinausgeht.

Gehirnzellen statt Taschentcher

Wohl nicht zuletzt dank Natalie Portmans Oscar Nominierung gab es einen Hype um Larrans Werk. Diese Aufmerksamkeit hat "Jackie" vllig verdient bekommen. Der Spielfilm hat zwar Schwchen, er ist dennoch sehr sehenswert und diesen Umstand verdankt das Werk nicht nur Natalie Portmans wirklich guter schauspielerischer Leistung. "Jackie" ist ein intelligenter Film. Ein Spielfilm, welcher Fragen aufwirft und den Zuschauer herausfordert, anstatt nur stumpf auf die Trnendrse zu drcken. Obgleich letzteres allein von der Geschichte her sicher mglich gewesen wre. Kurzum: "Jackie" bietet keine Popcorn-Unterhaltung und ist damit die richtige Wahl fr alle Filmfans, die lieber ihren Kopf als ihre Taschentcher benutzen.



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