Rick Grimes erwacht aus dem Koma. Er befindet sich in einem menschenleeren, verwsteten Krankenhaus. Neben einer grausig zugerichteten Leiche findet er eine verriegelte Tr, auf der die Worte stehen: Dont open, Dead inside. Oder, bei konventioneller Leserichtung, auch Dont dead, open inside. Albern? Natrlich. The Walking Dead legt die konventionelle Leserichtung aber auch nahe. Einerseits fr das Horror-Genre, in dem die Serie sich als neue Gre positioniert hat. Andererseits im US-amerikanischen TV-Serien-Kosmos, mit allen Vor- und Nachteilen, die dazugehren.

Die Abenteuer des Polizisten Rick Grimes, der sich im Umfeld der Stadt Atlanta zuerst alleine, dann mit verschiedenen anderen berlebenden durch eine Zombie-Apokalypse schlgt, wurden ursprnglich nicht frs Fernsehen geschaffen. Die Geschichte wurde 2003 von Autor Robert Kirkman als Comicserie begonnen, inzwischen gibt es 90 Einzelhefte. Die Mischung aus Horror-Standards, Wild-West-Atmosphre und Charakter-Demontage erfreut sich lngst groer Beliebtheit und wurde letztes Jahr durch den Eisner-Award geadelt.

Die Umsetzung frs Fernsehen fiel in die Hnde von Frank Darabont. Dieser ist als Regisseur und Drehbuchautor eine feste Gre in Hollywood. Sein Film Die Verurteilten geniet seit Jahren die beste Wertung in der Filmdatenbank IMDb.com, andere Werke hatten bei der Kritik nicht so viel Glck, und manchmal gehen Genie und Arroganz Hand in Hand. Bei The Walking Dead beweist Darabont sein Gespr frs Genre und fr die optimale technische Umsetzung. Dabei schiet er jedoch ein wenig bers Ziel hinaus. Die Genre-Klischees werden so selbstbewusst abgehakt, dass man sich fragen muss, was eine Zombie-Geschichte berhaupt noch neues bieten kann.

Malen nach Zahlen auf hohem Niveau

The Walking Dead, USA 2010
Verleih: WVG Medien GmbH
Genre: Horror
Filmlaufzeit: 282 Minuten (6 Episoden)
Darsteller: Andrew Lincoln, Sarah Wayne Callies, Jon Bernthal
Regie: Frank Darabont u. a.
DVD-Start: 28.10.2011
Schon die erste Szene will damit angeben, wie sehr man den Zombie-Fans, den Film-Nerds und allen anderen Experten, die sich im Internet uern werden, entgegenkommen will. Grimes bewegt sich durch totale postapokalyptische Stille, die Ruhe sorgt inmitten der Szenerie fr optimale Bengstigung und dann muss der Held ein Zombie-Kind erschieen. Schon bei 28 Days Later war das Erschieen eines (Monster-)Kindes der entscheidende Schritt bewusster Kompromisslosigkeit. Das war 2003, und tatschlich fand man damals einen etwas originelleren Einstieg in die Mr vom wandelnden Toten. Darabonts Serie wirkt stellenweise wie Malen nach Zahlen; wir wissen, was die Fans sehen wollen, also geben wir es ihnen. Das ist zwar nett, im Zweifelsfall aber auch zu durchschaubar.

Die groen Leistungen liegen eher im visuellen Bereich eine grere Produktion auf heutigem Niveau kann natrlich weit mehr bieten als ein alter B-Movie. Der US-Markt versteht sich inzwischen darauf, Fernsehen in Kinoqualitt zu produzieren. Auerdem werden die Folgen eng verwoben, wer eine Episode verpasst, muss unter Umstnden viel Plot und Charakterentwicklung aufarbeiten (weshalb Serien ja gerade so gerne am Stck auf DVD geschaut werden, wie ein langer Film). The Walking Dead macht da keine Ausnahme und erffnet dem Genre-Fan eine schne Aussicht: Ein Zombie-Film, der nie endet! Statt der Nacht der lebenden Toten die Ewigkeit der lebenden Toten. Die Kehrseite der Medaille liegt darin, dass US-Fernsehen zwar viele Vorzge, aber auch etliche Nachteile hat.

Klassenfahrt of the Dead

Oft wird Plot mit Konflikt gleichgesetzt, und Konflikt kann viel zu schnell einfache Streiterei bedeuten. Auch ein klassisches Motiv: Die berlebenden passen so schlecht zusammen, dass sie sich gegenseitig hassen, verprgeln, tten. Der Mensch ist das wahre Monster, der Zombie (oder z. B. bei Battlestar Galactica der Killer-Roboter) dagegen ja fast liebenswert. Wenn dann noch ein Liebesdreieck zwischen Grimes, seiner Frau und seinem besten Freund entsteht, darf man sich auf handfeste Soap-Querelen freuen. Waren wir nicht gerade die letzten berlebenden Menschen? Haben wir nicht eigentlich ganz andere Sorgen? Das berlebenden-Camp wirkt fast wie eine Klassenfahrt, hnlich gut sind die Sicherheitsvorkehrungen.

Wer sich an den oft simpel gestrickten Plots nicht strt und im Zweifelsfall eh zur nchsten Splatter-Schlacht vorspult, darf sich ber einwandfreie Ekel-Effekte freuen. Zwar wurde die internationale Fassung gekrzt, die Schnitte belaufen sich aber nur auf wenige Sekunden pro Folge und verrgern nur die strksten Mgen (gekrzt wurden Einstellungen Marke Axt trifft Eingeweide oder Spitzhacke trifft Kopf). Da sind definitiv genug Krperteile und flssigkeiten briggeblieben. Die DVDs bieten dafr die vollstndige Pilotfolge in berlnge sowie die blichen Bonus-Features (inkusive Zombie-Make-Up-Tipps).

Insgesamt also eine lohnende Anschaffung fr Anhnger des Genres. Trotz allen Lobs aber kein absolutes Muss wer Zombies doof und Eingeweide eklig findet, kann also einen Bogen um die Serie machen und trotzdem glcklich weiterleben.

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