Es gibt Filme, die einen interessieren, weil der Trailer spannende Unterhaltung verspricht. Oder es spielen Schauspieler mit, die einem in frheren Filmen gefallen haben. Oder einen spricht der Stil der Regisseurin an. Oder aber die Neugier ist gro, wie die besagte Regisseurin eine Romanvorlage umsetzt. Alles vereint das Drama "Du neben mir" von Stella Meghie. Sie hat das Jugendbuch Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt von Nicola Yoon verfilmt und Amandla Stenberg - bekannt als Rue aus "Die Tribute von Panem" - spielt die weibliche Hauptrolle. Dabei sind nicht nur schne Bilder, sondern auch einiges Fragwrdiges entstanden.

Alles ndert sich

Maddy (Amandla Stenberg) hat Geburtstag. Sie wird 18 Jahre alt. Ihr Geburtstagsgeschenk? Nebenan zieht der gleichaltrige Olly (Nick Robinson) mit seiner Familie ein. Der Junge zieht Maddy sofort in seinen Bann und auch Olly kann sich dem vorsichtigen, schchternen Lcheln seiner Nachbarin nicht entziehen. Eigentlich stnde einer zuflligen Begegnung auf der Strae nichts im Wege, gbe es nicht das Problem, dass Maddy eine seltene Autoimmunerkrankung hat. Verlsst sie das Haus, ist es wahrscheinlich, dass sie stirbt. So hat sie seit fast 18 Jahren die Auenwelt nur beobachtet, aber weder erlebt noch gesprt. Die einzigen Menschen, mit denen sie physischen Kontakt hat, sind ihre alleinerziehende Mutter Pauline (Anika Noni Rose) und ihre Krankenschwester und Vertraute Carla (Ana de la Reguera). Die rumliche Trennung hlt Maddy und Olly aber nicht davon ab, eine Beziehung aufzubauen. Sie kommunizieren ber Smartphones, aber auch per Gesten und Mimik durch die Fensterscheiben. Zwischen den beiden entwickelt sich mehr als nur Freundschaft. Das fhrt dazu, dass Maddy anfngt, Einiges in ihrem Leben in Frage zu stellen.

Zwei Seiten

Du neben mir
Verleih: Warner Bros. GmbH
Genre: Drama
Darsteller: Amandla Stenberg, Nick Robinson, Ana de la Reguera, Anika Noni Rose
Regie: Stella Meghie
Filmlaufzeit: 96 Min.
Auf den ersten Blick ist der Film nett anzuschauen. Die Entwicklung der Liebesgeschichte zwischen den Teenagern ist einfhlsam dargestellt und nah an der Romanvorlage gehalten. So zieht Maddy helle, meist weie Kleidung an, whrend Olly ausschlielich schwarz trgt. Dieser Farbgebung kommt eine tiefere Bedeutung zu, denn auch Carla trgt wei. Maddys Mutter wiederum trgt dunkle, gedeckte Farben. So kann der Zuschauer sofort erkennen, von wem vermeintliche Gefahr ausgeht. Ebenfalls schn dargestellt ist die Kommunikation zwischen Maddy und Olly. Ihre SMS und Emails erscheinen auf der Leinwand, whrend sie diese schreiben oder lesen.

Auch durchweg positiv ist die im Film vertretene ethnische Vielfalt. Wenn in einer Szene viele Menschen auftauchen, erblickt der Zuschauer keine stereotype, weie Gesellschaft. Auf dem Bildschirm tummeln sich Ethnien aller Art. Vom weien Hipster bis zur Hidschab tragenden Muslima ist alles vertreten. Auch bei den Haupt- und Nebendarstellern sieht es nicht anders aus: Carla ist eine Latina. Olly und seine Familie sind das, was man im Allgemeinen als wei bezeichnet. Pauline ist eine Afro-Amerikanerin und Maddy ist multiethnisch, da ihr Vater wei war. Hier wre es schn gewesen, wenn der Film noch nher an der Romanvorlage geblieben wre, denn im Buch ist ihr Vater asiatisch-amerikanischer Abstammung. Dieser Reichtum ist fr Hollywood ungewhnlich. Es freut umso mehr, diese Mannigfaltigkeit auf der Leinwand zu sehen.

Schwer zu verstehen ist, warum Maddy immer sehr figurbetonte, knappe Kleidung trgt. So wird die Aufmerksamkeit sehr auf ihre ppige Oberweite gelenkt und fhrt zu einer bersexualisierung ihrer Figur. Welches Bild die Regisseurin damit an Mdchen und Teenager vermitteln mchte, ist sehr fragwrdig. In einem Jugendfilm die Protagonistin zum Sexsymbol werden zu lassen, ist wenig frderlich fr das in den Teenager-Jahren eh schon angeschlagene (weibliche) Selbstbild. Wie Jungen auf den berfokus auf Weiblichkeit reagieren, ist schwer vorstellbar.

Spoiler Alert!

Ab hier wird gespoilert. Wer den Film sehen mchte, sollte diesen Absatz berspringen.

Der aufmerksame Zuschauer wei schon nach dem Trailer, wie der Film endet. Bis zu einem gewissen Grad ist das Drama trotzdem spannend und glaubwrdig. Doch in dem Moment, als Maddy beschliet, aus ihrem Gefngnis auszubrechen, geht es mit der Glaubwrdigkeit bergab. Sie war fast 18 Jahre lang zu Hause eingesperrt und soll eine sechsstndige Reise in einem Bazillen schleudernden Flugzeug berstehen? Es ist schwer nachvollziehbar, dass erst die drei Tage in Hawaii am Strand dazu fhren, dass sie kollabiert.

Apropos Strand: Dadurch, dass Maddy nie das Haus verlassen hat, ist klar, dass sie nicht schwimmen kann. Nichts leichter als das. Innerhalb eines Tages lernt sie so gut schwimmen, dass ihr ein Sprung von einem zwlf Meter hohen Kliff keine Probleme bereitet. Wobei der Sprung nicht das Problem darstellt, sondern das mhelose berwasserhalten im tiefen Pazifik.

Das grte Kopfschtteln hat jedoch das Ende hervorgerufen. Maddy erfhrt, dass ihre Mutter sie 18 Jahre lang angelogen hat. Pauline wollte Maddy nicht genauso verlieren, wie ihren Mann und Sohn. Daher hat sie Maddy ihrer Kindheit und Jugend, eines normalen Lebens beraubt. Trotzdem ist es fr Maddy keine Frage, ihrer Mutter einfach so zu verzeihen. Sie nimmt ihre Mutter in den Arm, als sei das Passierte eine Lappalie. Das ist schwer zu glauben.

Nur fr Fans

Wer das Buch gut fand, kann mit dem "Du neben mir" nichts falsch machen. Die Umsetzung ist fr den Hobbykinognger schn gemacht. Die Entwicklung der ersten Liebe zwischen Maddy und Olly ist gut gelungen. Doch die Botschaft, die der Film an Teenager vermittelt ist zwiespltig. Auf der einen Seite sagt er, dass es wichtig ist, auch Dinge in Frage zu stellen. Auf der anderen Seite ist der Fokus auf dem makellosen ueren und dem perfekten Outfit zu ausgeprgt. Fans des Buchs und Teenie-Romanzen kommen bei dem Film auf ihre Kosten. Alle anderen sehen einen mittelmigen, teils langatmigen Film mit immerhin ansehnlichen Bildern.

Unsere Kritik zum Buch findet ihr hier.



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