Am 3. Dezember fand im Filmforum NRW/Museum Ludwig in Kln ein Symposium des Filmbros NW zum phantastischen Film-Genre und seinem Verhltnis zur Filmkunst, zum Filmmarkt und zur Populrkultur statt. Als Gste auf dem Podium diskutierten Filmemacher, Autoren, Produzenten, Redakteure von Fernsehsendern, Filmjournalisten und Professoren der International Filmschool, Kln.

In den 1920er Jahren erlebte der phantastische Film in Deutschland seine hochkreative Phase mit Meisterwerken, wie zum Beispiel Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens", Fritz Langs "Metropolis" oder Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari". Das Film-Genre, dem nachgesagt wird, dass es seinen kreativen Ursprung einst in Deutschland hatte, ist heute in Deutschland fast gar nicht mehr vertreten, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Wie ist das mglich?


In anderen Lndern ist dieses Film-Genre mit seinen verschiedenen Spielarten Fantasy, Horror, Thriller und Science-Fiction kulturell fest verankert und gehrt zum Alltag. In Asien existiert zum Beispiel bis heute eine groe Liebe zu Godzilla in allen nur erdenklichen Variationen. Auch im amerikanischen Kommerzkino ist das Phantastische bis heute stark vertreten. Fast jeder kennt Filme wie zum Beispiel "Eraserhead", "Blade Runner", "The Fifth Element", "Sleepy Hollow" oder "The Sixth Sense". In Spanien gab es mit dem Ende der Franco-ra einen regelrechten Boom des phantastischen Films, der bis heute anhlt. Vor kurzem gelang dem mexikanischen Filmemacher Guillermo del Toro mit seinem phantastischen Film "Pans Labyrinth" sogar eine Oskar-Nominierung. Zwar erfreut sich das wandernde "Fantasy Filmfest" auch in Deutschland groer Beliebtheit; aber dass es die dort gezeigten Filme in Deutschland ins Kino oder sogar ins Fernsehen schaffen, ist eher eine Seltenheit. Welche Grnde es fr das fast vllige Verschwinden dieses Film-Genres in Deutschland geben knnte, welche Berhrungsngste existieren, welche wirtschaftlichen Umstnde es hemmen oder ob womglich der Filmnachwuchs oder die Zuschauer phantastische Filme ablehnen, waren Thema und Fragen dieses Symposiums.

Laut Julia Grnewald und Peter Henning, die beide "Drehbuch und Dramaturgie" an der ifs Kln lehren, liegt es nicht am Autoren- und Regie-Nachwuchs. Kreative Ideen sind in groer Vielfalt whrend des Studiums vorhanden und werden auch ausprobiert. Aber schon beim Abschlussfilm fgen sich die meisten in ein Mainstream-Korsett, weil sie erkennen, dass sie nur so eine wirtschaftliche Chance auf dem Markt haben knnen.

Hans W. Geiendrfer, Filmemacher und Produzent der Lindenstrasse, besttigte dies in einem kurzen Interview. Es gbe in jedem Fall gute Autoren und gute Stoffe in Deutschland. Nur leider liee sich der Filmnachwuchs zu schnell von Absagen entmutigen und hat es in den deutschen Strukturen als Newcomer ganz besonders schwer Fu zu fassen - anders als im Ausland. Ernchternd war auch, dass Hans W. Geiendrfer bisher nicht einmal erlebt hat, dass ein phantastischer Filmstoff eine Frderchance in einem Frdergremium hatte, weil diese Filme stndig mit dem Vorurteil kmpfen, sehr hohe Produktionskosten zu haben. Dies muss aber nicht unbedingt stimmen, wie die selbst produzierten Genre-Filme der Fangemeinde beweisen. Hier hat sich eine neue Sub-Kultur in der Fan-Szene entwickelt, die mit Mini-DV produzieren, zu Hause schneiden und die Filme ins Internet stellen. Leben kann man davon sicherlich nicht.

Fr eine Fernsehausstrahlung um 20:15 Uhr braucht ein Film eine "Prime-Time-Kompatibilitt", was geradezu das "Totschlag-Kriterium" fr das phantastische Film-Genre darstellt. Keine Minute lnger als 90 Minuten und die stndige Frage der Fernseh-Redakteure: "Ja, und was ist jetzt die Message? Wo ist der Realittsbezug? Die Quote muss stimmen! Wir brauchen Sozial-Dramen! Der Zuschauer will das sehen, was er auch selbst in seinem eigenen Alltag erlebt!"
Und sie scheinen Recht zu haben, was der Versuch des Hessischen Rundfunks mit dem Geister-Thriller "Das Schneckenhaus" gezeigt hat: Die Zuschauer beschweren sich noch whrend des laufenden Films per Email: "So ein Schei fr meine Gebhren!" Phantastische Stoffe scheinen unerwnscht beim Durchschnittszuschauer zu sein. Die Jobs der Redakteure knnen somit schnell zum Schleudersitz werden, wenn die Programm-Direktionen der Sender mit Experimenten nicht einverstanden sind.

Die bestehende Subventionslandschaft in Deutschland, mit scheinbar unvernderbaren Strukturen, fhrte auf dem Podium zu lebhaften Diskussionen zwischen Benjamin Reding ("Oi Warning", "Fr den unbekannten Hund"), Frank Tnsmann (Redakteur beim WDR) und Jrg Himstedt (Redakteur beim HR). Benjamin Reding konnte fr sein Projekt zum "Golem-Mythos" keinen Fernsehsender gewinnen und strebt jetzt eine europische Koproduktion an.
Der Filmjournalist Dr. Josef Schnelle zog dazu in einem kurzen Interview ein nicht sehr ermutigendes Fazit fr die Zukunft des phantastischen Films in Deutschland.

Aber unabhngig von den Strukturen und Rahmenbedingungen, scheint es auch das Phnomen der Publikumsverweigerung gegenber deutschen Horrorfilmen zu geben. Rainer Stefan (Rosebud Entertainment/Fantasy Filmfest, Berlin) sprach von starken Ressentiments der Horror-Fans, sobald ein Film aus Deutschland in deutscher Sprache ins Kino komme. Dies wre einzigartig in Deutschland. In Skandinavien, Kanada oder zum Beispiel Spanien wre die Landessprache gar kein Problem. Ein deutscher Horrorfilm, der derzeit auf den Markt kommen wrde, htte nach Rainer Stefan keine Chance auf wirtschaftlichen Erfolg. Das Vertrauen der Szene msse erst wieder hergestellt werden.


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