Sybille Langhoff, Ehefrau und Mutter von zwei Kindern entscheidet sich im Fernsehfilm Der letzte schne Tag zu sterben. Sie resigniert und berlsst ihrer Depression die Macht ber ihr Handeln - In Deutschland mssen in jedem Jahr 10 000 Familien mit dem Suizid eines Angehrigen fertig werden. Autorin und Grimme-Preis-Trgerin Dorothee Schn hat ihre persnlichen Erfahrungen mit diesem uerst sensiblen Thema im Drehbuch des auf seine eigene Art und Weise wunderbaren Films verarbeitet. Regisseur Johannes Fabrick setzte die Aufzeichnungen so realistisch um, dass der Zuschauer die gesamten 90 Minuten mit einer Ohnmacht in die Welt der Tragdie entschwindet.

Ein Abschied, der keiner ist

Der letzte schne Tag ist ein sonniger Tag, an dem wir die Protagonisten der Reihe nach kennenlernen. Sybille Langhoff ruft zunchst ihren Mann Lars auf der Arbeit an, ihre 14-jhrige Tochter Maike auf dem Weg zur Freundin und den 7-jhrigen Piet beim Fuballspielen. Keiner bemerkt etwas am Telefon, es gibt keinen Abschied. Doch Sybille plant den Abend so, dass die Kinder nicht zuhause sind und Lars von nichts wei. Nach einer Nacht voller Sorgen und Ratlosigkeit ber Sybilles Verbleiben findet Ehemann Lars, gespielt von Deutschlands Kultschauspieler Wotan Wilke Mhring, seine Frau tot unter einem Baum im Wald auf. Von da an gert die Welt der Familie Langhoff vllig aus den Fugen.

Der Fernsehfilm Der letzte schne Tag zeigt so realistisch und brutal, wie das Leben einer Familie durch den Selbstmord der depressiven Mutter erschttert wird und macht deutlich, was fr Schwierigkeiten von nun an im Alltag zu bewltigen sind. Es fngt an mit der schrecklichen bermittlung der Nachricht an die Kinder, die dem Zuschauer regelrecht das Herz bricht. Eine Beerdigung muss ebenfalls geplant werden, eine Grabsttte und der Sarg muss ausgesucht werden, doch auch die berlegungen des kleinen Piet, ob er am nchsten Tag in die Schule gehen soll, zeigen die Banalitt der Dinge und das Fortschreiten der Normalitt. Der Film macht so einfhlsam und berzeugend deutlich, wie jeder Mensch, jeder Protagonist anders mit dem Verlust der Mutter umgeht. Es ist ein Zusammenspiel aus Trauer, Wut, Verzweiflung und vor allem einer Art Benommenheit. Man erfhrt so eindrcklich, wie paralysiert die Hinterbliebenen einen neuen Alltag meistern mssen, bestehend aus Selbstvorwrfen und der Frage nach dem Warum.

Die beeindruckende schauspielerische Leistung bewegt

Der letzte schne Tag, (D 2012)
Verleih: Edel Germany
Genre: Drama
Filmlaufzeit: 90 min
Regie: Johannes Fabrick
Darsteller: Wotan Wilke Mhring, Matilda Merkel,
Nick Julius Schuck, Julia Koschitz
DVD-Verffentlichung: bereits erschienen
Wotan Wilke Mhring gelingt eine exzellente Darstellung des Ehemanns, der versucht, den Kindern gegenber Strke und Tapferkeit im Umgang mit der Trauer vorzuleben. Doch bei der Beerdigung verliert auch eher die Fassung und bricht zusammen. Es ist die Tragik, die Betroffenheit, die den Zuschauer bermannt. Lars realisiert im Prozess der Trauer, wie stark Sybilles Depression wirklich war und kmpft mit dem Gefhl, jegliches Vertrauen in die Menschheit verloren zu haben. Durch einen Selbstmord ist nicht nur die Zukunft der Angehrigen ungewiss, auch die Vergangenheit wird zutiefst in Frage gestellt. Nichts ist mehr so wie es einmal war. Auch die schauspielerische Leistung der Kinderdarsteller ist berragend. Piet, der mit seinen 7 Jahren nicht begreifen kann, warum seine Mama sich aus freiem Willen fr den Tod entschieden hat und sich wie alle anderen Betroffenen fragt, ob die Mama wegen ihm traurig war. Die kindliche Naivitt wird so eindrucksvoll bermittelt, als er seinen Vater fragt, ob er Sybilles Handy behalten drfe, da sie es ja nun nicht mehr braucht. Die pubertierende Maike hatte sich vor dem Selbstmord mit ihrer Mutter gestritten. Sie verkrpert wohl das, wovor man sich selbst am meisten frchtet dass die letzten Worte mit einem lieben Menschen keine lieben Worte sind. Maike personalisiert die Wut der Hinterbliebenen. Sie versucht sich stets zu beherrschen, was ihr durch diese Wut auf ihre Mutter zunchst gelingt. Doch letztlich ist es die Wut auf sich selbst, die sie berwltigt.

Selbstmord? Freitod? Suizid?

Bei der Beerdiung beschftigen sich Angehrige mit dem Begriff des Selbstmords, dem Suizid, dem Freitod. Ein Thema, manchmal auch ein Tabuthema, was in unserer Gesellschaft oft Fragen aufwirft und kontrovers diskutiert wird. Und obwohl man im Laufe des Films Sybilles Worte in ihrem Abschiedsbrief, ihre Krankheit sei strker als sie, zu verstehen versucht, bleibt am Ende trotzdem die Fassungslosigkeit ber das Geschehene.
In dem Lied, das auf der Beerdigung vorgelesen wird, heit es Ich werde fortgehen, Kind. Doch du sollst leben und heiter sein. Der Film legt so einfhlsam und bewegend dar, wie die Vorstellung des Weiterlebens fr die Angehrigen zur groen Qual wird. Und doch zeigt er ebenso gut, dass das Leben weiter geht. Es muss weiter gehen. Die letzte Szene, in der Lars, Piet und Maike den Anrufbeantworter neu einrichten drckt mehr aus als tausend Worte. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, er muss beginnen. Er beginnt mit Tragik, aber ebenso mit Hoffnung.

Kein trivialer Unterhaltungsfilm, sondern liebevoll inszeniertes Trauerspiel

Der letzte schne Tag, ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis 2012 ist kein Film fr einen Samstagabend. Er ist kein trivialer Unterhaltungsfilm, sondern ein Trauerspiel, das auf liebevolle und einfhlsame Art und Weise seinen Zuschauern die Entsetzlichkeit des Geschehenen vor Augen fhrt und zugleich den Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen vorfhrt. Durch seine groartige Inszenierung und durch die Behandlung des Themas Selbstmord, das einen gesellschaftlichen Brennpunkt darstellt, wie auch das Thema Depression als Krankheit, ist er jedem zu empfehlen, der es auch mal ernster mag.

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