Der 35-jährige Michael (Michael Fuith) ist ein recht unscheinbarer Typ, der seinen Lebensunterhalt als Versicherungsangestellter verdient. Wenn er nach der Arbeit nachhause kommt, lässt er erstmal seine Rollladen herunter, damit die Nachbarn nicht hinter sein „kleines Geheimnis“ kommen: Im Keller hält er den 10-jährigen Wolfgang (David Rauchenberger) gefangen, an dem sich der Pädophile regelmäßig vergeht. Der Film dokumentiert die letzten fünf Monate von Wolfgangs Gefangenschaft.

„Michael“, das Regiedebüt des Österreichers Markus Schleinzer, gehört zweifelsohne zu den unangenehmsten Filmen der letzten Jahre (bzw. aller Zeiten). Ander als ebenfalls unter dem „Kino Kontrovers“-Banner erschienene Filme wie beispielsweise Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ oder Noés „Irreversibel“ zieht „Michael“ sein Schockpotential allerdings nicht aus dem Gezeigten, sondern eben aus dem, was der Zuschauer nicht sieht. Natürlich wird der Film in jenen Szenen, in denen sich Michael an seinem Opfer vergeht, nicht explizit, aber gerade deshalb ist man gezwungen sich seinen Teil zu denken – Wenn eine Szene damit beginnt, wie Michael Wolfgang beim gemeinsamen Waldspaziergang beim Erbrechen hilft, möchte man als Betrachter am liebsten gleich mitkotzen!

Zum Unwohlsein trägt auch die semi-dokumentarische Inszenierung einen erheblichen Teil bei: Die Kamera verharrt meistens statisch, neutral beobachtend, auf dem Geschehen im Hause (und Keller) des pädophilen Michaels , Hintergrundmusik gibt es nicht und der On-Screen-Sound klingt wie mit der eigenen Billig-Kamera aufgenommen – So wirkt alles sehr unangenehm real. Erklärungen für Michaels Verhalten liefert der Film nicht. Daran dürften einige Zuschauer ordentlich zu knabbern haben.

Mit den beiden Hauptdarstellern hat Markus Schleinzer ein glückliches Händchen bewiesen (Nicht umsonst arbeitete er zuvor u.a. als Casting-Director für Michael Haneke). Neben Michael Fuith, der es schafft, Michael trotz seiner verachtenswürdigen Neigung als durch und durch menschliches Monster darzustellen, brilliert auch Jungdarsteller David Rauchenberger in der äußerst anspruchsvollen Rolle als Wolfgang, der versucht, sich so gut wie möglich mit seiner hoffnungslosen Situation zu arrangieren. Man leidet förmlich mit dem Jungen mit.

Michael, (Österreich 2011)
Verleih: Euro Video
Genre: Drama
Filmlaufzeit: 92 min
Regie: Markus Schleinzer
Darsteller:Michael Fuith, David Rauchenberger
DVD-VÖ: bereits erschienen
„Michael“ ist ein sehr schwer zu verdauender Film, der definitiv keinen Spaß macht und polarisiert – Darf man ein solches Monster wie Michael, dessen reale Vorbilder nicht bloß in Österreich existieren (Man erinnere sich an die Fälle „Kampusch“ und „Fritzl“!), derart vermenschlichen? (Ähnliche Debatten wurden seinerzeit auch über Bruno Ganz´ Darstellung eines anderen „monströsen“ Österreichers geführt.) Eine seriöse Auseinandersetzung mit diesem durchaus heiklen und unangenehmen Thema verlangt geradezu danach. Schließlich sind es nun mal Menschen, die anderen Menschen derart Unmenschliches antun. Das ist nicht schön, lässt sich aber nicht bestreiten.

Der Film ist, wie die letzten „Kino Kontrovers“-Veröffentlichungen, als schniekes Mediabook erschienen, welches neben einem Ausführlichen Interview mit Markus Schleinzer und Hauptdarsteller Michael Fuith ein informatives Booklet enthält, in dem der Autor „Michael“ aus einer filmwissenschaftlichen Perspektive betrachtet – Insgesamt eine erfreuliche Veröffentlichung eines (im „positiven“ Sinne) unerfreulichen Films, der mit Sicherheit nicht für jedermann geeignet ist, aber zum Nachdenken anregt.

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