Der Flughafen Paris-Orly in den Neunzigern. Eine junge Frau mit langem schwarzen Haar sitzt im Wartebereich. Ein Schnheitsfleck ziert ihre Nase, mit ihren groen Augen schaut sie trbsinnig aus dem Fenster. In der Hand hlt sie eine Zigarette. Die Zwanzigjhrige heit Marjane Satrapi und stammt aus Teheran. Ihr Heimatland, der Iran, hat eine turbulente Zeit hinter sich. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat es den Sturz seines Schahs, eine Revolution und einen Krieg miterlebt. In der Graphic Novel (auf Deutsch "Comic-Roman") Persepolis hat Marjane Satrapi diese Geschichte in schwarz-weien Bildern festgehalten. Bereits 2007 fr das franzsische Kino als Animationsfilm auf die Leinwand gebracht, ist die autobiografische Geschichte ihrer Jugend ab dem 7. Mrz wieder auf DVD erhltlich.

"Ich, Marjane, zuknftige Prophetin"

Teheran, 1978. Marjane ist ein aufgewecktes, neugieriges und freches kleines Mdchen. Sie liebt Filme von Bruce Lee, treibt gerne Schabernack mit ihren Freunden und lauscht gespannt den Gesprchen der Erwachsenen. Whrend sich in ihrem Land groe Unruhen ankndigen, trumt sie davon, spter Prophetin zu werden. Teheran, 1980. Eine Gruppe junger Mdchen steht aufgereiht im Pausenhof. Durch die Lautsprecher drhnt der Aufruf, der Mrtyrer des Landes zu gedenken, und die Mdchen gehorchen. Mit ihren schwarzen Kopftchern bilden sie eine einheitliche Masse, es fllt auf dem ersten Blick schwer, Marjane zu erkennen. Im Rhythmus ihres Pulses schlagen sich die Mdchen auf das Herz. Spter im Unterricht erfahren sie, wie die Freiheit der Frau nach dem Kopftuch verlangt.
Zwischen diesen beiden Szenen sind zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre, in denen sich der Iran stark verndert hat. War er zuvor noch ein ziemlich fortschrittliches Land, das angefhrt wurde von einem Schah, steckt er nun im Krieg mit dem Irak und befindet sich in einem kulturellen Mittelalter. Der bergang von dem einen totalitren Regime zum anderen hat viele Opfer gefordert und viele Menschen die Freiheit gekostet.
Persepolis (Frankreich 2007)
Verleih: Universal Home
Genre: Animationsfilm
Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud
Synchronisation (deutsche Version): Nadja Tiller, Zischler, Hanns, Jasmin Tabatabai
Sprachen: Deutsch, Franzsisch
Laufzeit: ca. 91 Minuten
Verleih: Universum Film (bereits erschienen)


Auch Marjanes Familie hat schwere Verluste erlitten. Der anfnglichen Euphorie ber den politischen Wandel weichen die Trauer und das Entsetzen. Hatte man anfangs groe Verbesserungen vorausgesehen, frchtet man sich jetzt vor der ungewissen Zukunft.
Marjanes Eltern fhlen sich machtlos gegenber dem Regime und dessen politischer Willkr. So schicken sie ihre jugendliche Tochter schweren Herzens nach Europa.

Persepolis: die Ruine einer ehemaligen Knigsstadt

Es fhlt sich an wie eine Geschichtsstunde, die im Nu vergeht. Bereits der Titel ruft Assoziationen zur Jahrtausende alten persischen Kultur hervor. Wir sind Schler, die gebannt den Geschehnissen im Iran folgen und einer "Lehrerin" lauschen, die wei, wovon sie spricht. Wir lachen und weinen bei dieser Erzhlung, die alle Zutaten fr einen packenden Film bereithlt: Spannung, Witz und Tiefgang. Doch trotz seiner stark persnlichen Frbung fllt der Film kein Urteil.

Marjane hat einen starken Charakter: Sie ist phantasievoll, aufgeweckt und selbstbewusst. Sie zeigt uns, dass man einem Volk zwar eine Ideologie vorschreiben, eigenstndiges Denken jedoch nicht unterdrcken kann. Auch die anderen Figuren sind sehr sympathisch und wecken viel Empathie. Da gibt es den idealistischen Onkel Anouche, der bereit ist, fr seine Werte zu sterben. Oder auch die Eltern Satrapi, die aus Vernunft und Liebe zu ihrer Tochter eine folgenschwere Entscheidung treffen mssen. Und schlielich die Gromutter, eine herzliche und herrlich amsante alte Dame, bei der jeder Satz ein Aphorismus ist. Musik, die mal schwermtig und ein andermal wieder heiter ist, und ausdrucksstarke Bilder entfhren uns mhelos in eine fremde Welt. Der Film mag zwar in Schwarz-wei sein, seine Botschaft ist es jedoch nicht.

Wer bislang erfolgreich an diesem Film vorbeigegangen ist, sollte die Gelegenheit ergreifen, das Versumte jetzt nachzuholen.



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