Es ist wieder so weit: Mit Wanted und The Dark Knight stehen uns just zwei weitere Comicadaptionen ins Haus. Insbesondere der sechste Teil der (unendlichen) Batman-Saga oder der zweite der Neuinterpretation Regisseurs Christopher Nolans je nachdem, bricht in den USA bereits alle Kassenrekorde und dank brillanter PR-Strategie hat der Hype eine derartige Eigendynamik erreicht, dass differenzierte Meinungsuerung oder gar Kritik nicht mehr frei artikulierbar erscheint zu gro die Angst, als antithetischer Ungeist diffamiert zu werden und bei Lesern und Kollegen in Ungnade zu fallen.

Nolen leistete 2005 mit seinem Prequel zum Batman-Epos Batman Beginns eine kongeniale Arbeit, als er die Geschichte, die in ihren letzten Kinoepisoden in den 90ern durch ein berma an Klamauk und schriller Latex-Haut-Couture krankte, auf eine Ebene holte, die fr zuknftige Genreadaptionen neue Mastbe setzte. Noch nie zuvor war ein Superheld zugleich derart greifbar, psychologisch scharf gezeichnet und dennoch bermenschlich "monstrs" und Ehrfurcht gebietend. Nie war eine Umsetzung derart nah am (wahren) Spirit dieser Figur. Nolans erster Batman war hart, emotionsarm, ein dsterer Rcher und Beschtzer, angetrieben von seinem manischen Gerechtigkeitssinn. Sein Leid ist bedeutungslos Hauptsache Unschuldige werden bewahrt und die Verbrecher aus dem Verkehr gezogen. Eine psychisch verzerrte Figur an der Grenze zum Wahnsinn.

Ursprnglich war Batman von Bob Kane als Antwort auf Superman konzipiert. 1939 liefen die Comics rund um den blau-rot gedressten Kryptonier bereits sehr erfolgreich und der Verlag war auf der Suche nach einer neuen Figur diese sollte kein neuerlicher Klon sein. Da kam der dstere Detektiv, als den Kane Batman ursprnglich konzipiert hatte, gerade recht. Er war so vllig anders als Superman kein Auerirdischer mit Wunderkrften, keine Lichtgestalt ein Mensch, dessen einzige Superkraft sein genialer kriminalistischer Verstand ist und dessen anderen Fhigkeiten antrainiert sind oder auf Technologie basieren.

In den Folgejahren wurde Batman ein groer Erfolg, geriet aber in den 50ern auf die rote Liste der Moralhter. Der extrem prden amerikanischen Gesellschaft fiel es schwer, einen Helden zu ertragen, der seit den 40ern mit einem jungen Mann, Assistent Robin The Boy-Wonder in einem Haus zusammen wohnt, ohne dass einer von ihnen mit einer Frau liiert ist. Und dennoch berlebte die Figur und erhielt in den 80ern eine Neugestaltung vom damals noch unbekannten Frank Miller, dem man die inzwischen verfilmten Kult-Graphic-Novels Sin City und 300 verdankt. Der "neue" Batman war anders: gealtert, verbittert, eine persnliche Vendetta gegen das moralisch herunter gekommene Amerika und gegen eine durch die Medien korrumpierte Gesellschaft fhrend. Auch Robin erhielt eine skurrile Anpassung an den Zeitgeist: Als Frau mit mnnlichem Kurzhaarschnitt zog er als Leitbild einer lesbischen Kultur an der Seite eines reaktionren dunklen Ritters in die Schlacht.

Regiesseur Nolan geht eigene Wege, auch wenn der erste Teil noch teilweise vom Millerschen Geist beeinflusst schien. Die am 21. August in den deutschen Kinos startende Fortsetzung, spielt chronologisch nach Batman Beginns, lst sich aber wie noch nie zuvor von allem Vergangenem: weiter hat man sich vom ursprnglichen Batman noch nie entfernt. Nolan schert sich um nichts. Hat seine ganz eigene Vision vor Augen und befrdert Batman auf eine Ebene des Realismus, den bisher keine Comicfigur so gekannt hat. Gotham City erscheint ganz wie eine beliebige amerikanische Metropole von Gothicatmosphre keine Spur viel vom Terror und Unheil spielt sich im hellem Tageslicht ab, Verbrechen kennt halt keine Tageszeit. Inmitten dieses Szenarios wirkt Batman wie ein Anachronismus, der auf verlorenem Posten kmpft, da der (Super-)Schurke mit dem er es diesmal zu tun bekommt, nur ein Ziel kennt: Gotham brennen zu sehen.

Wie kaum ein Film zuvor wurde und wird The Dark Knight herbeigesehnt. Und alles, aber auch wirklich alles, was fr die Vermarktung nutzbringend verwertbar schien, wird benutzt. Selbst aus dem Tod Heath Ledgers, der Batmans Widersacher Joker verkrpert, wurde Legendenstoff gebastelt. Die Personifikation des Jokers htte ihn psychisch so zermrbt und schlaflose Nchte beschert, dass er zu Beruhigungs- und Schlafmitteln greifen musste, und die berdosierung oder irrtmliche Kombination zweier Medikamente wre fr seinen Tod verantwortlich. Als vor kurzem Batmandarsteller Christian Bale wegen eines Angriffs auf die eigene Schwester verhaftet wurde, machte blitzschnell eine Pressemitteilung die Runde, die besagte, dass Bale schon seit Monaten wegen Ledgers Tod depressiv war und nach einer Provokation die Kontrolle verlor.

Die Erwartung auf den zweiten Nolan-Film wird bestndig genhrt. Immer wieder wurde in den Medien thematisiert, welche berragende Leistung Ledger bei der Verkrperung des Jokers leistete. Ein wachsender Strom an Information wurde ber alle medialen Kanle gestreut, von Menschen, die dieses oder jenes aus dem Film gesehen oder erfahren haben wollten. Welle um Welle trug sich der Hype weiter und weiter und entwickelte eine vollstndige Eigendynamik. Ab einem bestimmten Punkt war die Fangemeinde vollends mobilisiert und auch die, welche nur von einigen gehrt hatten, die ihrerseits irgendwoher etwas erfahren hatten, waren nunmehr berzeugt, dass The Dark Knight die Offenbarung unter allen Comicadaptionen des Jahrzehnts oder gar des Jahrhunderts sei. So werden Einstellungen etabliert und Meinungen manipuliert. Geschickter kann man PR nicht machen und Blockbuster (vor-)programmieren.

Als es in den USA endlich losging, war es wie eine Erlsung und alles und jeder strmte ins Kino um Teil des Ganzen zu werden und mitreden zu knnen. Wie sollte man sich auch erdreisten knnen, eine Gegenposition zu beziehen oder dieses Superevent ignorieren. Gleiches gilt in Fachkreisen. Dabei wird vllig vergessen, dass Journalisten Menschen sind und die PR-Agenturen der groen Produktionsfirmen wie Warner bros. und Konsorten durchaus wissen, welche Meinungsbildner sie als erstes ansprechen, damit eine positive Grundstimmung geschaffen wird. Solche "starken Meinungen" multiplizieren sich. Denn auch in journalistischen Kreisen wird mitunter (leider) voneinander abgeschrieben und manch "Kleiner" knnte sich damit schwer tun, ab einem bestimmten Zeitpunkt eine anders lautenden Meinung konsequent zu vertreten zu gro die Angst vor Ausgrenzung und fachlicher Negation und somit die Gefahr, beruflich diskreditiert zu werden.

berdies wird auch vergessen, dass kommerzieller Erfolg noch lange kein Mastab fr Qualitt ist und Kassenrekorde damit zusammenhngen, dass die Kinopreise bestndig anziehen und The Dark Knight mit einer noch nie gesehenen Anzahl an Kopien startete, so dass manche Lichtspielhuser ihn parallel in mehreren Slen laufen lassen und der Streifen alle Konkurrenz verdrngt oder erschlgt. Dabei ist diese Geschichte, die allerseits wegen ihres genialisch vielschichtigen und komplexen Plots ber den Klee gelobt wird, furchtbar berspannt und greift recht simpel die ngste einer amerikanischen Gesellschaft auf, die seit 9/11 einen allgegenwrtigen Terror sieht und frchtet. Das ist wenig auergewhnlich und die Figur des Jokers, trotz einer sehr beachtenswerten Leistung Heath Ledgers, nicht mehr als ein durchgeknallter, grotesk geschminkter Chaosterrorist. Die viel gerhmte Dynamik zwischen den Polaritten aus Chaos (Joker) und Ordnung (Batman) hat man schon mal viel genialischer und subtiler in Heat gesehen, beim Gipfeltreffen der Giganten des Gangsterepos: Robert de Niro vs. Al Pachino.

Nolans The Dark Knight mag eine ganz eigene Vision vom Superheldenepos zeichnen, unterschlgt aber die Tradition und den Geist der Vorlagen und vergisst vllig, dass ein Batman ohne diese Elemente auch an existenzieller Mythologie einbsst. Anderseits erscheint er der aktuellen Jugendkultur auf den Leib geschneidert zu sein, die orientierungsarm in einer Gesellschaft heranwchst, die in den amerikanischen Grostdten vollends skularisiert und materialistisch geprgt ist und der spirituelle Werte vllig abhanden gekommen scheinen. Diesen liefert Batman eine Leit- und Identifikationsfigur, die unbewusst herbeigesehnt sein knnte und als moderner, entmythologisierter Archetyp herhlt. Den ursprnglichen Comicgeist lsst Nolan auen vor. Dabei haben Kino und Comic, vor allem im Superheldengenre eine Gemeinsamkeit: Larger than Life und Bigger than Reality sind magebliche Prinzipien. Blendet man diese aus, schafft man vielleicht einen "realen" Horror, der mitunter zu fesseln vermag, bringt aber die Heldenfigur an den Rand der Existenzberechtigung. Wenn Batman nun noch seinen Suit auszieht, ist man bei einem gut inszenierten Action-Thriller angelangt. Wozu also den Protagonisten noch in eine Camouflage zwngen?

Batman - The Dark Knight startet am 21. August in den deutschen Kinos. Eine ausfhrliche Filmkritik auf campus-web folgt.

Lest auch unsere Kritik zu The Dark Knight.

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