Ein kleines Mdchen streift einsam durch ein riesiges, vornehmes Herrenhaus. Sie wirft sich auf das groe, verlassene Bett ihrer Mutter und ruft: Mami! Mami! Die Fotografie ihrer Mutter verdeckt sie mit einem Schal, als sei ihr die Erinnerung an sie viel zu schmerzhaft. Erst drauen in der Natur wird die Kleine frhlich und ausgelassen. Lachend rennt sie durch den Wald, pflckt wilde Blumen und lsst sie trumend den Flu hinunter treiben. Jahre spter ist aus der kleinen Julie, die Tochter des Grafen und Gutsbesitzers, eine achtbare Hausherrin geworden. Ihre kindliche Einsamkeit hat sich in pathologischen Liebeshunger verwandelt. Da wundert es nicht, dass Frulein Julie (Jessica Chastain) whrend der Abwesenheit ihres Vaters am Mittsommerfest mit dem ehrgeizigen Hausdiener Jean (Colin Farell) zu flirten beginnt. Jean, der von sozialem Aufstieg trumt, schon als kleiner Junge in die hher stehende Julie vernarrt war, jedoch mit der braven Kchin Kathleen (Samantha Morton) liiert ist, erwidert die Annherungen Julies. Es beginnt ein psychologisches Spiel zwischen Sehnsucht und Machtgier, aggressiver Leidenschaft, aufrechter Zuneigung und intriganter Verfhrung.

Das tragische Nachspiel einer einsamen Kindheit

1889 empfand das Publikum die Tragdie Frken Julie des schwedischen Dramatikers August Strindberg als einen Skandal. Bis 1906 war die Auffhrung in Schweden verboten. Heutzutage lsst sich die damalige Brisanz, die in der Thematisierung einer Standesgrenzen berschreitenden Sexualitt lag, nicht mehr recht nachvollziehen. Die Erwartungen an die Neuverfilmung von
Frulein Julie
Verleih: Alamode Film
Darsteller: Jessica Chastain, Colin Farrell, Samantha Morton
Regie: Liv Ullmann
Genre: Literaturverfilmung
Filmlaufzeit: 104 Minuten
Liv Ullmann waren hoch. Immerhin war sie die Lieblingsschauspielerin des berhmten Regisseurs Ingmar Bergmann, der in den 50er bis 80er Jahren mit kunstvollen und provokativen Filmen glnzte. Ullmann legt den Fokus bei ihrer Adaption auf die Einsamkeit der Hauptfigur. Sie pocht auf ein Gefhl, das jeder von uns kennt und trotz zeitlicher Unterschiede nachvollziehen kann. Indem sie der Handlung der Tragdie Kindheitsszenen Julies voranstellt, sieht der Zuschauer in ihr in erster Linie das vernachlssigte, von ihrer Mutter verlassene Kind.

Sensible aber eindimensionale Umsetzung

Auf der einen Seite gelingt Ullmann so eine berhrende, psychologisch plausible Charakterstudie, die durch das gelungene Schauspiel von Jessica Chastain berzeugt. Auf der anderen Seite verliert die weibliche Hauptfigur durch die einseitige Erklrung ihrer Persnlichkeit aber auch an Tiefe und Rtselhaftigkeit. "Sie sind krank. Sie sind bestimmt krank", sagt Jean an einer Stelle zu Julie. Raubt die Regisseurin der Figur aber nicht ihre Komplexitt, wenn sie deren neurotische und exzentrische Gefhlsausbrche lediglich als logische Folge ihrer traumatischen Kindheit darstellt? Auch das Ende der Handlung verliert bei Ullmann seine Mehrdeutigkeit. Im Gegensatz zu Strindberg, der mit einem offenen Ende schliet, lsst Ullmann keinerlei Raum fr Fragen und endet klischeehaft dort, wo sie begonnen hatte - mit Julies einsamer Flucht zurck zu Mutter Natur.

Gekonntes Schauspiel mit wenig neuen Impulsen

Whrend sich die Regisseurin hier besser an die literarische Vorlage gehalten htte, fehlt es der Adaption an anderen Stellen an eigenen Akzenten. Die Verfilmung bleibt so nah am Original, dass sie unkreativ und altmodisch wirkt. Ein bichen mehr Mut zu eigenen Anstzen htte der Umsetzung gut getan. Strindberg-Fans mgen an der solide inszenierten, schauspielerisch gelungenen Adaption Gefallen finden. Obwohl Farells Spiel an manchen Stellen etwas overacted wirkt, schaffen es die Darsteller insgesamt die Ambivalenz der Figuren, ihr Schwanken zwischen Authentizitt und Verstellung, Verliebtheit und Verachtung zu verkrpern. Der Zuschauer sieht einen emotionalen Geschlechterkampf, in dem niemals lange feststeht, wer herrscht und gehorcht, wer liebt und wer den anderen manipuliert. Da Ullmann die Handlung des Stcks nach Irland verlegt, gewinnt die Figur des Jean im englischen Original durch den irischen Akzent von Farell an Glaubwrdigkeit. In der deutschen Synchronisation hingegen wirken die Dialoge oftmals undynamisch und gestelzt. Nicht zuletzt deshalb bleibt der Zuschauer eher enttuscht und gelangweilt als begeistert zurck. Wer bei Frulein Julie unkonventionelle Kunstgriffe oder filmische Experimente la Ingmar Bergmann erwartet, wird jedenfalls enttuscht.


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