Einer Redensart zufolge handelt gute Science-Fiction nie von der Zukunft, sondern immer von der Gegenwart. Wenn also 35 Jahre nach einem dystopischen Filmklassiker, seine Fortsetzung ins Kino kommt, dann stellt sich folgende Fragen: Inwiefern bietet die Fortsetzung eine Gegenwartsdiagnose? Was knnen wir ber den Menschen des 21. Jahrhunderts lernen?

Polizisten mit knstlicher Intelligenz

Blade Runner 2049
Verleih: Sony Pictures Germany
Genre: Sci-Fi
Darsteller: Ryan Gosling, Harrison Ford, Jared Leto, Robin Wright, Ana de Armas
Regie: Denis Villeneuve
Filmlaufzeit: 164 Min.
Die Rede ist von der Fortsetzung zu Ridley Scotts Meisterwerk "Blade Runner". Diesmal allerdings zeichnet sich der Kanadier Denis Villeneuve fr die Umsetzung verantwortlich. 30 Jahre nach den Ereignissen im ersten Film gibt es die Blade Runner immer noch. Sie werden immer noch Replikaten, wie es in den Filmen so schn heit, in den Ruhestand versetzen". Aber auch im Falle der Blade Runner hat die Maschine den Menschen schon lngst ersetzt. Es sind Replikanten, also knstliche Intelligenzen in Menschengestalt, die den undankbaren Job des Replikantenjgers bernommen haben. Einer von ihnen ist Officer K. Gespielt wird er in minimalistischen Tnen von Ryan Gosling. Bezeichnet wird er im Laufe des Films als Joe K. Die Anspielung auf Josef K. in Kafkas "Der Prozess" ist offensichtlich und bietet einen ersten Anhaltspunkt fr die Gegenwartsdiagnose, die der Film stellt.

Die Ordnung der Dinge

Goslings Figur versucht ber die gesamte Laufzeit hinweg, in ein System einzudringen, das unberschaubarer und komplexer nicht sein knnte. Seine Vorgesetzte (Robin Wright) erklrt K den Grund fr das Bestehen seines Metiers. Die Aufgabe der Polizei, insbesondere der Blade Runner, bestnde darin, die bestehende Ordnung durch ihre Arbeit zu schtzen. Es sei im Interesse der Brger des inzwischen gnzlich von den Auswirkungen des Klimawandels betroffenen Los Angeles entweder es regnet oder es schneit , die hierarchischen Gesellschaftsstrukturen beizubehalten. Obwohl der erstaunliche Fund, den K zu Beginn der Erzhlung macht, die Stabilitt des Systems ins Wanken bringt, stellt sich nie das Gefhl ein, hier rttelt jemand an den Grundpfeilern der kapitalistischen Machtverhltnisse. Bis zum inneren Kern der Sache dringt K niemals vor und auch wenn wir den neuen "Schpfer" der Replikanten, genannt Wallace (Jared Leto), in Aktion sehen, so erschliet sich die Gre des von ihm weitergetragenen Systems zu keinem Zeitpunkt. So wie Kafkas K., wird auch Officer K der Blick ins Zentrum des brokratischen Apparats verwehrt. Hier gibt es schlechthin kein Eindringen.

Was es bedeutet, ein Mensch zu sein

Schon im ersten Film aus dem Jahre 1982 stellte sich die Frage nach Mensch und Maschine. Wie lsst sich "Menschsein" definieren? Inwiefern heben wir uns von einer artifiziell geschaffenen Intelligenz ab? Damals behandelte der Film die Frage sowohl anhand der Gesellschaft, als auch aus Sicht des Protagonisten der Erzhlung; dem hartgesottenen Rick Deckard. In der Fortsetzung wird er grandios wiederbelebt von Harrison Ford. Bis heute ist nicht bekannt, ob es sich bei Deckard um einen Replikanten oder einen Menschen handelt. Unumgnglich scheint die Anspielung auf Ren Descartes und sein Cogito. Gerade wegen des Cogitos zieht Deckard irgendwann in Betracht, dass er vielleicht selbst ein Replikant sein knnte. Den Gegenentwurf zu diesem Protagonisten zeichnet Villeneuve in seinem Blade Runner. Bei Goslings K stellt sich dieselbe Frage, aber umgekehrt. Wenn in seinen Augen der sehnschtige Wunsch nach Menschlichkeit aufleuchtet, setzt das einen ungemein provokanten, aber durchaus berechtigten Reflexionsprozess beim Zuschauer in Gang. Wie viel Maschine steckt im modernen Menschen? Was ist es, was ihn berhaupt menschlich macht und ist er nicht lngst zur Maschine geworden? Vielleicht ein konomisches und politisches Werkzeug? Noch gegenwrtiger ist die anthropologische Tragweite: die unverblmte Tatsache, dass die bittere Tragik der menschlichen Existenz im ewigen Versuch einer Identittsdefinition, einem klaren Verstndnis seines Selbst, liegt.

Bildgewalt und Raffinesse

So wie in "Prisoners", "Arrival" oder auch dem unbekannteren "Enemy" gelingt es Villeneuve auch in der "Blade Runner"-Fortsetzung ein unverwechselbar atmosphrisches und dichtes Gleichgewicht zwischen visueller Bildgewalt und dramaturgischer Raffinesse zu etablieren. Die Bilder von Roger Deakins sind abgeschlossene, visuelle Kompositionen, die den Geist des Originals tragen und trotzdem vor einigen wenigen Modifikationen nicht zurckschrecken. Ein Film mit beeindruckenden Schauwerten.

Es sei gesagt: Das Wagnis einer Fortsetzung ist gelungen. Natrlich wird der neue "Blade Runner" kein filmhistorischer Klassiker, so viel ist sicher. Aber mit ihm ttigt Villeneuve eine ehrbare Verbeugung vor dem Original. Er schafft ein eigenes, fortgesetztes Universum, um zugleich eine zeitlose Fragestellung im Kontext einer anderen Gegenwart zu behandeln.



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