Ein Orchester spielt. Wagners Ritt der Walkre drhnt durch den Saal. Dort steht sie in einem pompsen Kostm, eine Frau ohne Gleichen. Lang die Wallemhne gekrnt mit einem silbernen, beflgelten Wikingerhelm, bauschig das hellblaue Kleid ein Traum aus Samt und Chiffon. Die Spannung steigt. Nervs schaut sich die Frau um. Wird sie gleich singen? Suchend blickt sie in die Kulissen. Dort steht ihr Ehemann, der ihr beruhigend zunickt. Noch ein paar Sekunden, dann fngt sie an zu singen? Nein, dann fllt der Vorhang und das Standbild ist vorbei. Tosender Jubel bricht los. Das Publikum ist begeistert. Der Zuschauer ist verwirrt. Warum hat sie denn nicht gesungen?

Groe Ziele

Florence Foster Jenkins
Verleih: Constantin Filmverleih
Genre: Drama
Regie: Stephen Frears
Darsteller: Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg, Rebecca Ferguson
Filmlaufzeit: 110 Minuten
Bis Florence Foster Jenkins tatschlich zum ersten Mal singt, vergeht fast eine halbe Stunde des Films. Animiert von ihrem Ehemann St. Clair, fngt sie wieder an Gesangsunterricht zu nehmen. Dafr wird ein Pianist bentigt, der Florence bei ihren tglichen Proben und den Gesangsstunden begleitet. Bei einem Vorspielen finden sie Cosm McMoon, der sein Glck kaum fassen kann bis er Florence zum ersten Mal singen hrt. Es klingt furchtbar schief und gepresst. Ist es malose Selbstberschtzung oder hrt sie tatschlich nicht, wie sie klingt? Angeregt von ihrem vermeintlichen Erfolg bei einem kleinen Konzert vor wohlwollenden Freunden, hat sie sich in den Kopf gesetzt, eine Vorfhrung ausgewhlter Stcke in der Carnegie Hall zu geben. Ein Traum, den sie sich erfllen mchte, auch wenn es sie das Leben kostet.

Schne Nebenrollen

Die schauspielerische Leistung des Ensembles ist beachtlich. Kaum vorstellbar, wie oft etwas abgebrochen werden musste, weil die Schauspieler nicht ernst bleiben konnten. Das muss Disziplin gefordert haben. Was unschn aufstt, ist, dass Simon Helberg als Cosm McMoon nicht selber Klavier spielt. Oft passen die Tne und das Klimpern auf den Tasten nicht zusammen. Das ist verwirrend. Seine Synchronstimme passt weder zu seiner Rolle noch zu seiner Person. Aber das ndert nichts daran, dass er zusammen mit dem Zuschauer eine Entwicklung durchmacht. Durch ihn lernt das Publikum Florence Lebensgeschichte kennen.

Ein gealterter Hugh Grant spielt einen berzeugenden St. Clair. Die Hingabe, die er seiner "Bunny" entgegenbringt, ist rhrend. Wahre Liebe bentigt nicht zwangsweise eine sexuelle Komponente.

Der Star

ist ganz klar Meryl Streep als Florence Foster Jenkins. Zu Recht hat die Academy sie fr den Oscar nominiert. Als Schauspielerin ist sie extrem wandelbar und vielseitig, was sie auch bei diesem Film wieder unter Beweis stellt. Dass Streep auch alle Lieder selber gesungen hat, ist bemerkenswert. Ihr wahres Gesangstalent offenbart sich dem Zuschauer erst ganz am Ende.

Als Florence schon im Delirium liegt, zeigt sich, wie sie sich selber gehrt hat. Leider geht dieses Detail vollkommen unter. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit. Mit 18 Jahren erkrankt Jenkins an der Syphilis. Sie erhlt eine Therapie mit Quecksilber und Arsen. Dadurch fallen ihr nicht nur die Haare aus, sondern Krankheit und Medikamente stren auch ihr musikalisches Empfinden. Jenkins hat sich und ihre Stimme tatschlich ganz anders wahrgenommen als ihre Mitmenschen. Es wre wnschenswert, wenn dieses Detail besser herausgearbeitet worden wre.

Gewollte Folter

Wer sich "Florence Foster Jenkins" anschaut, muss darauf vorbereitet sein, dass sich bei den schiefen Tnen die Zehenngel krmmen und mitunter die Ohren anfangen zu weinen. Diejenigen, die bereit sind, dieses Risiko einzugehen, kriegen fast zwei Stunden gute Unterhaltung mit einer hervorragenden Meryl Streep, schnen Kostmen und Bhnenbild geboten, mehr aber auch nicht.



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