Vom Hrsaal ins Bett mit einem fremden Mann fr Bezahlung. Immer wieder berichten die Medien von Frauen, die sich prostituieren, um ihr Studium zu finanzieren. Was die Redakteure damit bewirken wollen? Schocken! In den meisten Fllen funktioniert das wohl.

Der Film "Fucking Berlin" ist anders. Er erhebt nicht den Zeigefinger, sondern nimmt den Zuschauer mit in eine gleichsam bunte, aufregende und verstrende Welt. Er hilft, zu verstehen. Dafr wechselt er die Perspektive und begleitet eine Prostituierte auf ihrem Weg im Rotlicht.

"Berlin ist ein Rhythmus"

Fucking Berlin - Studentin und Teilzeithure
Verleih: EuroVideo
Genre: Drama
Darsteller: Svenja Jung, Mateusz Dopieralsky, Christoph Letkowski
Regie: Florian Gottschick
Filmlaufzeit: 96 Min.
Die Mathematik-Studentin Sonia (Svenja Jung) zieht nach Berlin. Ihre Ziele: Den Abschluss an der Uni schaffen und vielleicht eine Beziehung fhren. Doch Berlin hat seinen eigenen Rhythmus und bringt ihren persnlichen schnell durcheinander, bis sie ihn ganz verliert. Schnell bestimmt der Obdachlose Ladja (Mateusz Dopieralski) den Takt ihres Herzens und ihres Lebens. Sie genieen das wilde Nachtleben Berlins, das ihnen schnell das Geld aus der Tasche zieht. Weil sie keinen Job findet, entscheidet sich Sonia, als Mascha vor die Webcam zu treten - nackt. Der freie Fall beginnt. Immer weiter rutscht sie ins Milieu ab. Schlielich sucht sie Arbeit in einem Wohnungsbordell, weil die Prostitution mehr Geld verspricht.

Sie scheitert am Spagat zwischen Studium, Beziehung und Job. Eins kommt immer zu kurz. Andererseits verdient sie schnelles Geld und findet in den Prostituierten der "Oase" eine Familie. Manchmal ist sie sogar lieber Mascha, die sich Sonias Krper nur ausleiht. Sie bewegt sich zwischen Geborgenheit und Verzweiflung, zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Wollen und Mssen, zwischen lauten und leisen, zwischen hohen und tiefen Tnen. Der Takt Berlins wird immer schneller und zieht sie mit, bis sie nicht mehr los kommt. Aus Freiheit wird Gefangenheit. Sie hat kaum Zeit, bewusst eine Entscheidung zu treffen. Authentisch zeigt der Film, wie passieren kann, was sich keiner vorstellen mag, meist nicht einmal die Betroffenen selbst.

Vor der Musik war das Wort

Florian Gottschick verfilmt den gleichnamigen, autobiografischen Roman von einer Frau mit dem Pseudonym Sonia Rossi. In dem 2008 erschienen Buch beschreibt sie ihre Ttigkeit in Berlins Wohnungsbordellen ganz persnlich aus erster Hand. Ungefhr zur Verffentlichung beendet die echte Sonia ihre Sexarbeit. Sie schliet ihr Studium ab und soll heute mit ihren zwei Kindern in Berlin leben und in der IT-Branche arbeiten.

"Fucking Berlin" erklrt und berhrt. Der Film zeigt alle Facetten eines Lebens, das aus der Bahn gert, mal ganz schwarz, mal schillernd bunt. Aber immer so, dass der Zuschauer nicht verurteilen kann, sondern mitfhlen muss. Er zeigt die Abgrnde der Grostadt, der modernen Welt und der Menschen auf. "Fucking Berlin" ist ein Film, nach dem jeder erst einmal durchatmen muss.



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