Hippie Masala: 3/5 Hippie Masala: 3/5 Hippie Masala: 3/5



   
 

   
 

   
 

   
Die Tatsache, dass die 60er Jahre einen schier unerschpflichen Quell an wilden Geschichten darstellen ist wohl nicht gerade neu. Angefangen mit Woodstock bis hin zu den 68er-Revolten spielten sich Freigeist-Mrchen ab, die in der westlichen Welt der jngsten Neuzeit bislang unerreicht blieben. Doch bekanntermaen halten Mrchen nur sehr selten der Wirklichkeit stand. Viele Hippies, die sich auf der Suche nach sich selbst auf die lange Reise nach Indien, der geistigen Heimat der Hippie-Bewegung, begaben verwirklichten ihren ganz persnlichen Traum von Frieden, Spiritualitt, Freiheit und Drogenexzessen. Die meisten von ihnen traten aber relativ schnell wieder die Rckreise an. Einige jedoch fhrten ihr Aussteiger-Leben in Indien weiter und sind dort heute noch. Ein Schweizer Filmteam begab sich nun auf die Spuren dieser Menschen. Das Ergebnis ist Hippie Masala. Ein auf Zelluloid gebanntes modernes Mrchen mit offenem Ende, gespickt mit Weisheiten und Erkenntnissen aber auch Enttuschungen.

Cesare aus Italien, der wohl Exotischste der Hippie-Migranten, fristet sein Leben als asketisch lebender Yogi-Mnch im Gebirge und hat eine kleine Schar nicht minder illuster dreinschauender Zeitgenossen um sich geschart. Meera aus Belgien hat sich als Eremit in der indischen Wildnis niedergelassen und geniet ihr Leben in der Abgeschiedenheit dieses verluft jedoch alles andere als problemlos. Immer wieder wird sie mit brokratischen Brden konfrontiert, die ihr den Aufenthalt schwer machen. Mit Hans-Peter zeigt das Filmteam auch einen Schweizer Landsmann, der im Himalaja einen kleinen Bauernhof betreibt. Er stellt eindeutig das am wenigsten angepasste Element im Film dar, was wohl mit ein Grund dafr ist, dass die Einheimischen ihn auch nach vielen Jahren, die er mittlerweile unter ihnen weilt noch immer nicht akzeptiert haben. Roland aus Holland ist eine der interessantesten Figuren. Er grndete in Indien eine Familie und arbeitet dort als Maler. Das leider sehr kurze aber heftige Intermezzo mit den beiden modeschpferischen Zwillinge aus Sdafrika bildet einen schrillen Hhepunkt des sonst sehr ruhigen Films.

Man knnte es sogar fast filmerische Lethargie nennen, wenn zu Beginn der halbnackte Cesare geschlagene fnf Minuten seltsame Gebrden im Wasser vollzieht und dabei flehende Gesten gen Himmel richtet. In gewisser Weise ist das auch durchaus gerechtfertigt und sogar gewollt. Nein, es passiert nicht viel in Hippie Masala, was aber kein Wunder ist, denn die Hauptakteure des Films bieten ein erschreckend geringes Bettigungsspektrum. Baden, Blumen pflcken und das Bimmeln einiger Glckchen sind die unangefochtenen Tageshighlights und natrlich der Gebrauch der omniprsenten Haschpfeife. Der Weg zu sich selbst und die individuelle Freiheit stehe im Mittelpunkt, so die Protagonisten einvernehmlich. Dies uert sich bei den fnfen auf verschiedenste Art und Weise hat jedoch pragmatisch gesehen eines immer gemeinsam: die meiste Zeit gibt man sich dem Miggang hin und haut sich in regelmigen Abstnden Unmengen an Kraut in die Lunge.

Hieraus eine abendfllende Dokumentation zu machen ist ein sehr ambitioniertes Projekt und das Ergebnis ist alles andere als massenkompatibel. Das Schweizer Filmteam verzichtet auf jeglichen eigenen Input whrend des Films. Weder eine Off-Stimme, die durch das Geschehen fhrt, noch Einblendungen, die nhere Informationen ber die Protagonisten und deren Vergangenheit geben knnten werden dem Zuschauer an die Hand gegeben. Einzig deren Namen und Herkunftsland erfhrt man. Erst zum Schluss begreift man den dramaturgischen Effekt, der damit einhergeht vor allem bei dem wirklich berraschendem Ende der Hanspeter-Episode, das vieles auf den Kopf stellt.

Die Hippie-Wanderung in den 60er Jahren besitzt nach wie vor ein enormes Romantik-Potential und wird mit dieser Dokumentation an klug ausgewhlten Fall-Beispielen 93 Minuten lang objektiv hinterleuchtet und in gewisser Weise demontiert. Den Geist, der die populre Bewegung vor fast 50 Jahren ausmachte, sucht man in Hippie Masala vergebens. Vielmehr zieht sich eine gewisse Tristesse durch den Film, die den Hippie-Spirit in dieser Form als heie Luft enttarnt. Wohlgemerkt alles ohne plakative Einflussnahme des Filmteams. Die Ausfhrungen der mitunter desillusioniert wirkenden Protagonisten und die subtilen Bilder reichen aus um auch den letzten Schwrmer ins Grbeln zu bringen. Auch die Lebensgeschichten der Akteure sind oft alles andere als von Love, Peace and Harmony gekennzeichnet. Die meisten blicken auf Lebensabschnitte im Gefngnis zurck und waren oder sind drogenabhngig - einige whlten Indien nicht mal freiwillig als Refugium, sondern hatten einfach keinen anderen Ort, wo sie hin gehen konnten.

Aber was erwartet man, wenn man einen Film ber diese Thematik ansieht? Wenn wir ehrlich sind bunte Parties mit bekifften Rastamnnern, die den ganzen Tag am Strand hngen, Sitar spielen und mit roten Augen tiefgrndige Sozialutopien vor sich hin murmeln. Diese Erwartungen werden nicht erfllt. Ganz im Gegenteil abgesehen vom obligatorischen Kiffen. Die Aussteiger leben allesamt ein Leben ohne groen Hhepunkte und Ereignisse. Und hier hlt das Kamera-Team einfach drauf. Nicht mehr, nicht weniger. Der Film betreibt aber keinen Etikettenschwindel, vielmehr ist es genau die Widerlegung dieser Erwartungshaltung, die Hippie Masala auszeichnet.

Obwohl der Film durchaus Lngen aufweist, wird er niemals uninteressant. Man muss Hippie Masala als das nehmen, was er ist. Er dokumentiert das Leben von Menschen, deren Lebensinhalt alles andere als popcornkino-konform ist. Der Film nimmt sich sehr viel Zeit, manchmal bis an die Grenze des Zumutbaren doch das ist genau der Punkt, der den Film seinen speziellen Charakter gibt. Diejenigen, die diese Zeit investieren erhalten authentische und ungeschminkte Einblicke in die sinnvoll oder nicht ungewhnlichen Lebensszenarien der Protagonisten und knnen in den ohnehin einmaligen Impressionen Indiens schwelgen. Ob das Mrchen fr die Beteiligten ein gutes Ende genommen hat liegt letztendlich im Auge des jeweiligen Betrachters.

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