Campus-Web Bewertung: 4,5/5
   
 

   
Es gibt neues aus dem Hause Disney: Wall-E, natrlich wieder ein Animationsfilm. Ein bemerkenswerter Film. Empfehlenswert, nicht nur wegen seiner genialen Optik, seinen charmanten "Hauptdarstellern", seiner Musik, seinem Sound. Viel mehr wegen seiner erschtternden Botschaft. Erschtternd ist aber wohl viel mehr, dass diese im Land seiner Herkunft, den USA, wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen wird.

Die Erde ist ein unbewohnbarer Planet geworden. Wir schreiben das Jahr 2700. Kein Mensch, fast kein Lebewesen befindet sich mehr auf ihr. Lediglich ein einsamer, kleiner Mllroboter, Wall-E, verrichtet wahrscheinlich seit Jahrhunderten seinen ewig gleichen Dienst, stapelt gigantische Wolkenkratzer von Metall, Abfllen, Verrottetem und Weggeworfenem. Dafr wurde er programmiert, dies ist seine Bestimmung (denkt er - das kann er zum Teil). Zurckgelassen auf dem Planeten Erde, der einzige "berlebende" aller Mllroboter. Ein E.T. aus Metall. Sein einziger Freund: eine kleine Kakerlake (diese Viecher berleben alles).

Eines Tages taucht ein Raumschiff auf und hinterlsst eine kleine, lupenrein weie Drone. Sie wurde ausgesandt, um nach Pflanzen zu suchen. Sauerstoffproduzierendem Leben. Und sie findet eine, entdeckt von Wall-E. Ein kleines grnes Etwas, das inmitten der verfallenen Hochhuser, heruntergekommen Strassenzgen, in einer ganz in Gelb-Braun gehaltenen Szenerie wie der Erlser wirkt. Das Zeichen, dass auf der Erde wieder Leben gedeihen kann. Die Drone schickt eine Botschaft an das Raumschiff, welches zurckkehrt um sie wieder an Bord zu nehmen. Wall-E springt auf und wird, als kleiner, mechanischer Roboter zum Retter der "Mensch"heit. Diese fristet auf einer gigantischen Raumstation im All ihr tristes Dasein. "There is enough space in space!" verkndet B'n'L (By and Large), der Megakonzern, der hier alles am Laufen hlt. Fr die verbliebenen Menschen.

Menschen? Verkmmerte Knochen, aufgedunsene Krper, unfhig zur Bewegung, getragen von fliegenden Sesseln, stets ein Becher mit trinkbarem Essen in der Hand und ein Bildschirm vor der Nase, ber den sie mit den neben ihnen fliegenden Nachbarn kommunizieren. Weiterhin unterhalten von riesigen Leinwnden, auf denen Werbung und anderes Geriesel luft. Eine ganz und gar sterile, durchgestylte Welt. Irgendwie kommt einem das pltzlich fast ein wenig bekannt vor...

Es stellt sich heraus, dass die Mission, das Pflnzchen als Zeichen der wieder zum Leben erweckten Erde an Bord zu holen, von den zahlreichen Robotern und Maschinen an Bord der Raumstation boykottiert werden soll. Dies gilt es zu verhindern, und so setzen Wall-E, EVE (so heit die Drone, sie ist natrlich "weiblich"), und der aus dem Dusel der Menschheit herausgerissene fette Captain der Raumstation alles daran, das Pflnzchen seiner Bestimmung zuzufhren. Gelingt es, es in einen dafr vorgesehenen Zylinder zu verfrachten, in dem es am Leben gehalten werden kann, so nimmt die Raumstation Kurs auf die Erde, um sie wieder zu bevlkern. Es gelingt natrlich, und damit nimmt man sicher nicht zuviel vorweg, und Wall-E und EVE erleben eine Romanze allzu menschlicher Ausprgung.

Das ganze klingt sicher etwas abstrus, vielleicht kitschig, aber der Film ist schlicht herzzereissend an manchen Stellen, auerordentlich sympathisch und ungewhnlich aufrttelnd.

Vielleicht habe ich als Gastkritiker ihn aber auch nur so intensiv erlebt, weil mir whrend eines Besuchs der Vereinigten Staaten unweigerlich Parallelen aufgefallen sind, die augenscheinlicher nicht htten werden knnen, als dort, wo ich den Film gesehen habe: In einer riesigen Mall im Norden von Dallas.
Wall-E - Der letzte rumt die Erde auf (Wall-E), USA 2008
Verleih: Buena Vista
Genre: Animationsfilm/Komdie
Filmlaufzeit: 98 min
Regie: Andrew Stanton
Deutsche Sprecher: Timmo Niesner, Luise Helm,
Bernhard Vlger, Markus Maria Profitlich
Kinostart: 25.09.2008


Malls. Gigantische, sterile, von Menschenhand geschaffene Lebenszentren, die Amerikanern offenbar das geben sollen, was sie von Natur aus nicht haben knnen. Stadtzentren, Orte der Zusammenkunft, des Aufeinandertreffens, des Einkaufens, Flanierens, Essens, Trinkens, Unterhaltenwerdens. Bei uns nennt man das gerne mal "Altstadt", "Sdstadt", "Fugngerzone", oder auch mal "Marktplatz". Ich trete also aus dem Kino, fahre die Rolltreppe herunter (es gibt keine Treppe, auer der am Notausgang!), und stehe da und muss erneut sehen, was mir soeben im animierten Film vor Augen gefhrt wurde. Eine automatisierte, klimatisierte, bequeme Welt fr entfremdete Menschen, die sich von Natur und Herkunft so sehr entfernt haben, dass sie an einem verzaubernden, Mozarts Trkischen Marsch innig spielenden jungen Mann einfach so vorbeilaufen ohne Notiz von ihm zu nehmen, mit einem 1-Liter-Styroportrinkbehlter in der Hand, in dem sich mit Sicherheit kein naturbelassener, frischgepresster Orangensaft befindet, auf der Suche nach dem nchsten Starbucks, in dem sie diesen Becher entsorgen knnen, um sich den nchsten zu schnappen, in den sie sich eisgekhlte Venti Latte mit Mocha und Karamell fllen lassen. Diese Menschen sind dick, sie haben teilweise Mhe, sich zu bewegen. Es fehlt nicht mehr viel, das sage ich Euch.

Bedauerlich. Bedauerlich, dass der Film sie lediglich unterhalten haben wird, anstatt sie zum Nachdenken anzuregen. Aber was soll man tun? Auer in seinen klimatisierten Wagen zu steigen, um 500 Meter nach Hause zu fahren. Weil zugegebenermaen drauen um 21:30 Uhr immer noch unertrgliche 39.4 Grad Celsius herrschen, wie mein Gefhrt mir mitteilt. Wie soll man es da auch aushalten, ohne sich eine knstliche Welt zu schaffen, die einem alles bietet was man braucht. Hm. Wirklich alles?

Geniet was ihr habt, meine lieben europischen Freunde!

Info: Tobias Gbel studierte Kommunikationsforschung und Phonetik an der Uni Bonn und arbeitet seit 2003 als Projektmanager fr die Firma VoiceObjects. Whrend einer Geschftsreise in die Vereinigten Staaten bettigte er sich als Gastredakteur fr campus-web.de und schaute sich fr euch schon mal den neuen Disney-Hit an.

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