|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
Lange war es ruhig geworden um Michael Jackson, und selbst die Ankündigung seines Comeback-Versuches hatte keine allzu großen Wellen geschlagen. Sein Tod im Juni 2009 wurde dann aber doch noch zu einem der größten Ereignisse des Jahres, sowohl für die Musikwelt als auch für die Medienbranche. Um den plötzlichen Fanatismus zugunsten des „King of Pop“ zu verstehen, muss man ein ganzes Jahrzehnt ausblenden: Ein Jahrzehnt, in dem Jackson als unheimliche Peter-Pan-Figur nur noch durch fragwürdige Schönheits-Operationen, fragwürdigere Baby-aus-dem-Fenster-halten-Aktionen und nie ganz geklärte Kindesmissbrauchs-Vorwürfe auf sich aufmerksam machte, jedoch nicht mehr durch Musik. Und dann geht man noch ein Jahrzehnt zurück, in die Eighties – das Jahrzehnt, in dem Michael Jackson den Höhepunkt erklomm. Die vielleicht beste Momentaufnahme dieser Zeit findet man in seinem Musikfilm „Moonwalker“ – sowohl im positiven, wie auch im negativen. Als „Moonwalker“ 1988 in die Kinos kam, waren die Reaktionen der Kritiker eher verhalten. Elvis Presley und die Beatles hatten zuvor bewiesen, dass man einen musikalischen Superstar in ein unterhaltsames Leinwand-Abenteuer stecken konnte. Bei „Moonwalker“ kam man aber scheinbar über eine Brainstorming-Session nicht hinaus. Der Zuschauer stellt sich zwischendurch vor, wie Jackson fünf Minuten lang alles aufzählte, was er sich toll vorstellte – und das wurde dann aneinandergeklatscht. So entstand eine Collage für die MTV-Generation, in der man neben der Kunstfigur des King of Pop auch sehen kann, wie der liebe Michael sich selber sah. Ist auch nicht so schwer, beide Figuren sind nämlich extrem deckungsgleich. Ein Mann wie ein Vergnügungspark Die erste Hälfte der „Show“ besteht eigentlich nur aus Videoclips. Den Anfang macht „Man In The Mirror“ live von der „Bad“-Welttournee, inklusive Frauen, die ohnmächtig aus der ersten Reihe weggetragen werden. Jackson wird bejubelt wie ein Messias, dazwischen sieht man Archivmaterial prominenter Weltverbesserer. Ein ironischer Kommentar, dass die Fans den falschen Helden anbeten, oder doch die feste Überzeugung, zu den Mächten des Guten zu gehören? Wie dem auch sei, weiter geht’s mit einem langen, ansprechenden Zusammenschnitt von Jacksons Karriere, erzählt durch seine Songs von Beginn der Jackson 5 bis hin zu den ersten Singles vom Hit-Album „Bad“. Den Mann jenseits der Musik lernt man kurz durch Photos, Fernseh-Einspielungen und andere Andenken (eine Figur von Micky Maus als „Thriller“-Zombie) kennen. Völlig unkommentiert kann das schon ein wenig langweilig werden, und man fragt sich, ob eine ungekürzte Videoclip-Sammlung nicht etwas effektiver wäre. Moonwalker, USA 1988 Verleih: Warner Home Video Genre: Musikfilm Filmlaufzeit: 89 Minuten Regie: Jerry Kramer, Jim Blashfield, Colin Chilvers Darsteller: Michael Jackson, Joe Pesci DVD-Start: 04.06.2010 Doch dann geht’s wieder weiter, zuerst mit „Badder“, einer Parodie auf das „Bad“-Video, komplett mit Kinderdarstellern besetzt; dann ein Kurzfilm, der reale Aufnahmen mit Knet-Animation mischt und im Videoclip zum Song „Speed Demon“ mündet; und schließlich noch das herausragend animierte Video zu „Leave Me Alone“. Spätestens hier wird dem Zuschauer klar: Michael Jackson im Jahr 1988, das ist ein Märtyrer der Pop-Kultur. Eine Legende, die sich nur durch eine Reihe Songs definiert. „Speed Demon“ zeigt ihn noch lächelnd auf der Flucht vor ziemlich unangenehmen Gestalten, die sein Autogramm wollen (ein Wunder, dass die fanatischen Anhänger sich hier nicht selbst wiedererkannt haben), doch in „Leave Me Alone“ wird sein Körper zu einem einzigen Vergnügungspark, den man wie eine Geisterbahn durchqueren kann. Klatschpresse, Sensations-Geschichten und Zirkus-Freaks – der schöne Schein zerbricht. Wie will Jackson da weitermachen, wenn er allen signalisiert, dass er genug hat vom Kult um seine Person? Ein Mann wie ein Spielzeug-Kampfroboter Er verschwindet in ein Märchenland, und zwar in ein ziemlich düsteres. Das etwa 40-minütige Abenteuer „Smooth Criminal“ ist das Hauptspektakel der „Moonwalker“-Show. Michael und drei Waisenkinder – Jacksons Double aus dem „Badder“-Video, John Lennons Sohn und ein blondes Mädel – decken mit ihrem Hund Skipper beim frohen Herumtollen auf einer Wiese die Geheimbasis eines bösen, bösen, sehr bösen Mannes. Ein faschistoider Drogenboss mit Vorliebe für Vogelspinnen (Joe Pesci spielt die Rolle so übertrieben, wie der Film es verlangt), der alle Erdbewohner abhängig machen will, angefangen bei den Kindern auf den Schulhöfen. Oh no! Michael und die Kinder sollen als Zeugen natürlich unschädlich gemacht werden, was dann den Hauptteil des Films darstellt. Michael wird von den Sturmtruppen des Bösewichts gejagt und landet zwischendurch im „Club 30s“. Hier gibt’s eine enorme „Smooth Criminal“-Tanznummer, in der Michael zeigt, wie sich ein guter Krimineller aus der guten alten Zeit verhält. Gegenseitiges Abstechen am Billard-Tisch ist okay, Drogen an Kinder verticken nicht. Irgendwann ist auch dieser Spaß vorbei, und im großen Finale verwandelt sich Michael noch schnell in einen riesigen Transformer mit Raketenwerfern. War dies wirklich der Wunschtraum des King of Pop? Es den Idolen wie Gandhi und Martin Luther King Jr. gleichtun und die Welt retten – indem man alle bösen Männer kaputtschießt? Hätte er sich wirklich gerne in einen riesigen Spielzeug-Kampfroboter verwandelt und alles platt gemacht, was nicht seinem Ideal einer heilen Welt entsprach? So interessant die küchenpsychologische Betrachtung auch ist, „Moonwalker“ ist definitiv nur Hardcore-Fans zu empfehlen. Eine Wundertüte voller Jacko-Schnickschnack, praktisch ohne Konzept. Technisch bietet die BluRay natürlich verbessertes Bild, die große Mühe einer umfangreichen Restaurierung hat man sich aber scheinbar nicht gemacht. In Deutschland wurde der Film übrigens neu synchronisiert, bei den geringen Dialogen sollte man aber sowieso ruhig die Originalstimme von Jackson auswählen. Extras gibt’s so gut wie keine, nur der Kino-Trailer liegt einsam auf der geräumigen Disc. Unwahrscheinlich, dass man da nicht irgendwas Interessantes hätte ausgraben können. So kann man einfach seinen Michael-Jackson-Schrein vervollständigen und zum ersten Todestag in Erinnerungen schwelgen. Oder es doch noch mal mit Amateur-Psychoanalyse versuchen. Hinter welcher Maske versteckt sich die Maske, die der wirkliche Michael ist?
|